Jochen Lüders

Englisch & Sport am Gymnasium / Tango & Tanzfeste

Lyrikanalyse

Das Analysieren von Gedichten steht derzeit nicht allzu hoch im Kurs. Man fürchtet die Schönheit des Textes zu „zerreden“ und den „emotional impact“ des Gedichts durch kognitive Analyse zu reduzieren oder gar zu zerstören. Statt rational zu analysieren lässt man lieber Bilder malen, „frozen tableaux“ inszenieren, kreative Texte schreiben usw.

Meiner Ansicht nach ist das eine verhängnisvolle Entwicklung. Rationale (auch formale) Analyse und ästhetischer Genuss werden als diametral entgegengesetzt wahrgenommen, während meiner Meinung nach die Analyse ganz im Gegenteil die VORAUSSETZUNG für Wertschätzung ist.

Das soll nun natürlich nicht heißen, dass (wie so häufig früher praktiziert) einfach stupide Metrum, Reimschema und Bilder bestimmt und benannt werden und dann noch kurz die rhetorische Frage „Do you like the poem?“ gestellt wird. (Welcher Schüler traut sich da schon ’nein‘ zu sagen, wenn er genau sieht, wie toll der Lehrer das Gedicht findet?)

Es geht vielmehr darum zu zeigen, wie bestimmte Stilmittel in einem ganz konkreten Gedicht zusammenwirken und die „Aussage“ (falls es überhaupt eine gibt) unterstützen (bzw. evtl. auch konterkarieren), mit anderen Worten ein Gedicht als LITERARISCHEN Text verständlich zu machen.

Ein ausgezeichnetes Buch zu diesem Thema ist Einführung in die Lyrikanalyse (Amazon) von Christoph Bode. In sechs Kapiteln (Metrum und Rhythmus / Klang und Strophenform / Bildlichkeit / Ausgewählte Gedichtformen / Textgestalt / Rollen, personae, modes) „rekapituliert [das Buch] ebenso zügig wie verständlich zunächst die übliche Terminologie der Lyrik-Analyse, um dann an einer Fülle von Beispielen aus der englischen und amerikanischen Dichtung zu zeigen, dass die Identifizierung und Benennung eines poetischen Phänomens immer nur der Ausgangspunkt sein kann für eine genauere Bestimmung, wie denn konkret dieses Phänomen in diesem gegebenen Kontext fungiert, wirkt und bedeutet.“

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  1. Zum Aspekt „Gedicht zerreden“:

    Brecht schrieb:
    „Wer das Gedicht für unnahbar hält, kommt ihm wirklich nicht nahe. In der Anwendung von Kriterien liegt ein Hauptteil des Genusses. Zerpflücke ein Rose und jedes Blatt ist schön.“

    Bertolt Brecht, „Über das Zerpflücken von Gedichten“, Gesammelte Werke in 20 Bänden, Band 19 (Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1967), S. 392 – 393.

    Mehr daraus z. B. auf Seite 10 dieser PDF-Datei:
    http://www.bildung-mv.de/download/fortbildungsmaterial/abi-muendlich-deutsch-vorbereitung.pdf

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