Jochen Lüders

Englisch & Sport am Gymnasium ... und ein bisschen Tango

Sinnentstellungen

Im KMS vom 5.8.2011 (pdf) heißt es, dass bei Hör­ver­ste­hens­prü­fun­gen in Bay­ern gilt: „Ein­zel­ne inhalt­li­che Recht­schreib- und Gram­ma­tik­ver­stö­ße sol­len nur bei Sinn­ent­stel­lun­gen geahn­det wer­den.“ Begrün­dung: „Da es sich um eine Über­prü­fung der Hör­ver­ste­hens­kom­pe­tenz han­delt, soll­te die­se nicht mit der Über­prü­fung wei­te­rer Kom­pe­tenz­be­rei­che ein­her­ge­hen“ (S. 10).

Zunächst ein­mal rät­selt man über die Bedeu­tung von „ein­zel­ne“. Zwei­tens ist mir nicht klar, was ein „inhalt­li­cher“ Recht­schreib­feh­ler ist. Und drit­tens fra­ge ich mich, wann eigent­lich eine „Sinn­ent­stel­lung“ beginnt.

Neh­men wir als Bei­spiel die Römer in Groß­bri­tan­ni­en (7. Klas­se) und die Tat­sa­che, dass eine tile gefun­den wur­de. Die Schü­ler sol­len nun ver­ste­hen, dass sie at the archeo­lo­gi­cal site near Dover gefun­den wur­de.

archeo­lo­gi­cal ist wohl­ge­merkt ein neu­es Wort, das gelernt wer­den soll­te. Ich bekom­me u.a. arcio­lo­gi­kal, arkeolo­gist, arki­lo­gi­cal, arche­lo­gic und noch vie­le ande­re Varia­tio­nen.

Statt site (das auch Stoff war) bekom­me ich meis­tens side oder sight. Tja, ent­stellt side jetzt den Sinn? Kann man so sehen, denn der Schü­ler hat offen­bar nicht ver­stan­den wor­um es geht, son­dern schreibt ein­fach nach Gehör irgend­was hin. Man kann es aber auch als (Leicht­sinns-) Recht­schreib­feh­ler sehen. In dubio pro disci­pu­lo …

Wenn wir mal alles kom­bi­nie­ren, haben wir at the arki­lo­gi­cal side neer Dover.

Eigent­lich soll ich ja Hör­VER­STE­HENs­kom­pe­tenz prü­fen. Hat ein Schü­ler, der so einen Quark schreibt, eigent­lich irgend­was „ver­stan­den“? Aber er bekommt vol­le Punkt­zahl, denn die Ent­schei­dung, ob der Sinn „ent­stellt“ wur­de, ist sub­jek­tiv und müh­sam (er hat doch jedes Wort „erkannt“) und des­we­gen gilt fast über­all, dass bei HV Auf­ga­ben Recht­schreib­feh­ler grund­sätz­lich nicht „geahn­det“ wer­den dür­fen.

Das Glei­che gilt für Gram­ma­tik. Neh­men wir an, die Lösung zu einer Fra­ge lau­tet: Poor peop­le did­n’t have their own baths und ein Schü­ler schreibt: Poor peep­le have not the­re own bath. Wird durch have not der Sinn ent­stellt? Natür­lich nicht, denn erken­ne ich doch, dass Schü­ler haben ver­stan­den Text. Leh­rer nur müs­sen haben biss­chen guten Wil­len.

Wesent­lich sinn­vol­ler fän­de ich es, wenn es (wie z.B. bei Fra­gen, Auf­satz und Media­ti­on) Punk­te für Inhalt und Spra­che gäbe. So könn­te es für at the archeo­lo­gi­cal site near Dover einen Inhalts- und einen Sprach­punkt geben. Wenn dann z.B. near Dover fehlt, wür­de man einen hal­ben Punkt abzie­hen bzw. einen hal­ben Feh­ler geben. Wenn man den Inhalt stär­ker gewich­ten möch­te, könn­te man ent­spre­chend ins­ge­samt zwei Punk­te geben, einen für at the archeo­lo­gi­cal site und den zwei­ten für near Dover. Bei der Recht­schrei­bung wür­de man (wie immer) nur einen hal­ben Feh­ler abzie­hen, solan­ge nur ein Buch­sta­be bzw. eine Buch­sta­ben­grup­pe betrof­fen ist. Also wäre arkeolo­gi­cal nur ein hal­ber, wäh­rend arcio­lo­gi­kal ein gan­zer Feh­ler wäre. Wie immer muss man dar­auf ach­ten, dass man nicht mehr Feh­ler anstreicht, als die Auf­ga­be über­haupt „wert“ ist. Für die Ant­wort gibt es maxi­mal einen Punkt für Spra­che, also darf ich auch nicht mehr als ins­ge­samt einen Punkt abzie­hen bzw. Feh­ler anstrei­chen / zäh­len.

Ent­spre­chen­des gilt für Gram­ma­tik. Für Poor peep­le have not the­re own bath wür­de der Schü­ler zwar den Inhalts­punkt bekom­men, aber nicht den Sprach­punkt. Zum einen hat er den bereits mit peep­le und the­re ver­lo­ren. Mit have not hat er eigent­lich gleich zwei Feh­ler gemacht, näm­lich fal­sche Zeit und fal­sche Ver­nei­nung. Er hat also ins­ge­samt eigent­lich drei Feh­ler gemacht, es wird aber nur einer „geahn­det“, der Schü­ler kommt also noch sehr glimpf­lich davon. Aber zumin­dest wird ihm signa­li­siert, dass man auch beim Hör­ver­ste­hen rich­ti­ges Eng­lisch hin­schrei­ben muss.

 

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  1. Max

    Was ist ein „inhalt­li­cher“ Recht­schreib­feh­ler?

    Mir fällt dazu die fol­gen­de Pas­sa­ge aus Lori­ots Bun­des­tags­re­de ein, die zumin­dest ahnen läßt, was uns der Autor des KMS mög­li­cher­wei­se sagen woll­te.

    Ers­tens das Selbst­ver­ständ­nis unter der Vor­aus­set­zung, zwei­tens und das ist es was wir unse­ren Wäh­lern schul­dig sind, drit­tens die kon­zen­trier­te BEINHALTUNG als Kern­stück eines zukunft­wei­sen­den Par­tei­pro­gramms.“ [Mei­ne Her­vor­he­bung]

    Video/Text: https://goo.gl/lNbZjO

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