Jochen Lüders

Englisch & Sport am Gymnasium / Tango & Tanzfeste

T-Seminar

In den vergangenen zwei Wochen habe ich gleich zwei Fortbildungen zum neuen P-Seminar in der neuen bayerischen Oberstufe mitgemacht.

Andächtig habe ich vernommen mit welchen Selbst-, Sozial- und diversen anderen Kompetenzen unsere Elfklässler in Zukunft eineinhalb Jahre lang (!) engagiert an ihren Projekten arbeiten werden und das Alles (nach letzten Informationen) für läppische 30 Punkte. Zwischendurch ließ ich dann immer mal wieder unsere derzeitigen elften Klassen an meinem geistigen Auge vorbeispazieren. Nun ja, dank G8 werden wir in Zukunft sicher ganz andere Schüler haben …

Besonders originell am dem ganzen P-Konzept finde ich, dass Lehrer in Zukunft als die großen Teamwork-Zampanos auftreten und den Schüler erklären wie man effizient zusammenarbeitet. Ausgerechnet die Spezies Mensch, die (Ausnahmen bestätigen die Regel) mit der Mutter-, äh, Seminarmilch das Einzelkämpfertum aufgesogen hat, soll in Zukunft das Hohelied der Zusammenarbeit singen. Auf der anderen Seite: Wenn jeder Schüler, der im Buch drei Seiten gelesen hat, gleich zum „Experten“ mutiert und jede popelige Partnerarbeit gleich zu „kooperativem Lernen“ hochgejazzt wird …

Als Vorbereitung der Lehrer für das P-Seminar schlage ich T(eamwork/ausch)-Seminare vor. Da bekommt jeder zunächst mal wie üblich bunte Kärtchen und Edding-Stifte. Der Auftrag lautet in kooperativer Partnerarbeit Tausch-Regeln zu erarbeiten. Nach mehreren Brainstorming-, Input-, Output- und Evaluationsphasen schreiben die Teilnehmer z.B. „Ich darf nicht immer nur abstauben, sondern muss auch mal was hergeben“ auf ihre Kärtchen und pinnen diese an eine Stellwand. Nach ausführlicher Diskussion fotografiert der Seminarleiter die Stellwände und schickt die Photos nach Abschluss des Seminars an alle Teilnehmer.

Anschließend werden die Kärtchen zerschnitten. Die Teilnehmer bekommen jeweils einen Schnipsel und müssen nun (handlungsorientiert!) die restlichen Schnipsel-Teilnehmer finden. Auf diese Art werden innerhalb von 15 Minuten pädagogisch wertvoll neue Gruppen gebildet.

Danach beschäftigt man sich in arbeitsteiliger Gruppenarbeit mit der Frage „Wie tausche ich Schulaufgaben und andere Materialien mit meinen Kollegen?“ Gemäß der Placemat Activity Methode holt jemand das Material (bunte Kärtchen und Edding-Stifte), einer „beachtet die Zeit“ (d.h. er schaut mehrmals auf seine Uhr und erinnert die anderen Gruppenmitglieder daran wieviel Zeit sie noch haben), ein Dritter „beobachtet“ das Ganze und ein Vierter achtet darauf, dass die Gesprächsregeln eingehalten werden. Der fünfte in der Gruppe beschriftet neue Kärtchen.

Abschließend präsentiert jede Gruppe ihre Ergebnisse zur Frage: „Welche Vorteile hat es für meine Kollegen, wenn ich meiner Schulaufgabe eine (stichwortartige) Musterlösung beifüge?“

Am Ende des Seminars sammelt der Leiter alle Kärtchen in einem „Portfolio“, das er an das Ministerium schickt.

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Max und Moritz

  1. Yeah, endlich schauen sich die Bayern mal etwas von den Schleswig-Holsteinern ab. Sonst übernehmen wir immer die abgelegten Klamotten aus den anderen Bundesländern. Zum Glück sind wir den „Vertiefenden Unterricht“ (Methodenlernen) und die Projektkurse mit Einführung der Profiloberstufe endlich los, eine Zeitverschwendung für alle Seiten, da sie völlig losgelöst vom normalen Fachunterricht laufen.
    Es stehen in der Profiloberstufe zwar noch zwei Stunden pro Semester für „Seminarstunden“ zur Verfügung, man kann diese aber auch zur Verstärkung des Fachunterrichts einsetzen. 😉

  2. Marius

    Ich bin selber gerade in der Stufe 11 an einem privaten Gymnasium im schönen NRW.
    Ihre Erlebnisse treffen haargenau auf das zu, was uns Schülern schon seit langem im Kopf geistert. Ein Lehrer darf nicht einfach mehr Lehrer sein, nein er muss gleich zu einem Trainer werden, der Teambuilding betreibt. So scheint dies am Anfang der Stufe 11 noch sinnvoll, da bei uns die Klassen schon zusammengewürfelt wurden, der Effekt verpufft aber bereits nach wenigen Wochen, weil sich dann im groben alle kennen.

    Deshalb gehen diese Arbeitsmethoden völlig an der Realität vorbei. Es dürfen keine bösen Listen mehr erstellt werden, Mindmaps heißt das neue Zauberwort. Gruppenarbeiten enden meist damit, dass die „Notiz-an-mich: Schau bei Wiki nochmal“ Überhand nehmen.
    Das Wort „Gruppenarbeit“ löst also folgenden Impuls aus: Relaxen.
    Und das noch nicht mal zu Unrecht, denn in den 45min, in denen mir meine 4 Kollegen versuchen ihre Arbeitsergebnisse näher zu bringen, habe ich mir die Texte schon selber durchgelesen und verstanden.

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