Jochen Lüders

Englisch & Sport am Gymnasium / Tango & Tanzfeste

lehrerzentriert

… ist heutzutage für viele TAFKATs (The Artist formerly known as Teacher) vor allem in Kombination mit ‚Frontalunterricht‘ so ziemlich das Schlimmste, was man über Unterricht sagen kann. Das geht so weit, dass mich vor kurzem ein Referendar ernsthaft gefragt hat, ob er mündliche Beiträge von Schülern, pardon, Lernenden an der Tafel ordnen und zusammenfassen dürfe, ohne dass ihm später der Vorwurf gemacht würde, dass er …

Wie? Du stellst dich einfach FRONTAL vor deine Schüler und willst ihnen was beibringen??? Um Gottes willen, das ist ja furchtbar – lies mal ganz schnell was heute von einem LUSLL (Lehrender und selbstverständlich lebenslang Lernender) erwartet wird:

Wir sind Koordinatorinnen, damit die Klasse den Überblick behält. Wir sind Informationsmanager, die den Jugendlichen helfen Informationen zu finden, zu analysieren und sich Urteile über ihre Wahrhaftigkeit und Nützlichkeit zu bilden. Wir sind Organisatoren, die die Klassen bei ihren Projekten unterstützten. Doch vor allem sollten wir uns als Lernhelferin, Coach, Freundin und Vertraute verstehen: Die Person, mit der die Jugendlichen über ihre Probleme reden können, der sie Geheimnisse anvertrauen, mit der sie Spaß haben und die sie ohne Vorbehalte liebt, so wie sie sind, und ihnen das, besonders in schwierigen Situationen, immer wieder deutlich zeigt. (Quelle)

Na gut, lassen wir das mit dem „ohne Vorbehalte lieben“ mal weg, übrig bleibt noch „koordinieren“, „managen“, „organisieren“ und „helfen“, ergänzen sollte man allerdings noch „autonome Lernprozesse initiieren“. Guter Unterricht ist folglich einer, wo sich der Lehrende, MUM (Moderator und Motivator) selbst überflüssig macht und so selten wie möglich in Erscheinung tritt.

Angefangen hat ja alles mal ganz sinnvoll. Lehrer haben zu viel gequatscht, Schüler entweder gar nicht oder viel zu wenig. Ergo, Lehrerredezeit reduzieren, Schüleranteile deutlich erhöhen. Nichts gegen zu sagen. Was sich (in typisch deutscher Gründlichkeit) daraus in letzter Zeit entwickelt hat, ist jedoch oft nur noch absurd. Referendare bekommen oft schon ein schlechtes Gewissen, wenn sie ihren Schülern überhaupt etwas beibringen wollen, das kommt ja dann nicht von den Schülern selber bzw. wurde nicht von ihnen selber „erarbeitet“.

Dieses Bild des Lerncoach steht in einem interessanten Kontrast zu dem, was unsere ALSUS (autonom lernenden Schüler und Schülerinnen) später in den meisten Fällen an der Universität erwartet. In meinem eigenen Studium gab es vor allem zwei Formen der Wissensvermittlung, nämlich die VORLESUNG und das (Seminar-) GESPRÄCH. Daran scheint sich, wenn ich mir die Berichte ehemaliger Schüler anhöre, nichts Wesentliches geändert zu haben. Originell ist dann allerdings (wie mir kürzlich berichtet wurde), wenn ein Didaktikprofessor in einer VorLESung darlegt, warum lehrerzentrierter Frontalunterricht ganz verwerflich sei.

An der Uni findet doch das entscheidende Lernen für den späteren Beruf statt, warum werden denn da nur höchst selten all die tollen Methoden (wie Freiarbeit, Placemat Activities etc.) angewendet, die man uns niederen Paukern ständig ans Herz legt? Hat sich schon mal jemand über einen „professorenzentrierten“ Unterricht an der Uni beschwert? Hat jemand schon mal ernsthaft gefordert der Professor möge doch bitteschön seine Studenten über die Inhalte seiner Vorlesung mitbestimmen lassen? Oder dass doch besser gleich Studenten die Vorlesung halten sollten („Lernen durch Lehren“)?

Interessant nun auch die Frage, was nun eigentlich „wissenschaftspropädeutisches Arbeiten“ bedeutet. Wenn wir den uns anvertrauten KuK (Klienten und Klientinnen) schwer traumatisierende dozentrierte Erlebnisse ersparen wollen, müssen wir sie m.E. rechtzeitig sanft darauf vorbereiten, dass da später einmal jemand unglaubliche 90 Minuten lang vor ihnen steht, zu ihnen spricht (bzw. etwas vorliest) und tatsächlich auch noch erwartet, dass sie mitschreiben und das Gehörte lernen und in einer Klausur reproduzieren können. Als ersten Schritt empfehle ich ca. 2-3 minütige lehrerORIENTIERTE LATERALvorträge. Von der Seite zu sprechen ist schon mal deutlich weniger angsteinflößend als frontal von vorne und wenn sich die Jugendlichen nur grob am Lehrer orientieren müssen und der Lehrer nicht im „Zentrum“ steht, sind sie nicht gar so geschockt.

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  1. Marcus

    Naja, wenn ich mir unsere Schule ansehe, da ist unser Problem sicher nicht, dass meine Kollegen zu oft zu schülerzentriert arbeiten. Es mag schon Auswüchse in der Referendarsausbildung geben, trotzdem reden wir Lehrer im Schnitt sicher zu viel und bestärken unsere Schüler in ihrer Konsumentenhaltung.

  2. > Lehrerzentriert ist für mich, wenn der Lehrer handelt ist – spricht, vorliest, anschreibt, erklärt

    Das ist eine sehr freundliche Definition. Vergleich das mal z.B. mit:
    „Der Unterricht basiert auf einen lehrerzentrierten und damit autokratischen Führungsstil.“ (Quelle: http://tinyurl.com/4jqe7v)

  3. Lehrerzentriert ist für mich, wenn der Lehrer handelt ist – spricht, vorliest, anschreibt, erklärt; in anderen Phasen schreiben, lesen, sprechen die Schüler (miteinander). Weiß aber nicht, ob das die korrekte Fachsprache ist.

    Den Text oben habe ich heute ans schwarze Brett im Lehrerzimmer gehängt. Höchste Zeit, dass da Blogschnipsel stehen. Die erste Kollegin hat schon sehr gelacht.

    (Überlege gerade, ob ich den Text als Deutsch-Schulaufgabe verwenden soll. So 9. Klasse, Textanalyse. Einer meiner Blogeinträge war ja auch schon mal wo Prüfungsaufgabe. Könnte so eine Art Spiel zumindest unter Deutschlehrern werden… ich sage dir dann, was sich der Autor beim Text gedacht hat, sobald mich meine Schüler dahingehend informiert haben.)

  4. > Ich hab ja auch oft nicht-lehrerzentrierte Abschnitte im Unterricht

    Ich kann ehrlich gesagt schon mit dem Begriff „lehrerzentriert“ wenig anfangen. Das klingt so, als ob ich mich und meine Interessen und Hobbies ins Zentrum des Unterrichts stelle. Zugegeben, das gibt es, ich hatte mal eine Lehrerin, die englische Architektur über alles liebte und uns damit gnadenlos und endlos quälte. Aber das sind wohl (hoffentlich) eher Ausnahmen. Ansonsten standen und stehen bei guten Lehrern immer die Schüler im Zentrum des Unterrichts.

  5. Witzig und wahr. Ich hab ja auch oft nicht-lehrerzentrierte Abschnitte im Unterricht (schon mal, um verschnaufen zu können). Aber Lehrervortrag ist auch fast immer dabei. Gespräche wären schon, aber dazu kommt es selten. Ich habe aber mal eine Colloquiumsprüfung erlebt, das tatsächlich zu einem Gespräch wurde. Gab auch volle Punktzahl.
    Ich glaube allerdings, dass – anders als bei fleißigen Studenten – der Lehrervortrag nicht ausreicht, damit sich das bei Schülern langfristig setzt. Dazu gibt es vielleicht auch zu viele kunterbunte Stunden in der Woche. Aber vielleicht sollten wir die Schüler tatsächlich dazu bringen, aus solchen Vorlesungen zu lernen. Aus all den Gründen, die du nennst, und die ganz zutreffen. Ich habe auch in Didaktik-Vorlesungen erlebt, dass die Zuhörer aktiv werden mussten – aber der größte Teil lief doch als Vorlesung ab.

    Ich habe auch schon mal daran gedacht, Vorlesungen an meiner Schule zu etablieren. Deutsch, 11. Jahrgangsstufe, jeweils ein Lehrer vor allen Klassen. Aber bisher habe ich die Arbeit gescheut.

  6. rip

    Ich kann dir nur zustimmen, Jochen. Eine solche schreiend blauäugige Beschreibung des Lehrerberufs ist mir bisher noch nicht untergekommen:

    > Die Person, mit der die Jugendlichen über ihre Probleme reden können, der sie
    > Geheimnisse anvertrauen, mit der sie Spaß haben und die sie ohne Vorbehalte liebt

    So eine Person kann vielleicht ein Gruppenleiter bei den Pfadfindern sein, aber sicher kein Lehrer und keine Lehrerin, jedenfalls nicht in dieser Pauschalität. Sicher gibt es Fälle, in denen Schüler einmal besonderes Zutrauen fassen und – vor allem, wenn sie sonst niemanden haben, der ihnen zuhört – auch einmal bei Problemen um Rat fragen oder von ihrer Hilflosigkeit erzählen. Aber das als allgemeines Ziel anzustreben, geht an der Wirklichkeit vorbei, und zwar hauptsächlich daran, dass einerseits das Leben des Menschen nicht unendlich währt (auch nicht in der Schule) und andererseits die Lerninhalte sich nicht durch Gedankenübertragung vermitteln lassen, auch (und erst recht) nicht, wenn die Schüler sich die Thematik selbst erschließen sollen und der Lehrer nur „on the side“ steht.
    Ich kann mir auch Situationen vorstellen, wo das gemeinsame „Spaß haben“ in Konflikt mit der Notengebung gerät (bzw. umgekehrt).

  7. Manuel

    > In meinem eigenen Studium gab es vor allem zwei Formen der Wissensvermittlung, nämlich die VORLESUNG und das (Seminar-) GESPRÄCH. Daran scheint sich, wenn ich mir die Berichte ehemaliger Schüler anhöre, nichts Wesentliches geändert zu haben.

    Gerade in fachdidaktischen Seminaren haben sich meine Professoren bemüht, „mit gutem Beispiel voranzugehen“ und moderne Arbeitsformen und Methoden miteinzubeziehen.
    Dies ändert nichts daran, dass der Großteil der Veranstaltungen „klassisch“ aufgebaut war und frontal gehalten wurde.

    Am meisten gelernt habe ich an der Uni, wenn ich Noten/Prüfungsdruck hatte, egal ob der Prof es mir frontal vorgebetet hat oder ich mir das Zeug weitestgehend eigenverantwortlich draufschaffen musste.

    Ich denke, dass man als Lehrer immer einen gesunden Mittelweg anstreben sollte, was Methoden und Arbeitsformen anbelangt. (die veränderte Kindheit der SuS macht m.E. auch andere, „freiere“ Methoden notwendig)
    Trotzdem fühle ich mich wohler bei eher „lehrerzentrierten Arbeitsformen“.

    Der von Dir erwähnte Referendar tut mir leid…;-)

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