Jochen Lüders

Englisch & Sport am Gymnasium / Tango & Tanzfeste

Der Müll, das Zimmer und der Lehrer

Die Verschmutzung bzw. Vermüllung von Klassenzimmern hat an manchen Schulen teilweise derart zugenommen, dass das Reinigungspersonal sich weigert die Räume überhaupt noch zu betreten, geschweige denn zu säubern.

Eine Idee im Kampf gegen die Verschmutzung ist in jedem Klassenzimmer Listen auszuhängen, in denen die jeweils zuständigen zwei Schüler des „Ordnungsdienstes“ per Unterschrift bestätigen sollen, dass sie die Arbeit erledigt haben. Diese Initiative scheitert (bis auf vereinzelte Ausnahmen) genauso wie alle anderen derartigen Initiativen. Ein Mehr an Bürokratie hat solche Probleme noch nie gelöst. Was passiert mit all den Listen? Was passiert, wenn man feststellt, dass nicht unterschrieben wurde? Oder was passiert, wenn zwar unterschrieben wurde, aber das Klassenzimmer immer noch verdreckt ist?

Um Klassenzimmer sauber zu bekommen und zu halten, braucht man lediglich drei Dinge: klare Regeln, den Willen sie durchzusetzen und vor allem die Unterstützung der Schulleitung. Im Folgenden mein System, mit dem ich seit über zwanzig Jahren bei minimalem Aufwand und vor allem nervenschonend meine Klassenzimmer sauber halte.

Das einfache Grundprinzip ist, dass jeder Schüler für seinen Platz und den umgebenden Boden zuständig ist. Die Gänge werden entsprechend in der Mitte zwischen den beiden auf der Gangseite sitzenden Schülern „geteilt“, die Schüler die hinten sitzen, sind für den Bereich bis zur Wand zuständig, die, die vorne sitzen entsprechend für den Raum vor ihnen, wieder bis zur Tafel bzw. Wand. Entscheidend ist, dass es mir völlig egal ist, woher der Dreck kommt. Ich kann es eh‘ nicht nachprüfen, also lasse ich mich auf keinerlei Diskussionen ein.

Solange nur eine Klasse in einem Zimmer ist, funktioniert das problemlos. Schwierig wird es immer, wenn zwischendurch Wanderklassen kommen und ihren Müll hinterlassen. Und wenn der betreffende Kollege, aus welchen Gründen auch immer, sich nicht um die Sauberkeit kümmert, wird es mühsam. Andererseits sehe ich auch nicht ein, dass z.B. meine 11.-Klassler den Müll einer undisziplinierten 9ten aufheben sollen, nur weil wir einmal in der Woche in deren Klassenzimmer sind.

Ein Ordnungsdienst mit zwei Schülern ist m.E. kompletter Unsinn. Wie sollen die zwei Schüler an den Dreck unter den Bänken bzw. auf dem Boden kommen, wenn ihre Mitschüler auf ihren Stühlen sitzen? Sollen die erst aufstehen? Was für eine Zumutung auf dem Boden herumzukrabbeln, während die Mitschüler feixend grinsen und vielleicht noch extra ein Bonbonpapier fallen lassen! Darüberhinaus, wie lange dauert das in einer Klasse mit 32 Schülern und 16 Bänken?

Völlig unrealistisch finde ich übrigens auch ausgerechnet beim Klassenzimmermüll eine Mülltrennung durchzuführen. Wenn ich in fremde Klassen komme, bekommt der erste in der Bank einen Eimer und der wandert dann nach hinten durch und von dort in die nächste Reihe. Gerade beim Müll unter den Bänken, sollen die Schüler den Eimer an die Ablage halten und mit einem Schwung das ganze Zeug in den Eimer befördern. Es ist einfach lächerlich in dieser Situation Papier von eingetrockneten Orangenschalen trennen zu wollen.

Vor meinen Stunden muss AUTOMATISCH jeder den Müll auf und unter seiner Bank und den Dreck auf dem Boden aufheben und zum Mülleimer bringen. Falls ich mehrfach ins Klassenzimmer komme und ein Schüler aus dem Fenster schaut oder verträumt dasitzt und unter seiner Bank (oder auf dem Boden) noch Müll rumliegt, hat er ein „trash offence“ begangen, das als MO („minor offence„) zählt und das ich in meine Vergessen-Liste eintrage.

Da ich übrigens auch keine Lust habe nach dem Ende der letzten Stunde jedes Mal wieder bestimmte Herrschaften daran zu erinnern ihren Stuhl hochzustellen, gibt es im Wiederholungsfall entsprechend ein „chair offence“.

Wenn sich dieses System eingespielt hat, hat man innerhalb von zwei Minuten ein sauberes Klassenzimmer ohne lästige Listen, nervige Diskussionen und kraftraubendes Geschrei. Dieses zwei bis drei Minuten brauche ich am Anfang der Stunde ja sowieso um meine Sachen herzurichten, vergessene Hausaufgaben zu notieren, Entschuldigungen zu kontrollieren, das Klassenbuch abzuzeichnen und den ganzen anderen Kram, den ich erledigen muss. Sehr hilfreich für das Gelingen ist natürlich auch, wenn auch mal der Lehrer was aufhebt und wegwirft und nicht nur immer die Schüler rumkommandiert!

Sehr merkwürdig finde ich es in diesem Zusammenhang übrigens, wenn Kollegen erst am ENDE der Stunde aufräumen lassen. Gibt es einen vernünftigen Grund nicht bereits am ANFANG der Stunde sauber machen zu lassen? Ich kenne keinen. Erstens habe ich keine Lust auf einer Müllhalde zu unterrichten. Wenn ich am Anfang aufräumen lasse, verbessert das die Atmosphäre und ich fühle mich wohler. Zweitens habe ich – genauso wenn ich die Hausaufgabe bereits am Anfang stelle – nach hinten hin open end und kann jederzeit die Stunde beenden.

Der wahre Grund, warum so viele Kollegen lieber am Ende „aufräumen“ lassen, ist m.E. ein ganz anderer. Nach der Stunde müssen sie natürlich ganz schnell in die nächste Klasse und rufen deshalb noch ein halbherziges „… und vergesst nicht endlich aufzuräumen“ in die Klasse, bevor sie verschwunden sind. Auf diese Art vermeidet man Konflikte mit Schülern, die (verständlicherweise) keinen Bock haben fremden Müll aufzuheben, und man kann sich selber (und Kollegen) weismachen, dass man schließlich etwas unternommen habe. Die Schüler ignorieren so eine unverbindliche Aufforderung natürlich.

Es wäre gar nicht schwierig mein System in der ganzen Schule einzuführen. Als erstes müssten sich die zuständigen Gremien (Schulleitung, Kollegium, Elternbeirat, Schulforum etc.) darauf einigen, dass es in Zukunft für alle Schüler zumutbar sein soll, Müll (auch wenn er nicht von ihnen selber kommt) aufzuheben und dass Lehrer sie im Ernstfall entsprechend dazu zwingen dürfen. Pädagogisches Ermessen und der gesunde Menschenverstand geben entsprechende Grenzen vor: Kein Schüler muss z.B. eine zermanschte Mandarine mit den bloßen Fingern zusammenzukratzen oder festgeklebte Kaugummis unter der Bank wegpopeln.

Als nächstes muss diese neue Regelung entsprechend kommuniziert (Durchsage, Rundschreiben an die Eltern, Thema der Klassleiterstunde usw.) und begründet werden (positive Lernatmosphäre, Reinigungspersonal weigert sich sonst usw.).

Von entscheidender Bedeutung für das Gelingen ist nun die Haltung der Schulleitung. Falls, wie so oft, zwar etwas angekündigt, aber gleichzeitig signalisiert, dass man nicht bereit ist die Lehrer entsprechend zu unterstützen, kann man das Ganze sofort wieder vergessen.

Ein kleines Beispiel, wie es meistens abläuft. Die Schulleitung verkündet beispielsweise, dass ab sofort vor der Schule nicht mehr geraucht werden darf und fordert alle Lehrer auf, auf die Einhaltung dieses Verbots zu achten. Gleichzeitig wird aber signalisiert, dass das bitte schön nicht mit disziplinarischen Maßnahmen oder Strafen („Lieber Kollege, wir wissen doch beide, dass Strafen nichts bringen“), sondern, pädagogisch wertvoll, irgendwie „anders“ bewerkstelligt werden soll. WIE genau, wird natürlich nicht gesagt. Erfahrene Kollegen werfen spätestens zu diesem Zeitpunkt das ganze Projekt in den mentalen Mülleimer. Ambitionierte Junglehrer machen sich mit nervigen Ermahnungen und Diskussionen zwei- bis dreimal zum Deppen, bis sie ebenfalls aufgeben und alles so bleibt wie es war. Entweder die Schüler reagieren auf freundliche Ermahnungen überhaupt nicht oder verschwinden grummelnd um die nächste Ecke, um sofort nach Verschwinden des Lehrers zurückzukehren.

Zurück zum Müll. Wenn ich (z.B. in einer Vertretungsstunde) in eine Klasse komme und sie auffordere den Müll unter ihren Bänken zu entsorgen, muss ich bereit sein dieses Ansinnen unter allen Umständen durchzusetzen. Wenn ich das nicht bin bzw. weiß, dass mich die Schulleitung nicht unterstützt, brauche ich gar nicht erst anzufangen. Natürlich bin ich freundlich und sage schön „Bitte heb das Papierl unter deinem Stuhl auf“. Wenn der Schüler aber pampig mit „Nee, mach ich nicht, is‘ nicht von mir“ reagiert, werde ich genauso pampig und drohe ihm notfalls mit einem Verweis. Das äußerste Zugeständnis ist, dass ich ihm ein bisschen Bedenkzeit gebe („In drei Minuten hast du dieses Papierl in den Papierkorb geschmissen“), wenn er sich dann immer noch weigert, gebe ich ihm den Verweis. Die Erfahrung zeigt, dass man so einen Konflikt nur ein einziges Mal bis zum Ende durchkämpfen muss, in Zukunft weiß die Klasse woran sie ist und es gibt keine Probleme mehr.

Ein beliebtes Argument in diesem Zusammenhang ist, dass solche Regelungen nur funktionieren, wenn ALLE Kollegen am gleichen Strang ziehen. Das ist m.E. falsch. Natürlich wäre es wünschenswert, aber es ist völlig utopisch. Es gibt viel zu viele Kollegen, die aus den verschiedensten Gründen (Mangel an Autorität, Konfliktscheu, Wurschtigkeit etc.) nicht mitmachen. Ein flüchtiger Blick in ein Lehrerzimmer zeigt ja auch, dass diversen Kollegen Sauberkeit genauso egal ist wie den Schülern. Mit größter Selbstverständlichkeit liegen bzw. stehen da angebissene Butterbrezen, eingetrocknete Kaffeetassen und andere Köstlichkeiten herum. Wenn man es wagt, die entsprechenden Leute darauf anzusprechen, reagieren die meisten genauso pampig wie Schüler.

Nach meiner Erfahrung reicht für das Gelingen solcher Vorhaben eine „kritische Masse“ von ca. einem Drittel des Kollegiums. Wenn (im Durchschnitt) jeder dritte Lehrer, der ins Klassenzimmer kommt, sich darum kümmert, dass wieder aufgeräumt wird, kann die Verschmutzung in der Zwischenzeit normalerweise nicht allzu sehr ausufern.

Tja, es könnte alles so einfach sein – isses aber nicht (YouTube).

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Interludes

  1. ich vergewaltige meine Schüler gerne 🙂

  2. Ulrike

    Hm, ich weiß nicht. Mir ist es zu kompliziert, auch noch Müll- und Stuhllisten zu führen. An meiner neuen Schule gibt es kein Müllproblem und auch die Mülltrennung im Klassenzimmer funktioniert einwandfrei.
    An meiner alten Schule jedoch glichen die Klassenzimmer zum Teil in der Tat einem großen Mülleimer. (Die Zimmer mussten erst nach der 6. Stunde aufgeräumt werden, wenn der Zustand nicht unerträglich war.) Dort führte ich, nachdem das „Jeder-ist-für-seinen-Bereich-Zuständig“-Projekt gescheitert war, folgendes System ein:
    Nach der Stunde musste jeder Schüler, wenn er das Klassenzimmer verlassen wollte, an der Tür (wo ich mit dem Eimer wartete) xScnhipsel (je nach Verschutzungsgrad) in den Papiereimer werfen. Automatisch nahmen manche Schüler dann auch mal mehr Schnipsel (und Flaschen und Tüten) mit. Das Klassenzimmer sah danach jedesmal wieder ordentlich aus. Zu Diskussionen kam es nie…und über das Murren konnte ich gut hinweghören.

    • > Mir ist es zu kompliziert, auch noch Müll- und Stuhllisten zu führen.

      Das sind ja keine eigenen Listen, sondern kommt auf die allgemeine Vergessen-Liste.

  3. > Warum legt ihr euch nicht einfach eine Schulvereinbarung zu, wo Sauberkeit als Ziel drinsteht…

    Natürlich kombiniert mit VERTRÄGEN, auf denen jeder unterschreibt 😉

  4. Warum legt ihr euch nicht einfach eine Schulvereinbarung zu, wo Sauberkeit als Ziel drinsteht… 🙂

    Kommt mir alles bekannt vor. Nur der Gedanke, dass ein Drittel als kritische Masse ausreicht, war mir so neu, dürfte aber stimmen.

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