Jochen Lüders

Englisch & Sport am Gymnasium ... und ein bisschen Tango

Sprachsetzen und übermitteln

Die Media­ti­on hat uns das gro­ße, „sinn­ge­mä­ße“ Wischi-Waschi gebracht. Haupt­sa­che, der Schü­ler hat „die Kern­aus­sa­ge erfasst“ („get­ting the gist“), dann noch ein biss­chen „sum­ma­ri­sing“ und „para­phra­sing“ – passt schon. Also bit­te, Herr Kol­le­ge, so genau muss das doch alles bei der Sprach­mitt­lung nicht sein – Details und sprach­li­che Fein­hei­ten sind neben­säch­lich – die schlech­tes­te Note ist meis­tens eine 4. Die Schü­ler wer­den auf dem Papier bes­ser und alle freu­en sich.

Einen gro­ßen Vor­teil hat die Media­ti­on trotz­dem: Neben E – D darf man jetzt auch wie­der D – E mit­teln. D – E war ja jahr­zehn­te­lang ganz bäh. In mei­ner eige­nen Schul­zeit war es selbst in der Ober­stu­fe ganz nor­mal anspruchs­vol­le deut­sche Tex­te ins Eng­li­sche zu über­set­zen. Man war tat­säch­lich davon über­zeugt, dass man dafür soli­de Gram­ma­tik­kennt­nis­se benö­tig­te und dass es die eng­li­sche Aus­drucks­fä­hig­keit schu­len wür­de. Aber dann kam der gro­ße Umschwung und seit­dem hat­ten wir in Bay­ern nur noch die unse­li­ge E – D Trans­la­ti­on. Deutsch-eng­li­sche Über­set­zun­gen gab es noch in der Unter- und gele­gent­lich in der Mit­tel­stu­fe, aber kei­nes­falls in der Ober­stu­fe.

Viel­leicht kommt der Wunsch ja auch mal von (guten) Schü­lern, die es leid sind, immer nur „sinn­ge­mäß“ zusam­men­zu­fas­sen und die statt­des­sen mal nach­boh­ren und wis­sen wol­len, wie man denn nun etwas „rich­tig gut“ über­set­zen könn­te.

Neh­men wir als Bei­spiel einen Satz aus einem Arti­kel in der heu­ti­gen SZ (30./31.5./1.6., S. 17 „Nutz­los, dumm, pro­misk“), in dem es um das bri­ti­sche Klas­sen­sys­tem geht. In Hin­blick auf die „white working class“ schreibt der Inde­pen­dent: „Genera­tio­nen wer­den in ver­lot­ter­ten Sozi­al­sied­lun­gen auf­ge­zo­gen, im Sumpf von Sozi­al­hil­fe­ab­hän­gig­keit, Dro­gen­miss­brauch und einer Kul­tur der Arbeits­lo­sig­keit.“

Was machen wir mit die­sem Satz bei der Sprach­mitt­lung? Irgend­was Läp­pi­sches in der Art von: „Genera­ti­ons will live under bad living con­di­ti­ons.“

Wenn ich den Satz hin­ge­gen über­set­zen will, muss ich deut­lich mehr leis­ten. Das ers­te Pro­blem ist schon mal ‚auf­zie­hen‘. Wenn ich bei LEO nach­schaue, bekom­me ich eine lan­ge Lis­te von (in die­sem Zusam­men­hang) völ­lig blöd­sin­nin­gen Wör­ter wie ‚ban­ter‘, ‚josh‘, ’spin‘ etc. Ein Blick ins Gro­ße Oxford Wör­ter­buch zeigt mir jedoch, dass die bes­te Über­set­zung hier offen­bar ‚bring sb. up‘. Dar­aus könn­te man schon etwas ler­nen …

Deut­lich schwie­ri­ger wird es mit ‚ver­lot­tert‘. LEO bie­tet nur ein unbrauch­ba­res „to go to rack and ruin“ und das Oxford Wör­ter­buch hat es gar nicht. Jetzt gibt es zwei Mög­lich­kei­ten. Die ers­te ist, man sucht sich ein bes­se­res Lexi­kon wie das Lan­gen­scheidt Groß­wör­ter­buch. Dort bekommt man z.B. „the house is a com­ple­te sham­bles“ und „(Stadt) run-down“.
Die zwei­te Mög­lich­keit besteht dar­in, nach deut­schen Syn­ony­men für ‚ver­lot­tert‘ zu suchen und zu schau­en, ob die z.B. im Oxford Wör­ter­buch auf­ge­führt sind. Ein pas­sen­des Syn­onym wäre natür­lich ‚her­un­ter­ge­kom­men‘ und dafür bekommt man im Oxford „(Gebäu­de) run-down“.
Wenn man sich ein eng­li­sches Wort erst­mal so müh­sam erar­bei­tet hat, wird man es sich wahr­schein­lich ziem­lich lan­ge mer­ken.
Fazit: Mediation/Sprachmittlung mag genau­so wie die eng­lisch-deut­sche Trans­la­ti­on ihre Berech­ti­gung haben, aber viel mehr ler­nen Schü­ler, wenn sie sorg­fäl­tig und genau anspruchs­vol­le Tex­te ins Eng­li­sche über­set­zen.

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  1. Stimmt, der ist ein ech­ter Früh­klas­si­ker!-) – Im aktu­el­len Green Line gibt es manch­mal auch ein biss­chen span­nen­de­re Auf­ga­ben­stel­lun­gen, die dann zumin­dest Mit­den­ken hin­sicht­lich der Per­so­nal­pro­no­mi­na ver­lan­gen – ist schon mal ein Anfang… – Aber es wird uns nie­mand ver­bie­ten krea­tiv zu sein und her­aus­for­dern­de­re Set­tings zu ent­wi­ckeln um Media­ti­on span­nen­der zu machen!)

  2. > UND/ABER unter Berück­sich­ti­gung eines in der Auf­ga­ben­stel­lung evtl. vor­ge­ge­be­nen situa­ti­ven Fil­ters

    Der mit Abstand häu­figs­te „situa­ti­ve Fil­ter“ für E – D Media­ti­on, der mir stän­dig begeg­net, ist die Großmutter/der Groß­va­ter, der/der kein Eng­lisch kann 😉

  3. > wor­um es genau geht und nicht nur “sinn­ge­mäß”,
    > dass es ein Lie­bes­lied ist
    Das wäre mir in der Media­ti­on einer lyri­schen Vor­la­ge zu unge­nau; auch dei­ne zuge­spitz­te Inde­pen­dent-Media­ti­on im Bei­trag wür­de ich nicht als geglückt ein­schät­zen, da zu viel Prä­gen­des der Vor­la­ge ver­lo­ren geht.

    > Mei­ne Schü­ler has­sen nichts mehr…
    Das ist doch schön. Es hin­dert dich ja auch nichts dar­an, im Unter­richt bei Bedarf auch gründ­lich zu über­set­zen. – Als Klau­sur­be­stand­teil, fürch­te ich, ist die­se prä­zi­se Über­set­zungs­tä­tig­keit unter Zeit­druck nicht unpro­ble­ma­tisch (da zu feh­ler­an­fäl­lig) – nicht zuletzt ange­sichts der Sprach­kom­pe­tenz, die wir auch nach 7–8 Lern­jah­ren bei unse­ren Schü­le­rin­nen und Schü­lern rea­lis­ti­scher­wei­se vor­aus­set­zen dür­fen.

    > Ergo: Sprach­mitt­lung = Sum­ma­ry in der jeweils ande­ren Spra­che.
    Ich wie­der­ho­le mich: Ja, UND/ABER unter Berück­sich­ti­gung eines in der Auf­ga­ben­stel­lung evtl. vor­ge­ge­be­nen situa­ti­ven Fil­ters, der gram­ma­ti­ka­li­sche Anpas­sun­gen, sti­lis­ti­sche Ver­än­de­run­gen und Aus­wahl­kri­te­ri­en erfor­der­lich machen kann – Bei­spiel: GK 12 – Pos­ter auf http://www.donau-uni.ac.at/de/department/bildwissenschaft/appliedgamestudies/index.php (Box unten rechts soll­te igno­riert wer­den) – Auf­ga­ben­stel­lung dazu: „Media­ti­on: You are a tech-fri­end­ly Ger­man tea­cher respon­si­ble for a class of Eng­lish teena­ge stu­dents. They real­ly want to know what the atta­ched pos­ter „Die 11 Kernkompe­ten­zen…“ is all about. Sum­ma­ri­ze it for them [in no more than 80 words]! (25%)“ – Trotz des „Sum­ma­ri­ze“ in der Auf­ga­ben­stel­lung ist bei die­sem Design m.E. mehr erfor­der­lich als das, was ich übli­cher­wei­se zur „Sum­ma­ry“ unter­rich­te.

  4. @ Mat­thi­as

    > zügi­ge E-D-Media­ti­on ist doch auch das, was unse­re Ler­nen­den beim Genuss eng­li­scher Musik, Lyrics, […] leis­ten müs­sen

    Stimmt, nur möch­te da ein guter Schü­ler eben oft auch wis­sen, wor­um es genau geht und nicht nur „sinn­ge­mäß“, dass es ein Lie­bes­lied ist. Und dann wären wir wie­der bei einer genau­en Über­set­zung.

    Ich fän­de es schon einen gro­ßen Fort­schritt, wenn sowohl Sprach­mitt­lung als auch Über­set­zung in BEIDEN Rich­tun­gen gleich­be­rech­tigt neben­ein­an­der stün­den.

    > Dazu kommt, dass “sorg­fäl­tig und genau anspruchs­vol­le Tex­te ins Eng­li­sche (zu) über­set­zen” gewis­se Moti­va­ti­ons­pro­ble­me schafft

    Und in der ande­ren Rich­tung? Mei­ne Schü­ler has­sen nichts mehr als einen Text „eigent­lich“ zu ver­ste­hen, aber ihn nicht ange­mes­sen im Deut­schen wie­der­ge­ben zu kön­nen.

    @ Herr Rau

    Die­se Fra­ge habe ich auch schon bei diver­sen Fort­bil­dungs­ver­an­stal­tun­gen gestellt und NIE eine ver­nünf­ti­ge Ant­wort bekom­men. Auch in den neu­es­ten Lehr­bü­chern wie „Green Line Ober­stu­fe Bay­ern“ (pp. 298–299 „Trans­la­ting, media­ting, inter­pre­ting“) wird der Unter­schied nicht deut­lich. Ergo: Sprach­mitt­lung = Sum­ma­ry in der jeweils ande­ren Spra­che.

  5. …ja, und der – evtl. Anpas­sun­gen erfor­der­lich machen­de – situa­ti­ve Rah­men: http://share.xmind.net/matthiasheil/mediation-1/ (unten rechts)

  6. Was ist eigent­lich der Unter­schied zwi­schen Media­ti­on und sum­ma­ry? Dass Quell- und Ziel­text in ver­schie­de­nen Spra­chen sind?

  7. Bei aller Zustim­mung zu Bedeu­tung und Wert prä­zi­ser Über­set­zungs­ar­beit bin ich mit dem „mehr ler­nen“ nicht so sicher: zügi­ge E-D-Media­ti­on ist doch auch das, was unse­re Ler­nen­den beim Genuss eng­li­scher Musik, Lyrics, TV und nicht sel­ten auch im Unter­richt leis­ten müs­sen um über­haupt etwas zu ver­ste­hen – und damit eine Schlüs­sel­fä­hig­keit, die zu Recht in den Bereich der schrift­li­chen Über­prü­fung gehört – so ganz unzu­mut­bar ist die Bewer­tung von Media­ti­on Tasks auch nicht, sie erfor­dert halt nur ein ande­res Maß. Ich bekom­me da nicht sel­ten auch recht geschick­te (und auch wit­zi­ge) Umset­zun­gen vor­ge­legt, die dann durch­aus auch Sprach­ge­fühl und -krea­ti­vi­tät signa­li­sie­ren, die sonst nicht so klar wahr­nehm­bar wer­den. Dazu kommt, dass „sorg­fäl­tig und genau anspruchs­vol­le Tex­te ins Eng­li­sche (zu) über­set­zen“ gewis­se Moti­va­ti­ons­pro­ble­me schafft und meist kei­ne oder doch arg künst­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­ons­si­tua­tio­nen schafft – was mit mei­nem Ide­al eines auf „Real­Li­fe-Per­form­anz“ hin ori­en­tier­ten Unter­richts nicht gut zusam­men­passt.

    Zu LEO: That’s exac­t­ly why I don’t like (and, to my stu­dents‘ utmost asto­nish­ment, can­not real­ly recom­mend) it… da steckt zwar ganz viel Mühe und Lie­be drin, die Zahl der Fall­stri­cke durch aben­teu­er­li­che Sor­tie­rung exo­ti­scher, manch­mal auch non-exis­ten­ter Wort­be­deu­tun­gen ist jedoch nicht uner­heb­lich. Für Grund­kur­se tut’s schon das spar­ta­ni­sche pons.eu

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