Jochen Lüders

Englisch & Sport am Gymnasium / Tango & Tanzfeste

Folien abschreiben

Ich bin immer wieder verblüfft, mit welcher Selbstverständlichkeit Lehrer auch in der Oberstufe Folien abschreiben lassen und gleichzeitig darüber jammern, dass dieses Abpinseln sooo furchtbar lange dauert und man zu überhaupt nichts anderem kommt.

Mit „Folien“ sind im Folgenden natürlich auch PowerPoint Folien gemeint.

Warum lässt man Schüler eine Folie abschreiben? Die naheliegende Antwort lautet: Damit die Schüler die Sachen „im Heft“ haben. Wenn es wirklich nur um’s „Haben“ gehen sollte, könnte man sich doch das Abschreiben und den damit verbundenen zeitlichen Aufwand sparen und seinen Schülern die entsprechende Datei per Mail schicken (so mache ich es) oder – falls man das nicht möchte – als kopiertes Handout austeilen. Voraussetzung ist natürlich, dass man seine Folien mit PC erstellt. Aber es gibt ja viele Kollegen, die ihre (oft schlecht bis unleserlichen) Folien lieber mit der Hand pinseln und bei jeder Änderung immer wieder alles neu schreiben …

Der tieferliegende Grund für die ständige Abschreiberei scheint mir eher – wie beim Abschreiben von Grammatik – in der Hoffnung zu liegen, dass die Schüler durch das Abschreiben quasi automatisch etwas lernen. Den LERNeffekt durch Abschreiben halte ich – vorsichtig formuliert – für überschätzt, selbst wenn es ihn in der Theorie geben sollte, sieht die Praxis meistens ganz anders aus.

Ähnlich wie bei Tafelanschrieben haben die Schüler (vor allem die langsameren) oft viel zu wenig Zeit um etwas in Ruhe abzuschreiben. Kaum ist der Lehrer mit dem Tafelanschrieb fertig, dreht er sich zur Klasse um und quasselt schon wieder weiter, im anderen Fall deckt er etwas auf der Folie auf, erklärt, erläutert, ergänzt, stellt vielleicht noch eine Frage und schon geht es mit dem nächsten Punkt weiter. Der Schüler ist noch mit dem Abschreiben beschäftigt, soll aber schon wieder zuhören und sogar noch mit- und weiterdenken. Klassisches Multitasking, das bekanntlich nur die allerwenigsten Schüler (und Lehrer) beherrschen.

Selbst wenn der Lehrer es schafft die Klappe zu halten und die Schüler in Ruhe abschreiben zu lassen, finde ich diesen ständigen Wechsel zwischen aktivem Gespräch und passivem Abschreiben kommunikativ lähmend. Wenn man wirklich so davon überzeugt ist, dass die Schüler beim Abschreiben schon etwas lernen (im Gegensatz zu Unterrichtsmitschriften werden Inhalte ja nicht in eigenen Worten zusammengefasst) sollte man m.E. erst die ganze Folie besprechen, bevor die Schüler alles abschreiben. Dann hat man wenigstens zwei klare Phasen mit eindeutigem Focus (Aufpassen, zuhören, mitdenken und ggf. fragen vs. Abschreiben) und nicht das übliche ständige Durcheinander.

Mir ist es wichtiger, dass ich die ganze Zeit die Aufmerksamkeit der Schüler habe, das sie ungehindert zuhören und mitdenken können und dass ich nicht warten muss, bis auch Lieschen Müller mit ihrer Schnörkelschrift endlich mit dem Abschreiben fertig ist.

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  1. Chrissi

    Grundsätzlich stimme ich Euren Bedenken zu. Aber heutzutage hat sich bei den Susen eine derartige Erwartungshaltung eingestellt, dass sie alles konsumentenfreundlich geliefert bekommen (gelocht versteht sich von selbst) und dass sie keinerlei Eigenleistung mehr erbringen müssen. Zudem ist auch aufmerksames Abschreiben eines Tafelanschriebs unter Berücksichtigung dessen graphischer Gestaltung bzw. eines Textes von Folie eine Kompetenz, die es – natürlich hauptsächlich in der Unterstufe – zu erlernen gilt. (Dies ist natürlich Unsinn, wenn es sich um lange Texte handelt.) Außerdem muss es auch darum gehen, das Arbeitstempo der Schüler mal ein bißchen auf Vordermann zu bringen. Denn nur das Argument, dass sie ach so langsam sind, kann nicht dazu führen, dass wir in Zukunft alles selber machen. Müssen sie halt mal ein bißchen schneller schreiben lernen!

  2. Stimme ebenfalls voll zu. Alleine die Zeit, die beim Abschreiben draufgeht, steht oft in keinem Verhältnis zum Ertrag. Es sei denn, das Tafelbild/die Folie etc. hat tatsächlich auch einen brisanten, nachhaltigen Nutzen, d.h. die Schülerinnen und Schüler können oder sollen darauf ständig erneut zugreifen. Aber dafür mache ich dann doch lieber ein normales Handout, das ich als Kopie an jeden austeile – dann weiß ich wenigstens, dass keine R-Fehler oder Lücken enthalten sind, die hinterher nur zu unnötigen Auseinandersetzungen führen.

  3. Sabine

    Stimme voll zu!
    Seit ich außerdem in den Abschrieben meiner eigenen Kinder sehe, wie kreativ Schüler mit unseren grafisch so augeklügelten Folien/Tafelbildern etc pp umgehen (von den R ganz zu schweigen), lasse ich auch nichts mehr abschreiben. Gemeinsames Herleiten an der Tafel/am OHP – ja, aber dann aus dem Buch/Grammatikheft lernen lassen oder Kopie mitgeben bzw. mailen.

  4. Sehe ich auch so. Meine Folien sind alle digital, die Schüler können sie sich alle herunterladen. In Informatik, in dem ich mich auch in der Oberstufe sehr am Buch orientiere, habe ich neulich ein Kapitel im Buch zusammengefasst und präsentiert; die Schüler sollten als Hausaufgabe dann das Kapitel dazu lesen (das nicht sehr dicht war) und sich die wichtigsten Sachen selbst ins Heft schreiben, als Ergänzung zu Folie. Die Überschrift habe ich allerdings noch in der Schule eintragen lassen.

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