Jochen Lüders

Englisch & Sport am Gymnasium ... und ein bisschen Tango

Aus der Praxis für die Praxis

Vor kur­zem ging es bei EnPa­ed um das The­ma Unter­richts­stö­run­gen. Wolf­gang Alke­witz hat fol­gen­des „Sam­mel­su­ri­um aus der Pra­xis für die Pra­xis“ zu bie­ten:

Lege dir ein per­sön­li­ches, beruf­li­ches Tage­buch, ein Lehr-Port­fo­lio, an. Reflek­tie­re dei­ne päd­ago­gi­schen Grund­wer­te,  dei­ne Pra­xis, schrei­be dei­ne Gedan­ken und Gefüh­le auf, dei­ne kon­kre­ten Zie­le und was dar­aus gewor­den ist. Sei krea­tiv. Es ist nur für dich allein, denn Schrei­ben hilft oft­mals beim Den­ken.

Die Stö­rer stö­ren nicht nur dich und dei­nen Unter­richt, son­dern auch die Mehr­heit der ande­ren Mit­schü­ler und ihren Unter­richt: Sei nett zur die­ser Mehr­heit, und zu der Min­der­heit der Stö­rer sei höf­lich-bestimmt.

Es gibt genau genom­men kei­ne „Stö­rer“, son­dern Schü­ler, die sich in ihrer jewei­li­gen Ent­wick­lungs­pha­se auf­fäl­lig ver­hal­ten, so dass es dir nega­tiv auf­fällt. In einem ande­ren Kon­text bzw. auch eine gewis­se Zeit spä­ter sind sie ’nor­ma­le‘ Men­schen. Reagie­re nicht auf den „Stö­rer“, son­dern auf sein Stö­ren und erken­ne dabei den jun­gen Men­schen, für den die­ses Ver­hal­ten gera­de dran ist. Ler­ne es, Stö­run­gen zu ‚lesen‘.

Über­prü­fe dei­ne Vor­stel­lun­gen von einem guten Unter­richt: Gequat­sche *kann* ein Zei­chen dafür sein, dass jeder the­ma­tisch enga­giert ist; in einem sol­che Fal­le kannst du aus der Not eine Tugend bzw. einen eige­nen Unter­richt­schritt machen: Jeder tau­sche sich mit sei­nem Tisch­nach­barn über die Auf­ga­be  „…“ aus (und du gehst durch die Klas­se und zeigst mit Dau­men und Zei­ge­fin­ger, wel­che zwei du meinst). „Nach 30 Sek. (60 Sek., 2 Min. …)  fra­ge ich eini­ge, was sie her­aus­be­kom­men haben.“

Tau­sche dich mit den Klas­sen- bzw. ande­ren Fach­leh­rern über die Stö­run­gen bzw. die Stö­ren­den aus. So kannst du wert­vol­le Hin­wei­se für dein wei­te­res Vor­ge­hen bekom­men und Ver­bün­de­te fin­den für ein gemein­sa­mes Vor­ge­hen, z.B. gemein­sa­me Klas­sen­re­geln, Auf­sicht von Son­der­stun­den usw.

Besor­ge dir die Tele­fon­lis­te der Klas­se und rufe Eltern an. Auch Eltern von nega­tiv-auf­fäl­li­gen Schü­lern  inter­es­siert (meist) das Erge­hen ihrer Kin­der in der Schu­le. Wenn aller­dings eine Bemer­kung kommt wie: „Rufen Sie ruhig an, wenn er wie­der gestört hat. Dann schla­ge ich ihm eine.“ – dann sei vor­sich­tig mit dem, was du wem kund­tust.

Nimm dir die Zeit (!) und rede mit auf­fäl­li­gen Schü­lern; viel­leicht haben sie ja nach­voll­zieh­ba­re Grün­de (ADHS, Schei­dung der Eltern, jemand Neu­es in der Klas­se, etc.) Erar­bei­te mit ihnen indi­vi­du­el­le, ope­ra­tio­na­li­sier­te Ziel­ver­trä­ge („Ich will im Eng­lisch­un­ter­richt bei Frau Sowie­so bis zum … fol­gen­de Ver­hal­tens­wei­sen ein­üben: Ich mel­de mich in jeder Stun­de x‑mal. Ich ach­te dar­auf, dass ich nicht quat­sche, wenn jemand anders spricht.“  etc.) und rede dann mit dem Schü­ler nach dem ein­ge­plan­ten Stich­tag dar­über: was hat er aus sei­ner Sicht /nicht/ erreicht, was aus dei­ner Sicht; was ist jetzt dran. Für manch einen Schü­ler ist es allein die­se Zuwen­dung von dir, wel­che Wun­der wirkt.

Baue dir Unter­richts­stun­den, die Metho­den­wech­sel ‑und viel­falt incl. ein paar inter­es­san­ter Bon­bons beinhal­ten (einen Song hören, ein paar jokes lesen / erzäh­len, ein Kreuz­wort­rät­sel lösen oder erstel­len etc.). Aber sei behut­sam damit, alles auf ein­mal völ­lig umzu­krem­peln – jede Stun­de eine Ände­rung ist wir­kungs­vol­ler und von dir beherrsch­ba­rer.

Ent­wick­le im Lau­fe der Zeit Rou­ti­nen, die die Schü­ler von allei­ne, d.h. ohne dein wie­der­hol­tes Mah­nen durch­füh­ren und for­de­re sie auch ein – z.B. zu Beginn der Unter­richts­stun­de alle rele­van­ten Mate­ria­li­en auf dem Tisch haben („the gol­den hand“: book, exer­ci­se book, … – und nichts ande­res); schrei­be Lexik und ande­res immer an den­sel­ben, jewei­li­gen Tafel­be­reich, und die Schü­ler müs­sen dann die Voka­beln etc. immer unauf­ge­for­dert abschrei­ben etc.

Es gibt etli­che Grün­de, die zu Unru­he in einer Klas­se füh­ren: Streit in der Pau­se, eine Klas­sen­ar­beit vor oder nach dei­ner Stun­de, Unter­richt bei einem Cha­os-Kol­le­gen in der Stun­de vor­her etc. Es ist halt (in der Stun­de erst ein­mal) so, das hat nichts mit dir als Per­son zu tun.

Besor­ge dir ein akus­ti­sches Signal für die Klas­se; wenn du es anschlägst, müs­sen sie (ler­nen) still (zu) sein. Es bie­tet sich beson­ders dann an, wenn Paa­re / Grup­pen gear­bei­tet haben und du die­se Pha­se been­dest. Besor­ge dir des­wei­te­ren einen Timer (bei­spiels­wei­se eine Back­uhr): „Für die fol­gen­de Auf­ga­be habt ihr x Minu­ten Zeit ( und nicht län­ger); dann klin­gelt die Uhr und wir bespre­chen die Ergeb­nis­se.“ (Falls du falsch kal­ku­liert hast, kannst du sie zwi­schen­durch in die Hand neh­men und ein wenig nach­kor­ri­gie­ren …). Schrei­be Auf­ga­ben – die immer ein kon­kre­tes Ergeb­nis haben soll­ten („Find 5–7 adjec­tives which show that …“) und die geschätz­te Zeit­vor­ga­be.

Letz­te­res ist Teil eines umfas­sen­de­ren metho­di­schen Kon­zepts, dem „Koope­ra­ti­ven Ler­nen“ und beinhal­tet noch viel, viel mehr, z.B. auch Ein­zel­ar­beits­pha­sen.  Set­ze dich über­haupt mit ver­schie­de­nen Unter­richts­me­tho­den und ‑kon­zep­ten aus­ein­an­der und über­neh­me das (für dich gera­de) Bes­te dar­aus.

Ver­tei­le Lob, wenn es ange­bracht ist (natür­lich *nicht* grund­los): münd­lich oder schrift­lich (z.B. in Form von reward sti­ckers, die in der 5. und 6. Klas­se sehr gefragt sind).

Übe dei­ne ver­ba­le Schlag­fer­tig­keit: reagie­re auf Schü­ler­be­mer­kun­gen so, dass du die Lacher auf dei­ner Sei­te hast. Das ist aller­dings eine hohe Kunst, die unter Stress nicht so gut gelingt. Unter­las­se es auf jeden Fall, ätzen­de Bot­schaf­ten in die Klas­se zu sen­den („Ihr seid alle …“). Dei­ne Kri­tik sei berech­tigt, wohl­wol­lend, kon­kret, sach­lich und per­sön­lich.

Mache dein „Pro­dukt“, die eng­li­sche Spra­che, für die Schü­ler attrak­tiv: Man kann mit ihr Songs ver­ste­hen, Fil­me im Ori­gi­nal schau­en, Bücher im Ori­gi­nal lesen, eng­li­sche Inter­net­sei­ten im Ori­gi­nal lesen, mehr Geld im Beruf spä­ter ver­die­nen, mit einem Jugend­li­chen von einem ande­ren Kon­ti­nent chat­ten etc. Mit der eng­li­schen Spra­che haben wir es da glück­li­cher­wei­se viel ein­fa­cher getrof­fen als ande­re Fach­kol­le­gen (z.B. Latein).

Nut­ze Pau­sen­auf­sich­ten u. ä., um mit Schü­lern – gera­de auch mit denen aus schwie­ri­gen Klas­sen – locker und ‚außer­un­ter­richt­lich‘ ins Gespräch zu kom­men.

Mache einen infor­mie­ren­den Unter­richts­ein­stieg mit Stich­wor­ten: das und das machen wir heu­te (kann ruhig was Inter­es­san­tes dabei sein); am Ende der Stun­de ein Rück­blick zum Abha­ken: das und das haben wir geschafft – das und das haben wir nicht geschafft – weil … (ich zu viel geplant, ihr zu laut, etc. => 2 Minu­ten Klas­sen­ge­spräch für die­se Refle­xi­on anbe­rau­men; nicht zuviel, da sie sonst lie­ber labern als ler­nen …) – Spä­ter lässt sich das von dir erwei­tern: das und das haben wir nicht geschafft, weil ihr zu wuse­lig / unru­hig war, also müsst ihr das als Haus­auf­ga­be zusätz­lich bear­bei­ten).

Stel­le dei­nen Schü­lern das Pro­blem („Es ist sehr oft zu laut hier, so dass vie­le weni­ger ler­nen, als es eigent­lich mög­lich wäre, des­halb habe ich mir über­legt, dass wir hier etwas ändern müs­sen.“ ) und dei­ne Ide­en für Sank­tio­nen und dein ‚Notie­rungs­sys­tem‘ (z.B. Klas­sen­ge­sprächs-Regeln, Stö­rer an eine bestimm­te Tafel zu schrei­ben) den Schü­lern vor („Des­halb habe ich mir gedacht, das ich fol­gen­des mache: …“). Dann fra­ge sie, ob sie wei­te­re („noch bes­se­re“) Ide­en haben und inte­grie­re die­se, wenn sie sinn­voll sind.

Bei Stö­run­gen, Dis­zi­pli­nie­run­gen und Refle­xio­nen dar­über mit der Klas­se rede auch in Eng­lisch­un­ter­richts­stun­den deutsch, denn in einer Fremd­spra­che kann man Schü­ler meist nicht so tief errei­chen wie in der Mut­ter­spra­che. Das Ide­al der (auf­ge­klär­ten) Ein­spra­chig­keit betrifft den eigent­li­chen Eng­lisch­un­ter­richt – und selbst da nicht immer.

Erar­bei­te mit der und für die Klas­se zu aller­erst „Gesprächs­re­geln für den Klas­sen­un­ter­richt“ und ggf. auch für ande­re Sozi­al­for­men – lass sie auf ein gro­ßes Pla­kat schrei­ben (Tape­te o.ä.) und hän­ge sie auf. („Wer etwas sagen will, mel­det sich. Wer sich mel­det war­tet, bis er dran genom­men wur­de. Wenn jemand dran­ge­nom­men wur­de, gibt er sei­nen Bei­tragt. Wenn einer etwas sagt, hören die ande­ren so zu, dass sie dar­auf ant­wor­ten könn­ten.“ usw.). Da soll­test du ruhig über meh­re­re Stun­den bzw. Wochen immer wie­der machen, 1. damit sich das bei den Schü­lern ein­prägt, 2. damit du ggf. mit Hil­fe der Schü­ler wei­te­re Ide­en bekommst. Nimm die jewei­li­ge Klas­se in den Ver­än­de­rungs­pro­zess hin­ein, gib dir und der Klas­se Zeit für die Ver­än­de­rung.

Schrei nicht in der Klas­se, sonst steigt als Echo der all­ge­mei­ne Lärm­pe­gel. Instal­lie­re dir einen Dis­zi­pli­nie­rungs­platz im Klas­sen­raum (z.B. in der Mit­te vor­ne, aber nicht direkt vor der Tafel (das kann der Erklä­rungs­platz sein) und mache ggf. eine Ges­te dazu (eine beru­hi­gen­des Hän­de-nach-unten-hal­ten): „Immer, wenn ich hier ste­he, möch­te ich, dass ihr sofort auf­hört zu spre­chen. Das mache ich immer dann, wenn …“). Wenn du in der Klas­se dis­zi­pli­nierst, dann ggf. laut (nicht: hys­te­risch, son­dern aus dem Unter­bauch her­aus, wie beim Sin­gen) anfängst und in ein paar Sekun­den immer lei­ser sprichst.

Erar­bei­te dir eine Sank­ti­ons­lei­ter: je öfter ein Schü­ler stört, des­to mehr Zeit muss er am Nach­mit­tag für eine Son­der­auf­ga­be auf­wen­den; das kön­nen ein­fa­che Abschreib­auf­ga­ben sein, aber auch kom­ple­xe­re, bei denen man ‚den­ken‘ muss (z.B. die Gesprächs­re­geln abschrei­ben / jeweils erläu­tern / Bei­spie­le dafür fin­den / eine Erzäh­lung einer super Eng­lisch­stun­de erfin­den, etc., Pla­kat erstel­len zum The­ma XY). Regel: für jede nicht gemach­te Auf­ga­be gibt es eine wei­te­re dazu.

Mache dei­ne Sank­tio­nen trans­pa­rent („Wen ich ein­mal an die Tafel schrei­be, bekommt eine extra Auf­ga­be; bei wei­te­ren Stö­run­gen, die ich in Form von Stri­chen an der Tafel auf­zeich­ne – damit ich das nicht ver­ges­se und jeder ande­re das über­prü­fen kann – gibt es eine wei­te­re Auf­ga­be dazu.)

Sei kon­se­quent. Wenn du was ankün­digst, füh­re es auch durch, damit kein unschö­ner Teu­fels­kreis beginnt. ABER sag den Stö­rern nicht sofort, was sie tun müs­sen (es sei denn, du willst dei­ne Ruhe vor ihnen haben: dann kön­nen sie gleich anfan­gen, Sei­te x abzu­schrei­ben), son­dern: „Komm bit­te nach der Stun­de zu mir ans Pult. Dort bespre­chen wir dein Ver­hal­ten.“

Ent­wick­le dir eine zeit­öko­no­mi­sche Metho­de, nicht gemach­te Auf­ga­ben zu notie­ren und ggf. zu erwei­tern.

Gehe zu Beginn der Stun­de jedes­mal durch die Klas­se, um zu über­prü­fen, dass jeder die Haus­auf­ga­ben gemacht hat (Sicht­prü­fung). Für nicht gemach­te oder dahin­ge­schmier­te HA machst du dir jeweils einen Strich zur Erin­ne­rung, bei x nicht gemach­te Auf­ga­ben folgt eine zusätz­li­che Sank­ti­on.

Eini­gen Schü­lern kannst du sagen, was du willst – des­we­gen sei auch mal ‚hand­lungs­ori­en­tiert‘ in dei­nem Sank­ti­ons­re­per­toire: Ver­don­ne­re den / die Stö­rer zu einer Zwangs­nach­hil­fe bei dir in der Schu­le. (Not­falls musst du eine Stun­de dabei sit­zen, in dei­ner Frei­zeit – ein kurz­fris­ti­ger Ein­satz, damit es lang­fris­tig bes­ser wird.)

Auch effek­tiv: samm­le bei jeder Stö­rung an der Tafel die Anzahl der Minu­ten, in denen Unter­richt nicht mög­lich ist. Nach x Minu­ten ent­fällt ein beson­de­res Unter­richts-Bon­bon. Oder: Nach (30-)45 Minu­ten berau­me eine Nach­hol­stun­de für alle ein.

Stel­le Erfolg fest, den du in einer Klas­se bewirkt hast und mache ihn ‚ding­fest‘: erzäh­le dei­ner bes­ten Freun­din / Kol­le­gin / in Enpa­ed davon … Lobe dich für das Erreich­te und beloh­ne dich dafür.

Suche insb. auch pri­vat dei­ne Kraftquelle(n) auf. Nur ein wohl­ge­mu­ter, unge­stress­ter Leh­rer ist ein guter Leh­rer.

Glau­be nicht dar­an, dass das Befol­gen von Rat­schlä­gen dir wei­ter­hilft. Alles, was ande­ren hilft, muss dir nicht hel­fen, kann aber gleich­wohl Anre­gun­gen dafür geben, dass du dei­ne (Dis­zi­pli­nie­rungs-) Metho­de wei­ter­ent­wi­ckelst. In der NLP sagt man: „Wenn etwas nicht funk­tio­niert, pro­bie­re etwas ande­res.“

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  1. Claudia Boerger

    Dan­ke für die­se schö­ne Ide­en­samm­lung!

    • Silvia Moritz

      Es ist spät am Abend und ich sehe, dass es wohl über­all die­sel­ben Bau­stel­len gibt – und vie­le ver­schie­de­ne Lösun­gen. Hier gefal­len mir vie­le! Dan­ke.

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