Jochen Lüders

Englisch & Sport am Gymnasium und ein bisschen Tango

Wissensgesellschaft?

Bekanntlich leben wir in einer „Wissensgesellschaft“. Ausgehend von diesem Begriff könnte man meinen, dass Menschen – und damit auch Schüler – heute besonders viel, oder zumindest mehr als früher wissen müssten. Dies trifft häufig jedoch überhaupt nicht zu, im Gegenteil, oft sollen sie deutlich weniger wissen als früher.

Nehmen wir als aktuelles Beispiel die amerikanischen midterm elections. Jeder Oberstufenlehrer wird diese Wahlen wohl als Anlass nehmen das amerikanische Regierungssystem entweder einzuführen oder zumindest zu wiederholen, damit die Schüler überhaupt verstehen, was dort passiert. In meinem LK habe ich zur Wiederholung die Info-Box auf S. 200-201 in Images and Perspectives (IaP) benutzt, für die Einführung in meiner 11ten das Diagramm auf S. 138 in Green Line Oberstufe Bayern (GLO).

Schon der erste Blick macht klar, dass früher dem Schüler viel mehr Wissen zugemutet wurde: Eineinhalb Seiten mit Text und Diagramm in IaP gegenüber knapp einer halben Seite Diagramm in GLO.

Um zu verstehen warum bei den Kongresswahlen auch 37 Senatoren gewählt wurden, muss man wissen, dass sich alle zwei Jahre jeweils ein Drittel von ihnen zur Wiederwahl stellen muss. In IaP erfährt der Schüler das und er lernt auch noch, welchen Zweck dieses Verfahren hat: „This means that there is usually a mixture of experienced and newly elected senators“ (S. 200 rechte Spalte).

In GLO erfährt er nicht mal wieviele Senatoren es überhaupt gibt, nur dass jeder Staat zwei hat und dass sie eine sechsjährige Amtszeit haben. Kein Wort über den Wahlmodus. Auch beim ‚House of Representatives‘ schweigt sich GLO darüber aus, wieviele Abgeordnete es denn nun überhaupt sind. Diese Zahl sollte man m.E. schon wissen, denn sonst kann man den republikanischen Zuwachs von über 60 Sitzen nicht vernünftig einordnen.

Der Fairness halber sollte an dieser Stelle erwähnt werden, dass weder New Context (abgesehen von der Context Box auf S. 190) noch Context 21 irgendwas zu „Checks and Balances“ bieten.

Ist das bisher Gesagte ein untypisches Beispiel? Meiner Meinung nach nicht. Wissen ist bedenklich in Verruf gekommen. Alle Welt und vor allem wir Lehrer reden die ganze Zeit von „Kompetenzen“ und tun so (vielleicht glauben es ja einige ganz ernsthaft), als ob die im luftleeren Raum entstehen und gefördert werden könnten. Gleichzeitig jammern wir, dass die Schüler immer weniger wissen und dadurch auch können.

Verlage bedienen lediglich den Markt und wenn GLO Wissen immer wieder nur noch in Form von vereinfachenden Diagrammen (unter Verzicht auf erläuternden Text) und atomisierten „Fact Files“ anbietet, dann nur weil es die Mehrheit der Kunden, also WIR, es offenbar so wollen.

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Die drei Formen der Ignoranz

  1. Markus

    Ich stimme dir zu Jochen, „Wissen“ ist etwas das heute als selbstverständlich angesehen wird, deswegen sollen wir das „Können“ vermitteln. Insbesondere bei grundlegendem Faktenwissen bewegen sich viele Schüler auf sehr dünnem Eis, das merke ich besonders auch in Erdkunde in der Oberstufe. So korrigiere ich z.B. gerade eine Klausur in der ich lese: „Irgendwann werden die Zuckervorkommen erschöpft sein.“ …
    Da kann die Betreffende Schülerin nun eine Raumanalyse durchführen und ein Diagramm auslesen, aber wie Zucker gewonnen wird weiß sie nicht. Ich finde das ebenfalls sehr bedenklich und versuche allein schon deswegen in meinem Unterricht den Schülern auch Wissen zu vermitteln.
    Das Problem dabei ist dass die Schüler diese beiden Begriffe nicht trennen können, oder zumindest nicht immer. Ich mache im Unterricht eine Raumanalyse zu China und die SuS sollen das Gleiche dann in der Klausur z.B. für Indien machen, Schülerantwort: „Indien hammer doch garnet gmacht … oder?“

  2. Ein paar kurze Gedankenfetzen:

    (1) Zwar stimmt es, dass Lehrer (und Schüler) die Zielgruppe eines Schulbuches bilden, doch über dessen Zulassung entscheidet in den meisten Bundesländern noch immer jemand im jeweiligen Kultusministerium.

    (2) Vielleicht sollte man dem Green-Line-Oberstufe-Anbieter Klett mal explizit sagen, dass man für den Unterricht in der Oberstufe einfach viel mehr Inhalt erwartet, als dies das jeweilige Buch bietet.

    (3) Während meiner Unterrichtspraktika ist mir aufgefallen, dass selbst Jahre nach Einführung des kompetenzorientierten Rahmenlehrplans noch immer viele Lehrer überhaupt nicht kompetenzorientiert unterrichten. Für sie symbolisiert das böse K-Wort den Niedergang des schulischen Abendlandes.

    (4) Ich bin der Überzeugung, dass sich Wissen und Kompetenz nicht ausschließen. Im Gegenteil: Die Deutsche Gesellschaft für Geographie hat in ihren Bildungsstandards für den Mittleren Schulabschluss (einen entsprechenden Standard gibt es von der KMK nicht) explizit den Kompetenzbereich Fachwissen integriert. Auch jeder andere Bereich (Räumliche Orientierung, Methoden, Kommunikation, Beurteilung und Handlung) enthält Wissenskomponenten.

    (5) Man könnte die SuS auf Grundlage eines zusätzlichen Textes und ggf. durch Fragen gelenkt (Warum werden nur 37 Senatoren neu gewählt?) das GLO-Diagramm überarbeiten lassen. Eine Gruppe muss ihr Diagramm dann an der Tafeln entwickelnd präsentieren. Da hätte man Wissen, Sprache und Kompetenz (ein Diagramm entwickeln und erklären) sinnvoll vereint.

    • TwoEdgedWord

      Zu (5): Hört sich in der Theorie hervorragend an. In der Praxis sieht das aber dann so aus, dass 70% der SuS-Arbeiten für die Tonne sind weil lieblos hingerotzt oder schlicht falsch. Natürlich machen sich die SuS nicht die Arbeit, das bei der Besprechung zu verbessern, es sei denn, der Lehrer droht an, alles einzusammeln und zu benoten, was ein aberwitziger Zeitaufwand ist. Macht er das nicht, kommen diese SuS (oder deren Eltern) nach der nächsten Klausur an und wollen wissen, warum im Heft falsche Sachen stehen, so könne man sich ja nicht auf die Klausur vorbereiten. Für eine schlichte Wiederholung ist der zeitliche Aufwand also völlig unökonomisch.
      Die restlichen 30% hätten auch keine Problem damit, wenn der Lehrer sagt: Habt bitte zur nächsten Stunde die relevanten Fakten von Seite bla bis Seite blubb präsent. Für die muss man diesen Methodenkrams also nicht veranstalten.

      (Ok, ganz so schlimm ist es nicht, aber solche Sachen – die ich ja selber auch mache – sind extrem zeitintensiv und können eben nur in einigen Fällen gemacht werden, wenn der vermutete Ertrag die Investition übersteigt.)

      • Ich hatte es so verstanden, dass Green Line Oberstufe für die erstmalige Einführung in die Thematik verwendet wird. Dass sich der Aufwand bei einer puren Wiederholung nicht lohnt, da kann ich nur zustimmen.

        Auf der anderen Seite kann man sich natürlich auch fragen, ob – wenn man eh nur zehn oder fünfzehn Minuten investieren möchte – die Schüler die Stunde mit dem Wissen verlassen müssen, dass es 100 Senatoren (das ist bei zwei Senatoren pro Staat noch merkbar) und 435 Abgeordnete gibt. Zumal viele nicht wissen, wie viele Leute im Bundestag sitzen.

        • > Auf der anderen Seite kann man sich natürlich auch fragen …

          Ja, ich finde das sollten sie wissen. Denn nur dann kapieren sie das raffienierte System aus „demokratisch“ gewähltem Repräsentantenhaus und eigentlich „undemokratischem“ Senat (jeder Staat hat zwei Stimmen, egal wie groß die Bevölkerung ist).

        • Max

          >eigentlich “undemokratischem” Senat (jeder Staat hat zwei
          >Stimmen, egal wie groß die Bevölkerung ist).

          Ebenso undemokratisch — weil gegen das „one-man-one-vote“-Prinzip — ist übrigens die Vertretung der Staaten im EU-Parlament, oder die der Bundesländer im Bundesrat.

        • Hm. Wenn man bedenkt, dass in Montana auf einen Abgeordneten 967.440 Einwohner kommen, in Rhode Island hingegen 525.394, dann ist das auch nicht sonderlich demokratisch.

          Quelle: http://www.datamasher.org/mash-ups/people-representative#table-tab

        • Philipp

          Das mit dem „undemokratischen“ lässt sich noch weiter spinnen. Die Wahlmethode für den US-Präsidenten ist nach unseren Maßstäben wohl noch viel weniger demokratisch. Auch die Wahlen zum britischen Unterhaus… etc. Was ist aber dann demokratisch? Ich wäre mit so einem Urteil eher vorsichtig. Ich glaube nämlich auch nicht, dass übermäßig viele US-Bürger mit unserer Einschätzung von demokratisch und undemokratisch einverstanden wären – wenn sie überhaupt verstehen, wovon wir sprechen 😉

    • Max

      [Zitat Julius]
      >Für sie symbolisiert das böse K-Wort den Niedergang
      >des schulischen Abendlandes.

      In neutraler Sprache, statt in SPIEGEL-„Schreibe“:

      Sie (und ICH) sind einfach nicht davon überzeugt, dass der Kompetenzansatz gegenüber dem früheren Wissens-Ansatz eine Verbesserung darstellt.

      Wenn Du in ca. 10 Jahren erleben wirst, wie Kompetenzen durch das nächste allein-seligmachende Rezept ersetzt werden, reden wir weiter–über den Zustand des „Abendlandes“. 😉

      „Jeder soll nach seiner Façon selig werden.“ (Friedrich II.)

      • Kompetenzen sind in der Tat kein allein selig machende Konzept. Und ich gebe dir Recht, Max, dass in schöner Regelmäßigkeit die nächste Sau durchs Dorf getrieben wird.

        Mit dem, was ich schrieb, wollte ich bloß zum Ausdruck bringen, dass für viele das Verhältnis zw. Kompetenz und Wissen eine Entweder-oder-Frage ist, ich hingegen meine, man kann beides vereinen. Als Geograf finde ich es beispielsweise ausgesprochen wichtig, dass die Schüler die Hauptstadt jedes europäischen Landes sowie ausgewählter außereuropäischer Staaten im Schlaf nennen können. Bei allen anderen Ländern reicht es meines Erachtens aus, wenn sie die Hauptstadt mithilfe des Atlas identifizieren können.

  3. rip

    > graphischen Qualitäten …

    Da magst du recht haben – aber du hattest doch explizit die fehlende Info zu Checks and Balances bemängelt 😉

    Die GLO-Variante finde ich zwar hübsch, aber nicht übermäßig informativ.
    In „The New Summit“, pp. 87-88, ist übrigens auch viel Information.

  4. > P.S. Zu “Checks and Balances” s. Viewfinder Special, p. 234

    Über die graphischen Qualitäten dieses Diagramms kann man streiten 😉

    „Checks and Balances“ wird sehr ausführlich dargestellt, zu den einzelnen „branches“ (wie lange sind die „terms“, wieviele Richter, Abgeordnete, Senatoren gibt es etc.) erfährt man jedoch gar nichts. Da finde ich die Kombination, die GLO versucht, besser.

  5. rip

    Man könnte ja nun einwenden, dass der moderne Schüler das Buch nur als eine von mehreren Informationsquellen sieht. Aber zum Verstehen leicht nachschlagbarer Fakten (-> Internet) muss man erst einmal auf die *Idee* kommen, etwas nachschlagen zu wollen, und man muss in der Lage sein, die gefundenen Details zu gewichten und zu verknüpfen. Auch dazu benötigt man Kompetenzen, die aber geschult und gepflegt sein wollen. Tempus fugit.

    P.S. Zu „Checks and Balances“ s. Viewfinder Special, p. 234 😉

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