Jochen Lüders

Englisch & Sport am Gymnasium / Tango & Tanzfeste

Dial W for Waste

Für den Fall, dass du nicht aus Bayern bist und verstehen möchtest, worum es im folgenden Beitrag geht, solltest du dir erst mal durchlesen, was ein W-Seminar ist bzw. sein sollte.

Du hast derzeit ein W-Seminar oder planst eines im nächsten Schuljahr anzubieten? Dann kannst du vielleicht von meinen Erfahrungen profitieren.

Natürlich kann es bei dir gaaaanz anders laufen. Deine Schüler recherchieren eifrig und eigenverantwortlich, halten ihre Termine ein, legen rechtzeitig Gliederungen vor, beachten deine Hinweise zur äußeren Form der Seminararbeit usw., kurzum alles läuft w(underbar). Wie ich aus zahlreichen Gesprächen mit Kollegen/innen weiß, sind meine Erfahrungen allerdings nicht ganz untypisch …

Als erstes musst du dir natürlich erst mal überlegen, was für eine Art von Veranstaltung du überhaupt halten willst. Wenn es nur ein w(indiges) W(ischiwaschi)-W(itz) Seminar werden soll, musst du dir nicht viel Gedanken machen. In diesem Fall hältst du im ersten Semester noch halbwegs regelmäßig Unterricht (einige Kollegen haben bereits von Anfang an einen 14-tägigen Turnus). Zu Beginn des zweiten Semesters erklärst du, dass jetzt die Zeit „eigenständiger Recherche“ beginnt und das Seminar deshalb nur noch alle zwei / drei / vier Wochen stattfindet. Alternativ findet es überhaupt nicht mehr regulär statt, sondern du vereinbarst mit deinen Schülern „individuelle Besprechungstermine“, bei denen sie die Resultate ihrer „Recherchen“ präsentieren sollen. Dieses Verfahren hat den Vorteil, dass man diese „Besprechungen“ in einer Pause oder gleich im Anschluss an die 6. Stunde abhalten kann. Die Schüler zeigen zwei ausgedruckte Wikipedia-Seiten oder erzählen von einem Buch, das sie angeblich mal in der Hand gehabt haben. Alle Beteiligten wissen, dass das mit der Recherche in den meisten Fällen schlichtweg gelogen ist (vor Juni / Juli machen die meisten Schüler sowieso überhaupt nichts), aber das macht ja nichts. Sehr beliebt sind im zweiten Semester auch Exkursionen jeglicher Art. Deine Schüler machen z.B. eine einstündige Führung durch die Stadtbücherei. Danach sind sie geistig derart erschöpft, dass das Seminar „als Ausgleich“ in den nächsten drei Wochen erstmal ausfällt.

Nach so einem W(eichspül)-Seminar brauchst du mit der Seminararbeit natürlich keinen großen Stress machen. Ein paar neu formatierte Wikipedia-Seiten mit Deckblatt, einer kurzen Einleitung und einem Schluss – fertig. Dafür gibt es mindestens 10 Punkte – dann sind alle zufrieden.

Wenn dir das alles allerdings zu wenig ist und du tatsächlich darauf bestehst, dass die Qualifikanten für ihre Arbeit auch mal eines dieser komischen rechteckigen Dinger mit den vielen Buchstaben darin in die Hand nehmen und darin LESEN, musst du schon Vorsorge treffen. Der Stellenwert der Seminararbeit ist so lächerlich gering (einschließlich „Präsentation“ nur 30 von insgesamt 600 Punkten der Qualifikationsphase), dass das Ganze den meisten Schülern weitgehend egal ist. Von meinen zehn Arbeiten liefen lediglich zwei normal: Irgendwann Ende Juni / Anfang Juli habe ich mal eine Grobgliederung bekommen, die Schülern haben Kontakt gehalten und kamen zu den angesetzten Besprechungen, Ende September / Anfang Oktober habe ich mal eine Textprobe gesehen usw. In allen anderen acht Fällen war es von Anfang bis Ende ein einziges Gewürge: Monatelang kein konkretes Thema bzw. keine (Grob-) Gliederung, zu angesetzten Besprechungen nicht erschienen, keine Reaktion auch auf schriftliche Erinnerungen, keine Textproben usw.

Die Seminararbeiten sahen dann natürlich entsprechend aus. In einigen Arbeiten gab es überhaupt keine Sekundärliteratur, in anderen wurden zwar ein paar Sachen aufgeführt, im ganzen Text fand sich jedoch kein einziger Verweis auf diese Quellen. Auch die Tatsache, dass in meinen Hinweisen zur Seminararbeit explizit steht, dass auch herkömmliche Printquellen benutzt werden müssen (und wir auch extra die Bibliothek der Hochschule für Fernsehen und Film besucht haben), hat nicht verhindert, dass bei einigen Arbeiten lediglich drei Internetadressen (meistens Wikipedia) angegeben waren.

Mein wichtigster Ratschlag lautet deshalb: Sichere dich bei allem was du machst, SCHRIFTLICH ab, damit du im Fall von Beschwerden nachweisen kannst, was du gemacht bzw. verlangt hast. Konkret bedeutet das:

  • Ich habe meinen Schülern – zusammen mit einer Musterarbeit – ein Handout „Hinweise zur Seminararbeit“ gegeben (bzw. geschickt), in denen alle Details zu Layout, Kurzbelegen, Sekundärliteratur etc. exakt vorgegeben sind.
  • Die Vermittlung von Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens (korrektes Zitieren und Belegen, Bewertung von Internetseiten usw.) kann ich auch wieder mit den entsprechenden Handouts nachweisen.
  • Aufforderungen an Schüler habe ich per Mail geschickt und kann sie bei Bedarf entsprechend nachweisen: „Lieber Maxl, ich habe immer noch keine (Grob-) Gliederung von dir bekommen. Bitte schicke sie mir im Lauf der nächsten Woche zu oder lege sie mir in mein Fach.“
  • Die Ergebnisse von Besprechungen mit Schülern habe ich wiederum in einer kurzen Mail zusammengefasst und die Schüler haben mit einer kurzen OK Antwort die Kenntisnahme dokumentiert.
  • Falls Schüler trotz mehrfacher Aufforderung keinen Kontakt mit mir aufgenommen haben (bzw. zu angesetzten Terminen nicht erschienen sind) habe ich sie einen entsprechenden Zettel unterschreiben lassen: „Hiermit bestätige ich, dass ich auf die von Herrn Lüders angebotetene Betreuung verzichtet habe. Datum, Unterschrift“.

Insgesamt ist das ganze W-Seminar m.E. eine ziemliche Verschwendung von wertvoller Unterrichtszeit. Im regulären Unterricht könnte ich den Schülern das Bisschen an „Wissenschaftspropädeutik“ viel besser beibringen, als wenn ich sie nur jede (zweite / dritte / …) Woche sehe.

Auf der anderen Seite hilft Jammern auch nicht weiter, denn wir müssen auf absehbare Zeit mit dem W-Seminar leben und versuchen das Beste daraus zu machen. Hier ein paar Anregungen und Tipps, damit das Ganze kein W(aterloo)-Seminar wird. (Dank an Daniele Drescher-Braun)

  • Reduziere deine Erwartungen und Ansprüche! Unterrichtest du (so wie ich) schon lange in der Oberstufe und hast schon des öfteren Grund- und Leistungskurse gehabt? Vergiss das Meiste davon. Mach dir immer wieder klar, dass du auch keine gk Schüler vor dir hast, sondern eben Schüler der 11ten Klasse. Mit denen hast du doch früher auch bei Adam und Eva angefangen: Wie finde ich im Lexikon die richtige Bedeutung? Wie beantworte ich eine Frage? Wie strukturiere ich einen Aufsatz? usw. Entsprechend musst du auch im W-Seminar kleine Brötchen backen: Warum sollte man sich beim Recherchieren nicht nur auf das Internet verlassen? Wie komme ich an geeignete Bücher heran? Wie zitiere ich korrekt? usw. Früher haben das 11-Klassler auch nicht gewusst bzw. gekonnt, warum sollen sie es jetzt plötzlich beherrschen?
  • Vergiss die offiziellen Infos und Beschreibungen von W-Seminaren. Wenn man sich die Musteranträge bzw. Beschreibungen, die so zirkulieren, anschaut, könnte man meinen, man soll ein Proseminar an der Uni halten. Wenn ich meinen ursprünglichen „Antrag“ für mein Filmanalyse Seminar anschaue, kann ich nur noch lachen. Ich habe nur einen Bruchtteil dessen gemacht, was ich ursprünglich geplant habe. Rede mit Leuten, die bereits ein Seminar gemacht haben und frage sie, für wie realistisch sie deinen Plan halten.
  • Berücksichtige die sprachlichen Probleme der Schüler. Oft läuft es ja so, dass Lehrer ihre Steckenpferde zum Thema eines Seminars machen: Landeskunde, Film, Literatur – alles Themen, die inhaltlich schon ziemlich anspruchsvoll sind und die Schüler sprachlich häufig völlig überfordern. Bereite dich mental darauf vor, dass du immer wieder ins Deutsche ausweichen musst, weil deine Schüler nicht in der Lage sind, das, was sie gerne sagen würden, auf Englisch auszudrücken.
  • Mach möglichst frühzeitig und möglichst konkret deutlich, wie das Seminar ablaufen soll, was du dir erwartest und wie das mit der Seminararbeit abläuft (wenn es dein erstes Seminar ist, frag wieder Leute, die bereits Erfahrung haben). Die meisten Schüler haben z.B. noch nie „Filmanalyse“ gemacht und können sich deshalb überhaupt nichts darunter vorstellen. Sie denken entweder gar nichts oder nehmen an, sie würden (wie bisher) Filme gucken und am Ende gefragt werden, ob ihnen der Film gefallen hat. Kläre mit deinem Oberstufenbetreuer, dass du dann immer noch sagen kannst: „So, wer sich jetzt im falschen Seminar fühlt, bitte wechseln!“

Anspielung in der Überschrift …

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  1. Ulrike Gillhaus

    Lieber Jochen Lüders,

    ich biete dieses Schuljahr ein W-Seminar mit dem Titel :Screening the British Isles an. Dein Artikel war sehr hilfreich, auch ich sehe einige deiner geschilderten Probleme auf mich zukommen. Deshalb würde ich gerne auf dein Angebot zurückkommen und dich ebenfalls um die“Hinweise zur Seminararbeit“bitten.
    Vielen Dank.
    Ulrike Gillhaus

  2. Carolin Ströhlein

    Lieber Jochen Lüders,
    vielen Dank für den Artikel. Auch wenn ich ein paar sehr engagierte Schüler in meinem W-Seminar ‚American Short Story‘ habe, so sehe ich die genannten Probleme auf mich zukommen. Nach vielen LKs Englisch ist dies mein erstes W-Seminar und es wäre super, wenn du mir die von dir genannten „Hinweise zur Seminararbeit“ schicken könntest.
    Vielen Dank
    Carolin Ströhlein

  3. Albrecht

    Hallo Jochen,

    da habe ich ganz andere Erfahrungen gemacht.

    Im einführenden Unterricht war bei mir jede Woche Unterricht auf Englisch und auch später waren es wenige Phasen, wo ich auf Ansage einzelne Stunden entfallen ließ.

    VOR WEIHNACHTEN legten die Schüler mit meiner Hilfe einen Arbeitstitel fest.

    Und ab da habe ich durch die Leistungserhebungen (2 pro Semester) so viele Zwischenpunkte gesetzt, wo die SuS was leisten mussten, dass ich gar nicht groß hinterherlaufen oder betteln musste.

    Ich verlangte z.B. Ende Januar in einen 10-minütigen mündlichen Bericht auf Englisch (Einzelprüfung), was sie bisher gemacht haben und wie sie sich die Arbeit vorstellen.

    Als nächstes kam in 11-2 ein Expose (2 Seiten Text, der die Zielsetzung beschreibt, Arbeitsgliederung und Arbeitsbibliographie im MLA oder APA Style), Abgabe nach Ostern.

    Im Juli dann Zwischenpräsentation der bisherigen Erkenntnisse, was eine sehr gute Übung für die Abschlußpräsentation war.

    Und für alles hatte ich die Unterrichtsstunden, um es den Schülern zu erklären und wirklich beizubringen. Das hatte ich im LK nicht, da nur 6 von 18 bei mir Facharbeit schrieben.

    Natürlich waren da einige weniger motivierte Schüler, die in der einen oder anderen Leistungserhebung mal 2 Punkte kassierten. Aber das war dann schon mal ein netter Wake-up call, als sie realisierten, dass das genau soviel zählt wie eine Klausur!

    Philipp meinte:

    “ Das G9 System mit der “integrierten” Arbeit in den LK Unterricht war sicherlich besser.“

    Da muss ich vehement widersprechen, das war wischi-waschi, entweder du betreust die Schüler in deiner Freizeit, z.B. in in der Pause, nach der Stunde oder gar nicht! Ich hatte am Ende das Gefühl, ich bewerte was, etwas, was ich ihnen nicht beigebracht habe. Das ist im W-Seminar nicht der Fall.

    Ich fand die Arbeit insgesamt viel befriedigender als Facharbeiten zu betreuen, zwei drittel meines Seminars waren wirklich aktiv dabei und haben auch wirklich viel dabei gelernt. Ich hatte drei sehr gute Arbeiten, die hatten locker über 30 Quellen, davon 10 Monografien.

    Habe ich mir zu viel Arbeit gemacht? Vielleicht, aber es hat einfach auch Spaß gemacht.

    Ich finde das W-Seminar eine der sinnvollsten Einrichtungen des G8, stimme aber zu, dass die Arbeit mit 30 Punkten zu wenig bewertet ist, 60 wäre angemessener.

    Und der Lehrer sollte für die Korrektur in 12-2 noch eine Anrechnungsstunde bekommen! 😉

    Gruß, Albrecht

  4. Friedrich

    Da ich bald an eine Schule und diese Seminare natürlich nicht kenne, würde mich interessieren, wie das W-Seminar SELBST (und nicht die dazugehörige Seminararbeit) aussieht. (wenn man es ernst nimmt)
    Wird da zu verschiedenen Themen „normaler“ Unterricht gemacht, einschließlich „normaler“ Leistungsüberprüfung gemacht, ähnlich wie in anderen Fächern, oder wie läuft der Unterricht im W-Seminar ab? (Sofern man es noch „Unterricht“ nennen kann)

  5. Peter

    Ach Jochen, Du müsstest Dich echt an eine FOS/BOS versetzen lassen… Deine Erfahrungen kenne ich noch aus meiner Zeit am Gymnasium, hier an der beruflichen Oberschule ist einfach alles anders, weil die Schüler doch schon wissen, was sie wollen…
    Meine Seminaristen waren immer pünktlich bei den Besprechungsterminen (und wenn sie’s mal nicht geschafft haben haben sie sogar im Sekretariat angerufen und Bescheid gegeben, dass sie 20min später kommen), haben alle meine Hinweise 1 zu 1 umgesetzt, und dementsprechend haben auch die Seminararbeiten ausgeschaut.

  6. Philipp

    Ich stimme dir zu, dass es im Prinzip verschwendete Unterrichtszeit ist, auch wenn ich mit Verlauf und Ergebnissen meines Seminars leidlich zufrieden bin. Habe bei einer Arbeit den Verdacht, dass die Autorin zwar noch weitere Hilfestellung als die angegebene hatte, kann das aber wohl nicht beweisen. Wäre bei einer traditionellen Facharbeit aber auch nicht anders. Das G9 System mit der „integrierten“ Arbeit in den LK Unterricht war sicherlich besser. Über eine stärkere Themenschwerpunktsetzung als im LK könnte man ja m.E. ohne Weiteres reden. Das Hauptproblem ist aber tatsächlich die Gewichtung. Mindestens 60 Punkte wären wohl nötig, um eine ausreichende extrinsische Motivation für die Schüler zu bieten. Auch wenn ich mich nicht sehr genau damit befasst habe, leuchtet mir das System des P-Seminars übrigens genauso wenig ein. Wenn man mit den Intensivierungsstunden das Kernstück des G8 geschlachtet hat, kann man ja mit den Seminaren vielleicht auch noch das Kernstück der G8 Oberstufe schlachten. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt… 😉

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