Jochen Lüders

Englisch & Sport am Gymnasium ... und ein bisschen Tango

Kolloquialer Stoff

Wenn Schü­ler fra­gen, was denn jetzt eigent­lich genau im Kol­lo­qui­um dran­kom­men kann, bekom­men sie meis­tens die Ant­wort: „Alles, was wir gemacht haben“. Die­se Ant­wort schafft m.E. sowohl für Schü­ler als auch für Leh­rer nur Pro­ble­me. 

Im Nor­mal­fall arran­giert man rund um ein paar Tex­te im Buch (bzw. den Büchern) noch ande­re Din­ge: Man hört sich einen Text an und übt Lis­ten­ing Com­pre­hen­si­on, zeigt ein Video, bespricht ein paar Car­toons, lässt einen deut­schen Text media­tie­ren (?) oder einen eng­li­schen über­set­zen usw. Soll das alles jetzt „Stoff“ sein? Für den Leh­rer ist natür­lich völ­lig klar, dass z.B. der Hör­text und das Video nicht Stoff der Prü­fung sind, aber woher soll der Schü­ler das wis­sen? Was ist mit den Car­toons? Die wur­den nur mal schnell zu Beginn der Stun­de gezeigt und kurz bespro­chen. Sind die Stoff und falls ja, soll der Schü­ler sie sich jetzt besor­gen? Falls ja, wie und woher? Ange­sichts all die­ser Unwäg­bar­kei­ten macht der Schü­ler meis­tens das ein­zig Rich­ti­ge, näm­lich NICHTS.

Beson­ders schlecht sind die Schü­ler dran, deren Leh­rer sie mit Unmen­gen an (meis­tens kopier­ten) aktu­el­len Tex­ten bom­bar­die­ren. Sind die jetzt alle Stoff? Falls nein, wel­che nicht? Woher soll der arme Schü­ler wis­sen, wel­che Tex­te der Leh­rer wich­tig fin­det und wel­che nicht?

Doch auch der Leh­rer macht sich mit sei­nem vagen „Alles“ das Leben bzw. die Prü­fung unnö­tig schwer. Er ist sich bewusst bzw. ahnt, dass sich der Schü­ler eigent­lich über­haupt nicht ver­nünf­tig vor­be­rei­ten kann, also beschränkt er sich auf läp­pi­sche Auf­ga­ben bzw. Fra­gen wie „Tell me about the Ame­ri­can Dream“ oder „What do you know about Bri­tish poli­tics?“.

Mei­ne Kol­lo­qui­ums­kan­di­da­ten bekom­men eine Über­sicht, auf der für jedes The­ma ganz genau der Stoff bzw. die Tex­te ange­ge­ben sind (GLO = Green Line Ober­stu­fe, NC = New Con­text). Hier ein Bei­spiel:

12/1

Son­nets

  • Ita­li­an vs. Eng­lish son­net
  • Shake­speare Son­nets 18, 27, 73, 130
  • Ewart „Ending“

Reli­gi­on in the US

  • USA Erklärt Zur Reli­gi­ons­frei­heit
  • Ame­ri­can reli­gi­ons“ GLO pp. 76–77
  • Divi­ded Ame­ri­ca“ NC pp. 191–192
  • Ame­ri­ca is a reli­gi­on“ GLO pp. 82–83

Short Sto­ries

  • Han­douts: The Short Sto­ry / Nar­ra­ti­ve Per­spec­tives
  • Alun Lewis “The Lap­se”
  • James Joy­ce “Eve­li­ne” NC pp. 237–240
  • Cho­pin “The Sto­ry of an Hour”

Die­se Lis­te zu erstel­len macht nicht viel Arbeit, denn ich muss ledig­lich aus mei­ner Unter­richts­pla­nung die Sachen her­aus­lö­schen, die ich für das Kol­lo­qui­um nicht ver­wen­den will.

Ent­spre­chend prä­zi­ser und anspruchs­vol­ler sind dann aber auch mei­ne Fra­gen. Anstel­le von „What do you know about son­nets?“ heißt es dann z.B. „Tell me about the meta­pho­ri­cal struc­tu­re of Shakespeare’s son­net 73“.

Aus mei­ner Sicht pro­fi­tie­ren sowohl Schü­ler als auch Leh­rer von die­sem Ver­fah­ren. Die Schü­ler wis­sen genau, was von ihnen ver­langt wird und der Leh­rer kann für das Abitur ange­mes­se­ne Fra­gen stel­len und muss sich nicht mit dem sonst übli­chen Gela­ber begnü­gen.

 

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The Power of Introverts

  1. Juliane Hellmessen

    Lie­ber Jochen, lie­be Kol­le­gen,
    da kann ich voll und ganz zustim­men. Ich habe den Schü­lern auch noch­mals alle Tex­te zusam­men­ge­schrie­ben, die wir zu den The­men­be­rei­chen behan­delt haben. Die­se Auf­stel­lung habe ich ihnen schon vor Ostern aus­ge­teilt, und so konn­ten sie zum einen genau prü­fen, wel­ches Spe­zi­al­ge­biet sie haben woll­ten, und zum ande­ren konn­ten sie ihre Unter­la­gen auf Voll­stän­dig­keit prü­fen. Ich habe dann eini­ge The­men­be­rei­che (ins­bes. jene, wel­che vie­le gewählt haben) noch­mals in zwei bis drei Stun­den wie­der­holt, in Grup­pen­ar­beit und mit einer bestimm­ten Fra­ge­stel­lung. Eine ande­re Auf­ga­be war, sich Fra­gen zu dem Stoff zu über­le­gen. Und das war super: die Schü­ler waren voll moti­viert und für mich sel­ber war es auch eine Art Wie­der­ho­lung, habe dadurch auch den Stoff „auf­ge­frischt“. Was ich zukünf­tig anders machen wer­de: ich wer­de immer gleich nach Abschluss jedes The­men­ge­bie­tes mir alle die­se Tex­te (gleich im WORD auf­schrei­ben) und mir auch gleich Fra­gen fürs Col­lo­qui­um über­le­gen; da kom­men die bes­ten Fra­gen, wenn man so mit­ten drin im Stoff ist!
    Viel­leicht ist das ja für den einen oder ande­ren ein Tipp?

    Kol­le­gia­le Grü­ße Julia­ne

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