Jochen Lüders

Englisch & Sport am Gymnasium / Tango & Tanzfeste

Nichts wissen macht nichts

… ist spätestens seit dem dem Erscheinen des KMS „Unterricht in den modernen Fremdsprachen in Bayern“ das Motto der Oberstufe im bayerischen Gymnasium in Englisch. Das ist eine gute Sache, denn bekanntlich sollen wir unsere Kinder auf eine „Wissensgesellschaft“ vorbereiten und das ist es nur von Vorteil, wenn die Köpfe der Kinder nicht schon in der Schule mit zu viel unnützem Wissen vollgestopft werden. 

Das schriftliche Abitur in Bayern ist ja schon traditionell eine wissensfreie Prüfung. Im neuen G8 müssen die Schüler einen Hörverstehenstest absolvieren, Fragen zu einem unbekannten Text beantworten, einen Cartoon beschreiben und interpretieren bzw. einen (lächerlich) kurzen Aufsatz von „about 200 to 250 words“ schreiben (in einigen Bundesländern muss der Aufsatz dreimal so lang sein) und eine deutsch-englische Mediation anfertigen. Bei keinem Prüfungsteil wird irgendein (Hintergrund-) Wissen verlangt; es gibt zwar beim Aufsatz Themen, die Wissen erfordern, aber die kann man leicht vermeiden, indem man eines der allgemeinen Schwafelthemen wie „Should violent video games be banned?“ (2011 Text I Thema 1) nimmt. Alles in allem eine sehr schülerfreundliche Angelegenheit, die es auch schwachen Kandidaten ermöglicht, ohne allzu großen Aufwand auf die Note 3 zu kommen.

Lediglich das sog. „Kolloquium“ ist als Fossil längst vergangener Zeiten übriggeblieben. Man reibt sich die Augen und mag es kaum glauben, hier soll der Schüler tatsächlich etwas wissen und dieses Wissen ca. 20 Minuten lang präsentieren. Somit ergibt sich die bizarre Situation, dass das „schriftliche“ Abitur (zumindest was Wissen angeht) deutlich leichter ist als das (eigentlich nicht so wichtige) „mündliche“.

Um Schüler optimal auf das Abitur vorzubereiten, muss man natürlich schon vorher sorgfältig vermeiden Wissen aufzubauen bzw. abzuprüfen. Die entsprechende Anweisung des KMS lautet: „In der Qualifikationsphase sind große Leistungserhebungen als Vorbereitung auf die Abiturprüfung zu sehen. Sie orientieren sich daher stark an den in der schriftlichen Abiturprüfung gegebenen Prüfungsformaten.“ (S. 6)

Jetzt könnte man natürlich darüber diskutieren, was „sich stark orientieren“ bedeuten könnte, aber die meisten Fachbetreuer bzw. Schulleitungen haben das schon entschieden: Man darf NUR NOCH die o.a. Prüfungsformate verwenden, alles andere ist VERBOTEN.

Vor gar nicht allzu langer Zeit sah man Klausuren in der Oberstufe – man wagt es kaum mehr auszusprechen – als sog. „LERNzielkontrollen“. Da sollte tatsächlich etwas gelernt werden, diese Lernerei hatte ein Ziel, nämlich etwas zu wissen bzw. zu können, und all das, wurde sogar noch – es schaudert einen schon bei dem Gedanken – „kontrolliert“.

Da hat man z.B. am Ende der Unterrichtseinheit über Short Stories den Schülern Auszüge aus den behandelten Geschichten gegeben, die sie unter verschiedenen Aspekten analysieren bzw. interpretieren mussten. Das darf man heutzutage gottseidank nicht mehr, denn so was wird im Abitur ja auch nicht verlangt. Im äußersten Fall darf man den Schülern eine Short Story zur Analyse vorlegen, aber auf keinen Fall soll die dann mit einer bereits behandelten verglichen werden, denn im Abitur …

Konsequenterweise darf man in Oberstufen-Klausuren auch nicht mehr überprüfen, ob Schüler sprachlich etwas gelernt haben bzw. etwas können. Schließlich sollen sie ja nach der Schule mit Gewinn an Englisch-Kursen der Universitäten teilnehmen, die die angehenden Studenten studierfähig machen sollen (entsprechende Mathe- und Deutschkurse gibt es ja schon seit längerem). In grauer Vorzeit hat man tatsächlich noch typische Problemfelder (wie conditional sentences, reported speech, tenses etc.) wiederholt und geübt und in der Klausur anhand von ein paar Sätzchen überprüft. Das darf man jetzt dem-Ministerium-sei-Dank nicht mehr, denn im Abitur …

Folge dieser Bestimmung ist, dass Oberstufenschüler auf Klausuren nicht mehr lernen brauchen bzw. können. Auf Hörverstehen, Aufsatz und Mediation kann man sich nicht gezielt vorbereiten. Für schlechtere Schüler bedeutet es aber auch, dass sie nichts mehr lernen können, d.h. dass sie durch Fleiß mangelnde Sprachbegabung nicht mehr ausgleichen können. Durch Fragen zum ‚background knowledge‘ und einen ‚vocab & grammar‘ Teil kamen auch schwache Kandidaten zumindest auf einen 4er.

Fazit: Durch mutige Reformen wird das „Grundlagenfach“ Englisch gestärkt, „das bayerische Gymnasium bleibt seinem Bildungsauftrag treu und nimmt im Sinne der Persönlichkeitsbildung den ganzen Menschen in den Blick.“

Anspielung im Titel …

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  1. Florian

    Nach längerer „Pause“ schaue ich mal wieder hier auf die Seite, das war vor ein paar Jahren für mich als Referendar eine Quelle an Tipps (und oft Bestätigung).

    In Baden-Württemberg sieht das Abitur ähnlich aus wie hier beschrieben. Meines Wissens ist es aber nicht verboten, Klausuren eigenständig zu gestalten. Zwar folgen die meisten Kollegen (wie ich auch) dem Vorbild des Abiturs, aber man kann auch variieren.

    Ich denke z.B. gerade darüber nach, in großen Klausuren nur noch Textverständnis zu prüfen. Bei uns heißt das: Wahr/Falsch-Aussagen beurteilen (mit Begründung auf Deutsch) und Mediation („Im Text werden 5 Argumente zu XY genannt. Übertrage diese Argumente auf Deutsch.). Die Textproduktion würde ich auf benotete Hausaufgaben auslagern, von denen ich pro Woche 5 einsammle. Die 5 Texte sind schnell korrigiert, die Schüler sind gezwungen, pro Woche einen kurzen Aufsatz zu schreiben und man hat direkt etwas für den Unterricht, indem man ab und zu einen Aufsatz exemplarisch behandelt. Denn wie wir alle wissen, Stoff im Sinne von Wissen gibt es nicht, Unterrichtszeit ist also genügend vorhanden, und schreiben üben ist die Hauptaufgabe. Um schließlich den veränderten Anforderungen notentechnisch gerecht zu werden, kann man die Gewichtung für die schriftliche Note verändern, z.B. Klassenarbeit x2 – Vokabeltests x1 – Hausaufgaben-Texte x1.
    Meinungen dazu?

    • > Die Textproduktion würde ich auf benotete Hausaufgaben auslagern

      Ist bei uns in Bayern nicht erlaubt. Du kannst nie wissen, wer diese Texte erstellt hat.

      • Lisa

        Bei uns werden schriftliche Hausaufgaben eingesammelt und „werden in den Unterrichtsbeitrag mit eingerechnet“, oder sie müssen laut vorgelesen werden und zählen dann als Ausfrage. Die bayrischen Lehrer wissen sich also scheinbar ganz legal zu helfen 😉

  2. connie hackner

    Ich habe das Abitur genau wie im Artikel beschrieben als Mutter eines Abiturienten in Bayern 2015 jetzt miterlebt — alles absolut zutreffend, wenn nicht sogar untertrieben und inzwischen noch desaströser.
    Gleichzeitig kann ich (als Lehrkraft für Englisch) auch das traurige Ergebnis im universitären Betrieb bestätigen. 🙁 🙁 🙁 Wirklich nicht mehr lustig.

  3. Christina K.

    Und da sagen alle, das Hessen Abitur wäre leicht und das Bayern Abitur schwer. Nur komisch, dass man in Hessen die ganze Zeit analysieren, interpretieren etc. muss und man vor Klausuren auch den Hintergrund kennen muss. Vergleichsaufgaben kamen auch schon dran beziehungsweise ich glaube es gibt sogar im Abi welche.
    Vor dem Hintergrund ist es wirklich Schwachsinn, dass sich alle bayrischen Schüler so supertoll fühlen, weil es bei ihnen angeblich anspruchsvoller war..

  4. peter

    Lieber Kollege,

    Tolle Seite! Gib’s keinen Ärger mit der „Obrigkeit“?
    Übrigens pro forma schreibt man immer noch klein( natürlich nicht das p am Satzanfang).
    Nix für ungut: once a teacher, always a teacher.

    Genieß Deine Ferien.

    • > Gib’s keinen Ärger mit der “Obrigkeit”?

      Bislang wurde ich noch nicht in ein Arbeitslager im Bayerischen Wald geschickt 😉

      > Übrigens pro forma schreibt man immer noch klein

      Danke für den Hinweis, habe ich korrigiert.

  5. Holger

    Für faule Schüler, die allerdings sprachbegabt sind, ist so ein Abitur natürlich optimal :]

  6. Musterella

    Wie wahr, wie wahr! Ich hatte vergangenes Jahr die Freude (bin kein Englischlehrer), Aufsicht beim Englischabitur (G8) zu führen und habe somit die Prüfung gesehen bzw. gehört. Wissenstechnische Allgemeinplätze (Deutscherörterungsthemen aus unteren Klassen z.B.) und ein solider Grundwortschatz reichen m.E. völlig aus, auch ich hätte mich ohne jegliche Vorbereitung in der Lage gefühlt, dieses Abitur zu bewältigen.

    Allerdings muss ich nun schon gestehen, dass ich mich auf mein eigenes Englischabitur (LK) vor gut zehn Jahren ebenfalls nicht sonderlich ausführlich vorbereitet habe, denn großes „Wissen“ schien auch damals irgendwie nicht gefragt … 😉

    • > denn großes “Wissen” schien auch damals irgendwie nicht gefragt …

      Stimmt, wie ich geschrieben habe: „Das schriftliche Abitur in Bayern ist ja schon traditionell eine wissensfreie Prüfung.“ Dass das Abitur selber eine schülerfreundliche Angelegenheit ist, finde ich ja auch ok. Aber dass man jetzt auch in Klausuren kein Wissen mehr abprüfen darf, finde ich einfach nur grotesk.

  7. Da ist viel Wahres dran. Was man aber natürlich sehr wohl tun kann, ist, das im Unterricht Behandelte in mündlichen und schriftlichen „kleinen“ Leistungsnachweisen zu thematisieren und dadurch abzuprüfen. Ein entsprechender Hinweis während der Unterrichtseinheit („You know, this is actually a nice topic to write a test about“) wirkt motivationsmäßig Wunder und ist somit durchaus im Sinne des Unterrichtenden, der ja will, dass die Eleven und Elevinnen etwas lernen – nicht, dass sie blank in der betreffenden Stunde (und auch sonst) auftauchen.

    Zum Kolloquium zitiere ich hier mal die von dir (guter Service!) verlinkte Stelle, denn du hast dich anscheinend bei der Minutenzahl vertippt (30, nicht 20):
    • Das Kolloquium gliedert sich in zwei Prüfungsteile von je etwa 15 Minuten Dauer:
    ◦ Kurzreferat der Schülerin oder des Schülers zu dem gestellten Thema (ca. 10 Minuten) sowie Gespräch über das Kurzreferat;
    ◦ Gespräch zu Problemstellungen aus den beiden weiteren Ausbildungsabschnitten.

    • Philipp

      Letztlich sind solche kleinen Leistungsnachweise sogar stärker gewichtet als früher, weil groß zu klein ja jetzt 1:1 zählt. 😉

    • > (30, nicht 20)

      Ich habe von den insg. 30 Min. die 10 Min. fürs Kurzreferat abgezogen, weil das ja oft ein Text ist, zu dem Fragen gestellt werden. Da kann, muss aber nicht unbedingt, Hintergrundwissen eingebracht werden, deshalb die „20 Min.“.

  8. max

    Sehr erhellend, wie so oft, Jochen. Danke!

    Da sind ja andere Bundesländer, die (wie man hört) bestimmte Inhalte und literarische Werke zu verpflichtendem Abiturstoff machen, inzwischen viel anspruchsvoller als das — seiner Laptop-und-Lederhosen-Propaganda zufolge — ach so vorbildhaft strenge Bayern.

    Auf Kommentare der „außerbayerischen“ Kollegen bin ich gespannt!

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