Jochen Lüders

Englisch & Sport am Gymnasium ... und ein bisschen Tango

Stil- und mittellos

Eine der lächer­lichs­ten Behaup­tun­gen über das (baye­ri­sche) G8 ist, dass das Niveau – trotz gekürz­ter Stun­den­zahl und jün­ge­rer Schü­ler – nicht nur gehal­ten, son­dern (dank „Exzel­lenz­in­itia­ti­ven“, „qua­li­ty manage­ment“ etc.) sogar geho­ben wur­de bzw. immer noch wird. Dass das (zumin­dest in Bezug auf Eng­lisch) schlicht­weg Unfug ist, kann man schön an der Rol­le der Stil­mit­tel im schrift­li­chen Abitur erken­nen.

Älte­re Kol­le­gen erin­nern sich noch dar­an, dass frü­her prak­tisch in jedem LK Abitur und auch in vie­len gk Auf­ga­ben eine Fra­ge zu „sty­listic devices“ dran kam, meis­tens mit der For­mu­lie­rung „Choo­se three sty­listic devices and com­ment on their func­tion / exp­lain how they work.“ (vgl. z.B. LK 2002-I Fra­ge 7. „Ana­ly­se three sty­listic devices which reveal …“). Die Schü­ler muss­ten zumin­dest die wich­tigs­ten Stil­mit­tel (er)kennen und halb­wegs sinn­voll funk­tio­na­li­sie­ren kön­nen.

Seit ca. zehn Jah­ren wer­den Stil­mit­tel nicht mehr expli­zit ver­langt, es wird viel­mehr nach „use of lan­guage“ bzw. manch­mal auch „tone and lan­guage“ gefragt. Der ent­spre­chen­de Sub­text dazu lau­tet: „Lie­ber Schü­ler, in dem Text sind eine Rei­he von inter­es­san­ten und ergie­bi­gen Stil­mit­teln ent­hal­ten, aber für den Fall, dass du sie nicht fin­dest bzw. nicht benen­nen kannst, darfst du auch schrei­ben, dass der Autor „dif­fi­cult words“ ver­wen­det (auch wenn sich im gan­zen Text nur drei Stück fin­den las­sen) oder dass er eine „com­plex syn­tax“ hat (nur weil er auch mal ein paar län­ge­re Neben­sät­ze benutzt).“ Wie auch in ande­ren Berei­chen muss­te der Schü­ler nichts mehr rich­tig gelernt haben und wis­sen, ein biss­chen Drauf­los­la­bern reich­te meis­tens.

Den Tief­punkt die­ser Ent­wick­lung mar­kiert das dies­jäh­ri­ge Abitur. Nach der Prü­fung frag­ten mich mei­ne Schü­ler ganz ver­un­si­chert, ob sie irgend­was über­se­hen hät­ten, aber sie hät­ten in Text I beim bes­ten Wil­len kei­ne Stil­mit­tel außer viel­leicht „sort of pri­son“ (42), „batt­le suit“ (43) [komi­sches Bild, passt gar nicht zu „benign infra­st­ruc­tu­re“ 39] und „machi­ne for living in“ (62) gefun­den. Ich konn­te sie beru­hi­gen, mehr gibt’s ein­fach nicht (und die Maschi­nen­me­ta­pher ist ja eh merk­wür­dig unklar). Mei­ne Schü­ler konn­ten zu Recht kaum glau­ben, dass sie für 20 BE ein­fach nur Aus­drü­cke wie „mass of anony­mous buil­dings“ (38–39) oder „grey and boring“ (41) zitie­ren soll­ten. Was soll man denn bit­te­schön aus dem (in der Mus­terlö­sung vor­ge­schla­ge­nen) „A home.“ (39) machen? Ist eine Ellip­se, na und? Was „unter­streicht“ die? In sei­ner Ver­zweif­lung schreibt der Schü­ler dann z.B.: „The aut­hor quo­tes a lot to under­line the edu­ca­tio­nal pur­po­se (39–46) oder macht aus „live in leafy sub­urbs“ (60) eine „makes the reader think“ Alli­te­ra­ti­on. Läp­pi­scher geht’s kaum noch.

In Text II hät­te man ja ein paar net­te Stil­mit­teln gehabt: „com­for­ting and con­fu­sing“ (2), „The kids would pile back“ (9), „cul­tu­ral car crash, col­li­si­on“ (40), „splas­hed across the news­pa­pers“ (53), „throes of fami­ne and pesti­lence“ (60–61). Hat man sich aber ver­mut­lich nicht zu fra­gen getraut, weil kaum ein Schü­ler mehr die­se Sachen beherrscht, statt­des­sen lie­ber die­se bana­le „food“ Fra­ge.

Ver­mu­tich gehö­ren Stil­mit­tel inzwi­schen zu dem über­flüs­si­gen Fak­ten­bal­last, der „ent­rüm­pelt“ gehört und wenn wir Schü­lern z.B. noch die Alli­te­ra­ti­on nahe­brin­gen, müs­sen wir die „Ver­mitt­lungs­tie­fe redu­zie­ren“ (ent­spre­chend wer­den Schü­ler dann ihre Lern- und Ver­ständ­nis­tie­fe redu­zie­ren). Wenn ein Leh­rer in Zukunft noch Stil­mit­tel unter­rich­tet (pdf) und abprüft, muss er sich den (berech­tig­ten) Vor­wurf gefal­len las­sen, dass sei­ne Klau­su­ren schwe­rer sind als das Abitur.

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Abitur 2012 Mediation – Struktur

  1. Susann

    Zum Niveau der Abitu­ri­en­ten – ich habe die unge­lieb­te „Qua­ran­tä­ne­auf­sicht“ gehal­ten, in der die (leid)geprüften Abitu­ri­en­ten war­ten müs­sen, bis der nächs­te Abitu­ri­ent mit dem sel­ben The­ma in den Vor­be­rei­tungs­raum geht.
    Ich hat­te vier Abitu­ri­en­ten, die rein­ka­men und frag­ten: „Was woll­te der [Leh­rer] eigent­lich mit dem Evan­ge­lis­ten?“ – Schul­ter­zu­cken aller­seits. Es stell­te sich her­aus, dass sie das Wort „evan­ge­li­cals“ alle­samt mit „Evan­ge­list“ über­setzt hat­ten und natur­ge­mäß ver­wirrt waren, als der Leh­rer nach dem bekann­tes­ten ame­ri­ka­ni­schen „Evan­ge­li­cal“ frag­te. Als ich ver­wun­dert frag­te, war­um sie denn das Wort nicht kann­ten, denn das wäre ja wohl eins der Ober­stu­fen­stan­dard­the­men, mein­ten sie, ja, sie könn­ten sich jetzt wohl wie­der dun­kel erin­nern, aber sie hat­ten kei­ne Lust, „genau die Namen der reli­giö­sen Grup­pen zu ler­nen“. Dann pack­ten sie ein Men’s Health aus und fin­gen an, merk­lich inter­es­sier­ter die Sex­tipps durch­zu­le­sen. 🙂
    Soviel zu „Blü­te der baye­ri­schen Jugend“.
    Haha.

    • > und fin­gen an, merk­lich inter­es­sier­ter die Sex­tipps durch­zu­le­sen

      Was willst du denn? Sie sind halt ziel-, kom­pe­tenz- und hand­lungs­ori­en­tiert 😉

      • Susann

        Zu mei­ner Erleich­te­rung waren sie im Qua­ran­tä­ne­raum dies­be­züg­lich wenigs­tens nicht hand­lungs­ori­en­tiert.

    • Georg

      Wie vie­le Schü­ler kön­nen bei euch eine Grup­pe mit dem­sel­ben The­ma bil­den? Bei uns maxi­mal vier, was bedeu­tet, dass man nur zwei in Qua­ran­tä­ne schi­cken kann. Fol­ge: erheb­li­cher Mehr­auf­wand bei der Prü­fungs­vor­be­rei­tung.

      • Susann

        Ich hat­te im Lau­fe des Nach­mit­tags 5 Leu­te in Qua­ran­tä­ne, mit dem letz­ten Prüf­ling sind das also 6 Leu­te mit dem sel­ben Prü­fungs­the­ma. Kei­ne Ahnung, wie das bei uns gere­gelt wird. Rich­ti­ger Mehr­auf­wand ent­steht eigent­lich nicht, es muss halt jemand die Qua­ran­tä­ne­auf­sicht über­neh­men, ich bekam sie wohl als aus­glei­chen­de Gerech­tig­keit für den Weg­fall mei­ner Q12-Stun­den. Es soll Schlim­me­res geben.

  2. Nina

    Hal­lo,
    wie fin­de ich pas­sen­de Tabel­len für die Bewer­tung der Ver­si­on? Das heißt 40 BE auf­ge­teilt auf die Feh­ler­schrit­te 3/ 3,5/ 4 / 4,5?

  3. Chris Werth

    dem ist sicher so, dass man als e/os-leh­rer ordent­lich & fun­diert im sin­ne der uni­ver­si­täts­pro­pä­deu­tik arbei­ten soll­te. nur: typen von „image­ry“ zu erken­nen, zu benen­nen und logisch zu durch­drin­gen, ist auch teil einer jeden ver­nünf­ti­gen lite­ra­ri­schen ana­ly­se und ist – mit ver­laub – anspruchs­vol­ler als das erken­nen einer asso­nanz oder eines enjam­be­ments.

    • Stimmt, nur muss­te nichts von all­dem im dies­jäh­ri­gen Abitur gemacht wer­den; „cho­co­la­te drops“ sind ja wohl noch kei­ne „image­ry“, die logisch „durch­drun­gen“ wer­den muss.

  4. Als Stu­dent kann ich nur sagen, dass Stil­mit­tel auch im Stu­di­um abver­langt wer­den. Neu­lich hat­te ich eine schrift­li­che Eng­lisch­prü­fung in der ein Groß­teil der zu ver­ge­be­nen Punk­te auf Text­ana­ly­se und das Erklä­ren der im Text zu ent­hal­te­nen Stil­mit­tel ver­ge­ben wur­de.
    Da bin ich dann doch froh gewe­sen eine gute Grund­la­ge zu Stil­mit­tel aus der Schul­zeit mit­ge­nom­men zu haben.

    • Dennis

      Abver­langt wer­den die im Stu­di­um auf jeden Fall!

      Nur fällt dies gna­den­los auf, wenn man in der Schu­le hier nicht genü­gend Wis­sen erlangt hat.
      War man sich in der Schu­le nicht sicher, wel­chen Effekt ein Stil­mit­tel even­tu­ell haben könn­te, schrieb man ein­fach „makes the reader think“ und kas­sier­te Punk­te ab. Das geht in der Uni natür­lich nicht.
      Zwar gibt es Ein­füh­rungs­kur­se, jedoch muss jemand, der gro­ße Lücken hat, sehr viel in sehr kur­ze Zeit auf­ho­len – das ist mit­un­ter sehr schwie­rig.
      Ich spre­che hier übri­gens vom NRW-Abitur.

      • > Zwar gibt es Ein­füh­rungs­kur­se, jedoch muss jemand, der gro­ße Lücken hat, sehr viel in sehr kur­ze Zeit auf­ho­len – das ist mit­un­ter sehr schwie­rig.

        Gera­de des­halb fin­de ich es ja besorg­nis­er­re­gend wenn Stil­mit­tel nicht mehr im Abitur abge­fragt wer­den. Hin­ter­her muss man sie im Stu­di­um so oder so kön­nen.

        • Alex

          > Gera­de des­halb fin­de ich es ja besorg­nis­er­re­gend wenn Stil­mit­tel nicht mehr im Abitur abge­fragt wer­den. Hin­ter­her muss man sie im Stu­di­um so oder so kön­nen.

          Nee, es sol­len dorch nur noch Natur- und Inge­nieurs­wis­sen­schaf­ten stu­diert wer­den, da braucht man kei­ne Stil­mit­tel.

  5. Chris Werth

    bei aller skep­sis gegen­über der der o.g. „ent­rüm­pe­lung“: habe es gera­de kor­ri­giert und möch­te sagen: text­kom­pe­tenz und lite­ra­ri­sches ver­ständ­nis bemes­sen sich bit­te nicht dar­an, ob jemand ent­lang einer lis­te eine alli­te­ra­ti­on und ’nen chi­as­mus benen­nen kann – dass diem­kids sie erlernt haben soll­ten steht außer fra­ge. müs­sen sie des­halb zwangs­läu­fig im abi auf­tau­chen? ich mei­ne nein. ins­be­son­de­re der text „down bow­mont hill“ genüg­te in ande­rer hin­sicht hohen lite­ra­ri­schen ansprü­chen.
    und ja, die schü­ler muss­ten tat­säch­lich die ein oder ande­re alle­go­rie und meta­pher benen­nen, wenn man schon so viel wert auf stil­mit­tel legt.

    • > ins­be­son­de­re der text “down bow­mont hill” genüg­te in ande­rer hin­sicht hohen lite­ra­ri­schen ansprü­chen.

      In wel­cher Hin­sicht? Was ist denn an die­sem Text „lite­ra­risch“?

      > und ja, die schü­ler muss­ten tat­säch­lich die ein oder ande­re alle­go­rie und meta­pher benen­nen

      Bei wel­cher Auf­ga­be? Und wo gibt’s in dem Text „die ein oder ande­re alle­go­rie und meta­pher“?

    • max

      @Chris: „dass diem­kids sie erlernt haben soll­ten steht außer fra­ge.“

      Indem es nie abge­prüft wird (sie­he oben) bzw. gar nicht abge­prüft wer­den darf (sie­he http://www.jochenenglish.de/?p=8703), wird es durch­aus in Fra­ge gestellt. Nur 1 von 100 Schü­lern lernt etwas, das kei­ne Rol­le für sei­ne Noten spielt!

  6. max

    Der der­zeit NOCH gül­ti­ge Lehr­plan Eng­lisch (11./12.) klingt im O-Ton, als kön­ne man von den Schü­lern eini­ges ver­lan­gen:

    Die Schü­ler ver­tie­fen ihre Fer­tig­kei­ten im inter­pre­tie­ren­den und pro­duk­ti­ons­ori­en­tier­ten Umgang mit unter­schied­li­chen Text­ar­ten aus ver­schie­de­nen Medi­en und arbei­ten ver­stärkt auch sprach­lich-sti­lis­ti­sche und for­mal-struk­tu­rel­le Gestal­tungs­mit­tel her­aus.“
    http://tinyurl.com/4xovmk

    Aber im baye­ri­schen G8 gilt offen­bar mehr und mehr das Valen­tin-Axi­om:
    „Mögen täten wir schon wol­len, aber dür­fen haben wir uns nicht getraut.“ 🙂
    http://tinyurl.com/bnljg5n

  7. Selt­sam ist die­se Redu­zie­rung vor allem, da die Stil­mit­tel ja eigent­lich aus dem Deutsch­un­ter­richt bekannt sein soll­ten und die Benen­nun­gen im Eng­li­schen, wenn ich Dei­ne Lis­te so durch­se­he, nur in den wenigs­ten Fäl­len von der im Deut­schen abwei­chen …

    • Stimmt, mir ist auch völ­lig schlei­er­haft, war­um sich Deutsch und Eng­lisch so weit aus­ein­an­der ent­wi­ckeln. Da war doch mal was mit „fächer­über­grei­fen­dem Ler­nen“ …

    • max

      Auf Sei­ten der (meis­ten) Schü­ler gilt offen­bar ein stren­ges Schwei­ge­ge­lüb­de, wenn es dar­um geht, was sie aus dem Deutsch­un­ter­richt schon alles ken­nen müss­ten: „Don’t ask, don’t tell.“ 😉

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