Jochen Lüders

Englisch & Sport am Gymnasium ... und ein bisschen Tango

Mein ideales Abitur

Da ich bereits des öfte­ren am aktu­el­len (baye­ri­schen) Abitur rum­ge­nör­gelt habe, hat mich kürz­lich ein Kol­le­ge gefragt, wie denn mein idea­les Abitur aus­sä­he. Bit­te sehr: 

Den Prü­fungs­teil Hör­ver­ste­hen wür­de ich in der der­zei­ti­gen Form ein­schließ­lich sei­ner „Wer­tig­keit“ von 20 BE bei­be­hal­ten.

Bei den „Ques­ti­ons on the text“ soll­ten die Schü­ler wie bis­her zwei Tex­te, einen Sach- und einen lite­ra­ri­schen Text zur Aus­wahl haben. Die der­zei­ti­gen drei Fra­gen mit ihren ins­ge­samt 50 BE wür­de ich bei­be­hal­ten. Beim lite­ra­ri­schen Text soll­te – wie frü­her – in jedem Fall (beim Sach­text falls mög­lich) in einer Fra­ge nach Stil­mit­teln und ihrer Wir­kung gefragt wer­den. Dabei hät­te ich als For­mu­lie­rung ger­ne: „Choo­se three rele­vant sty­listic devices and com­ment on / descri­be / ana­ly­se their func­tion / effect on the reader“. Das ‚rele­vant‘ soll klar machen, dass nicht z.B. jede pope­li­ge, eher zufäll­lig Alli­te­ra­ti­on zum tol­len Stil­mit­tel („makes the reader think“) hoch­ge­hypt wer­den darf. Bei allen Fra­gen soll­te vor­ge­schrie­ben sein, dass die Schü­ler ihre Aus­sa­gen / Behaup­tun­gen über den Text „wis­sen­schafts­pro­pä­deu­tisch“ expli­zit mit Zei­len­num­mern bele­gen müs­sen.

Eine (leh­rer- bzw. kor­rek­tur­freund­li­che) Alter­na­ti­ve zu unse­ren tra­di­tio­nel­len „Ques­ti­ons on the text“ ist ein Rea­ding Com­pre­hen­si­on Test, wie er seit ein paar Jah­ren in BaWü ver­langt wird. True / Fal­se, inhalt­li­che Fra­gen usw. und alles muss mit Zei­len­num­mern belegt wer­den. „Schreib­kom­pe­tenz“ muss der Schü­ler dann nur noch im Auf­satz nach­wei­sen.

Beim „Com­po­si­ti­on“ wür­de ich die Wort­zahl deut­lich auf „about 500–700 words“ erhö­hen. Unse­re der­zei­ti­gen „about 200 to 250 words“ sind m.E. ein­fach lächer­lich. Kein Mensch kann mit 200 Wör­tern einen ver­nünf­ti­gen Com­po­si­ti­on mit einer inter­es­san­ten Ein­lei­tung, einem Haupt­teil mit drei Absät­zen / Argu­men­ten und einem abrun­den­dem „final para­graph“ schrei­ben. Alle „nor­ma­len“ Auf­satz­the­men (also nicht Car­toon­ana­ly­se, Leser­brief, Rede eines Poli­ti­kers etc.) soll­ten – wie im rich­ti­gen Leben – eine Über­schrift haben. Bei der Car­toon­ana­ly­se soll­te die Anwei­sung ledig­lich „Inter­pret the fol­lo­wing car­toon“ (also ohne Descri­be) lau­ten. Die­ser Auf­satz soll­te wie bis­her 40 BE „wert“ sein. Der bis­he­ri­ge Mini-Auf­satz hat mit 40 BE gegen­über den Fra­gen m.E. einen viel zu hohen Stel­len­wert, für ihn soll­te es max. 30 BE geben.

Die Media­ti­on wür­de ich kom­plett abschaf­fen. Die­ses Wischi­wa­schi hat m.E. in schrift­li­chen Klau­su­ren und im Abitur nichts zu suchen.

Statt­des­sen soll­te es einen sprach­prak­ti­schen “Eng­lish in Use” Teil geben, wie er beim CAE (S. 47 ff.), TOEFL und den meis­ten ande­ren inter­na­tio­na­len Tests üblich ist. Gera­de schlech­te­re Schü­ler sähen dann einen Sinn dar­in, end­lich Gram­ma­tik (wie Bedin­gungs­sät­ze, indi­rek­te Rede, Gebrauch der Zei­ten usw.) und vor allem Wort­schatz zu ler­nen und zu üben. Der gro­ße Vor­teil für den Leh­rer wäre, dass die­ser Teil (im Gegen­satz zur Media­ti­on) schnell zu kor­ri­gie­ren wäre. Für die­sen Teil soll­te es 30 BE geben.

Ein Pro­blem bei die­sem Teil wäre natür­lich die Benut­zung von Lexi­ka, die den Sinn die­ses Prü­fungs­teils in Fra­ge stel­len wür­de. Ana­log zur Hör­ver­ste­hens­prü­fung, wo „wäh­rend der Hör­pha­sen die Benut­zung der Wör­ter­bü­cher jedoch unter­sagt“ ist (KSM vom 29.09.2010 „Kom­bi­nier­te Abitur­prü­fung […]“ S. 7) dürf­ten auch in die­sem Prü­fungs­teil kei­ne Lexi­ka benutzt wer­den. Man könn­te die­sen Teil gleich am Anfang durch­füh­ren und die Arbei­ten ein­sam­meln, bevor die Schü­ler die ande­ren Tei­le bekom­men und mit Wör­ter­bü­chern arbei­ten dür­fen bzw. sol­len.

Ins­ge­samt käme man beim Abitur dann auf 140 BE: 20 (Hör­ver­ste­hen) + 50 (Fra­gen) + 40 (Auf­satz) + 30 (Eng­lish in Use).

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Kritik der kontextualisierten Unvernunft

  1. Sud

    Zur Wort­zahl: Auch wir an der Uni sol­len in die Sprach­pra­xis­kur­sen zur Text­pro­duk­ti­on immer nur Tex­te um die 300 Wör­ter schrei­ben. Ich habe immer mas­si­ve Pro­ble­me die­se Gren­ze ein­zu­hal­ten, da man so kei­nen wirk­lich tol­len Text zustan­de bringt.

    • Und was soll das dann sein? Ein „Essay“???

      • Sud

        Das kommt immer drauf an. Im Auf­bau­mo­dul muss­ten wir in Spa­nisch zwei Tex­te à 250 Wör­ter schrei­ben: einen nar­ra­ti­ven und einen argu­men­ta­ti­ven Text. Natür­lich kann man sich die Qua­li­tät vor­stel­len, da bei­de Text­for­men nicht wirk­lich auf solch kur­ze Tex­te aus­ge­legt sind.
        In Fran­zö­sisch muss­ten wir im Auf­bau­mo­dul einen argu­men­ta­ti­ven Text (war ein Brief) à 300 Wör­ter schrei­ben. Im Ver­tie­fungs­mo­dul 2 Tex­te: eine Zusam­men­fas­sung eines Tex­tes à 150 Wör­ter und einen argu­men­ta­ti­ven Text à 350 Wör­ter.
        Die Examens­auf­ga­ben sehen (in Bay­ern!) auch nicht wirk­lich anders aus: Man ver­langt dort pro Teil­auf­ga­be auch nie mehr als 350 Wör­ter. Ziem­lich bit­ter mei­ner Mei­nung nach …
        Außer­dem kann man ein­fach nicht zei­gen, was man kann, da man sich ja extrem kurz fas­sen muss.

  2. Julian

    Was fin­det ihr denn alle so schlimm an der Ver­si­on? Ich fin­de, dass sie wesent­lich fai­rer zu bewer­ten ist, als die Media­ti­on. Bei der Media­ti­on kommt es doch viel eher dar­auf an, dass man den Stil des Leh­rers trifft und Sym­pa­thi­en kön­nen eher eine Rol­le spie­len. Außer­dem ist die Ver­si­on zeit­lich bes­ser kal­ku­lier­bar und ich fin­de es super, dass man durch gelun­ge­ne Über­set­zun­gen Feh­ler aus­glei­chen kann. Im Anglis­tik­stu­di­um ist das Über­set­zen ein Bestand­teil und auch im Berufs­le­ben kann es durch­aus die Auf­ga­be sein, eng­li­sche Tex­te zu über­set­zen. Seit­dem ich mich im Hin­blick auf das Abitur ver­stärkt mit Über­set­zun­gen aus­ein­an­der­ge­setzt habe, hat sich mei­ne Fähig­keit eng­li­sche Tex­te zu ver­ste­hen wesent­lich ver­bes­sert und ich habe so ver­schie­de­ne Text­for­men ken­nen­ge­lernt wie bei­spiels­wei­se die Rede. Man soll­te die­se Auf­ga­ben­art ver­stärkt in den Unter­richt an baye­ri­schen Gym­na­si­en ein­bau­en und sie kei­nes­falls aus dem Abitur ver­ban­nen. Wer­de im Eng­li­sch­abi mor­gen die Ver­si­on wäh­len, wenn der Text eini­ger­ma­ßen gut zu über­set­zen ist.

  3. Philipp

    Was die münd­li­che Teil­prü­fung betrifft, sieht es ja angeb­lich ganz gut aus, dass dei­ne Bit­ten erhört wer­den. Für die bun­des­ein­heit­li­chen Bil­dungs­stan­dards hat das baye­ri­sche Abitur momen­tan einen Teil zu viel. Der Teil, der weg­fal­len soll (wohl ab Abi 2015) ist dann vor­aus­sicht­lich eben die­se münd­li­che Teil­prü­fung. Eben­so wird damit gerech­net, dass dann auch die Ver­si­on end­gül­tig fällt und nur noch die Media­ti­on übrig bleibt. Dar­an glau­be ich im Frei­staat Bay­ern aller­dings erst, wenn es tat­säch­lich soweit ist. Die Ver­si­on scheint eine extrem ein­fluss­rei­che Lob­by zu haben. Es ist ja jetzt schon irgend­wie per­vers, dass mit der Ver­si­on im Abitur etwas dran­kommt, was gemäß Lehr­plan gar nicht zum Üben vor­ge­se­hen ist, völ­lig unab­hän­gig davon, was man per­sön­lich von die­ser Auf­ga­ben­form hält.

    • susann

      Ich habe gera­de – April 2015 – die­se Teil­prü­fung abge­hal­ten. Es scheint tat­säch­lich das letz­te­Jahr zu sein, in dem es die­se Prü­fung gibt.
      „Läp­pi­sches Bla­bla“ trifft es ganz gut. Ich fra­ge mich, war­um man von Abitu­ri­en­ten nicht ver­lan­gen darf, dass sie sich zu bestimm­ten lan­des­kund­li­chen The­men gut vor­be­rei­ten. Statt­des­sen immer wie­der das­sel­be ober­fläch­li­che Gela­ber, wo es dar­um geht, zu einem Impuls­bild einen mehr­mi­nü­ti­gen stream-of-con­scious­ness-Mono­log zu hal­ten, in dem man alle The­men unter­bringt, die auch nur vage mit dem Bild zu tun haben. Hält man die Abitu­ri­en­ten für so blöd, dass man ihnen nicht zutraut, sich auf ein The­ma vor­zu­be­rei­ten?

      • > Es scheint tat­säch­lich das letz­te­Jahr zu sein, in dem es die­se Prü­fung gibt.

        Nicht nur „scheint“ – IST (zumin­dest was Bay­ern angeht). Aus dem ent­spre­chen­den Rund­schrei­ben des Minis­te­ri­ums:

        Vor die­sem Hin­ter­grund und da in der Qua­li­fi­ka­ti­ons­pha­se gemäß § 54 Abs. 3 Nr. 2 ent­we­der in der Jahr­gangs­stu­fe 11 oder 12 eine Schul­auf­ga­be in münd­li­cher Form gefor­dert wird, wird ab dem Abitur­ter­min 2016 die bis­her vor­her­ge­se­he­ne dezen­tra­le münd­li­che Teil­prü­fung ersatz­los gestri­chen.“

  4. Manuela

    Man könn­te die­sen Teil gleich am Anfang durch­füh­ren und die Arbei­ten ein­sam­meln, bevor die Schü­ler die ande­ren Tei­le bekom­men (…)“

    Fin­de ich noch pro­ble­ma­ti­scher als beim Hör­ver­ste­hen, da die Schü­ler kei­ne bzw. deut­lich weni­ger Zeit haben, die Auf­ga­ben noch ein­mal durch­zu­le­sen, zu kon­trol­lie­ren und ggf. zu ver­bes­sern. Wie oft ist mir selbst damals gegen Ende einer Schul­auf­ga­be etwas ein­ge­fal­len, was ich ver­ges­sen hat­te zu erwäh­nen, falsch oder nicht ver­ständ­lich genug erklärt hat­te. Und oft kommt sowas gera­de mit­ten im Schrei­ben der Ques­ti­ons on the text oder Com­po­si­ti­on, weil man z.B. gera­de über­legt, wie die Satz­stel­lung rich­tig lau­tet, wel­che Zeit man benut­zen muss etc.
    An sich fän­de ich einen Gram­ma­tik- und Wort­schatz­teil aber auch sinn­voll und ich stim­me dir auch in den ande­ren Punk­ten stim­me zu.

    • > was ich ver­ges­sen hat­te zu erwäh­nen, falsch oder nicht ver­ständ­lich genug erklärt hat­te

      Hast du dir den „Eng­lish in Use“ Test mal ange­se­hen? Da gibt es nichts zu „erwäh­nen“ oder zu „erklä­ren“. Des­we­gen sehe ich kein Pro­blem dar­in, die Arbei­ten nach einer ange­mes­se­nen Zeit ein­zu­sam­meln.

      • Manuela

        Mir geht es dar­um, dass vie­le SuS mit­ten in einer Schul­auf­ga­be Feh­ler bemer­ken und die­se dann kor­ri­gie­ren. Dass man bei Eng­lish in Use nichts erklä­ren muss, ist mir bewusst. Ich woll­te ledig­lich zu beden­ken geben, dass die Zeit, in der die SuS ihre Arbei­ten bzw. einen bestimm­ten Teil ihrer Arbeit über­prü­fen kön­nen, stark beschnit­ten wird. Zudem hin­dert man sie an einer frei­en Arbeits­ein­tei­lung. Auch wenn es sicher­lich sinn­voll ist, einen Eng­lish in Use-Teil vor einer Com­po­si­ti­on zu bear­bei­ten, so soll­te dies den­noch jeder Schü­ler für sich selbst ent­schei­den dür­fen.

        • Ich stim­me dir schon grund­sätz­lich zu, aber das beißt sich halt mit dem zwei­spra­chi­gen Lexi­kon.

  5. max

    May the „Men from the Minis­try“* smi­le on your pro­po­sals! 🙂

    * Anspie­lung: http://www.youtube.com/watch?v=Ce9ZeD0Ypzg

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