Mein ideales Abitur

Da ich bereits des öfteren am aktuellen (bayerischen) Abitur rumgenörgelt habe, hat mich kürzlich ein Kollege gefragt, wie denn mein ideales Abitur aussähe. Bitte sehr: 

Die “mündliche Teilprüfung” würde ich komplett abschaffen. Eine mündliche Prüfung wäre im Prinzip natürlich eine gute Sache. Aber in der Praxis erweist es sich schon als schwierig, die Anforderungen innerhalb einer Schule halbwegs gerecht und vergleichbar zu gestalten. Was mir Kollegen und Schüler teilweise von anderen Schulen erzählen, spottet oftmals jeder Beschreibung. Nicht selten geht diese Prüfung nach meinem Eindruck nicht über “läppisches Geplauder” hinaus.

Den “Prüfungsteil Hörverstehen” würde ich in der derzeitigen Form einschließlich seiner “Wertigkeit” von 20 BE beibehalten.

Bei den “Questions on the text” sollten die Schüler wie bisher zwei Texte, einen Sach- und einen literarischen Text zur Auswahl haben. Die derzeitigen drei Fragen mit ihren insgesamt 50 BE würde ich beibehalten. Beim literarischen Text sollte – wie früher – in jedem Fall (beim Sachtext falls möglich) in einer Frage nach Stilmitteln und ihrer Wirkung gefragt werden. Dabei hätte ich als Formulierung gerne: “Choose three relevant stylistic devices and comment on / describe / analyse their function / effect on the reader”. Das ‘relevant’ soll klar machen, dass nicht z.B. jede popelige, eher zufälllig Alliteration zum tollen Stilmittel (“makes the reader think”) hochgehypt werden darf. Bei allen Fragen sollte vorgeschrieben sein, dass die Schüler ihre Aussagen / Behauptungen über den Text “wissenschaftspropädeutisch” explizit mit Zeilennummern belegen müssen.

Beim “Composition” würde ich die Wortzahl deutlich auf “about 350 to 400 words” erhöhen. Unsere derzeitigen “about 200 to 250 words” sind m.E. einfach lächerlich. Kein Mensch kann mit 200 Wörtern einen vernünftigen Composition mit einer interessanten Einleitung, einem Hauptteil mit drei Absätzen / Argumenten und einem abrundendem “final paragraph” schreiben. Alle “normalen” Aufsatzthemen (also nicht Cartoonanalyse, Leserbrief, Rede eines Politikers etc.) sollten – wie im richtigen Leben – eine Überschrift haben. Bei der Cartoonanalyse sollte die Anweisung lediglich “Interpret the following cartoon” lauten. Der Aufsatz sollte wie bisher 40 BE “wert” sein.

Die englisch-deutsche Translation und die Mediation würde ich ebenfalls komplett abschaffen. Warum ich die Translation nicht mag, habe ich hier beschrieben. Die Mediation ist zwar deutlich besser als die Translation, im schriftlichen Klausuren und im Abitur hat sie m.E. aber auch nichts zu suchen. Stattdessen sollte es einen sprachpraktischen “English in Use” Teil geben, wie er beim CAE (S. 47 ff.), TOEFL und den meisten anderen internationalen Tests üblich ist. Gerade schlechtere Schüler sähen dann einen Sinn darin, endlich Grammatik (wie Bedingungssätze, indirekte Rede, Gebrauch der Zeiten usw.) und vor allem Wortschatz zu lernen und zu üben. Der große Vorteil für den Lehrer wäre, dass dieser Teil (im Gegensatz zur Translation bzw. Mediation) schnell zu korrigieren wäre. Für diesen Teil sollte es 30 BE geben.

Ein Problem bei diesem Teil wäre natürlich die Benutzung von Lexika, die den Sinn dieses Prüfungsteils in Frage stellen würde. Analog zur Hörverstehensprüfung, wo “während der Hörphasen die Benutzung der Wörterbücher jedoch untersagt” ist (KSM vom 29.09.2010 “Kombinierte Abiturprüfung […]” S. 7) dürften auch in diesem Prüfungsteil keine Lexika benutzt werden. Man könnte diesen Teil gleich am Anfang durchführen und die Arbeiten einsammeln, bevor die Schüler die anderen Teile bekommen und mit Wörterbüchern arbeiten dürfen bzw. sollen.

Insgesamt käme man beim Abitur dann auf 140 BE: 20 (Hörverstehen) + 50 (Fragen) + 40 (Aufsatz) + 30 (English in Use).

7 Gedanken zu „Mein ideales Abitur

  1. “Man könnte diesen Teil gleich am Anfang durchführen und die Arbeiten einsammeln, bevor die Schüler die anderen Teile bekommen (…)”

    Finde ich noch problematischer als beim Hörverstehen, da die Schüler keine bzw. deutlich weniger Zeit haben, die Aufgaben noch einmal durchzulesen, zu kontrollieren und ggf. zu verbessern. Wie oft ist mir selbst damals gegen Ende einer Schulaufgabe etwas eingefallen, was ich vergessen hatte zu erwähnen, falsch oder nicht verständlich genug erklärt hatte. Und oft kommt sowas gerade mitten im Schreiben der Questions on the text oder Composition, weil man z.B. gerade überlegt, wie die Satzstellung richtig lautet, welche Zeit man benutzen muss etc.
    An sich fände ich einen Grammatik- und Wortschatzteil aber auch sinnvoll und ich stimme dir auch in den anderen Punkten stimme zu.

    1. > was ich vergessen hatte zu erwähnen, falsch oder nicht verständlich genug erklärt hatte

      Hast du dir den “English in Use” Test mal angesehen? Da gibt es nichts zu “erwähnen” oder zu “erklären”. Deswegen sehe ich kein Problem darin, die Arbeiten nach einer angemessenen Zeit einzusammeln.

      1. Mir geht es darum, dass viele SuS mitten in einer Schulaufgabe Fehler bemerken und diese dann korrigieren. Dass man bei English in Use nichts erklären muss, ist mir bewusst. Ich wollte lediglich zu bedenken geben, dass die Zeit, in der die SuS ihre Arbeiten bzw. einen bestimmten Teil ihrer Arbeit überprüfen können, stark beschnitten wird. Zudem hindert man sie an einer freien Arbeitseinteilung. Auch wenn es sicherlich sinnvoll ist, einen English in Use-Teil vor einer Composition zu bearbeiten, so sollte dies dennoch jeder Schüler für sich selbst entscheiden dürfen.

  2. Was die mündliche Teilprüfung betrifft, sieht es ja angeblich ganz gut aus, dass deine Bitten erhört werden. Für die bundeseinheitlichen Bildungsstandards hat das bayerische Abitur momentan einen Teil zu viel. Der Teil, der wegfallen soll (wohl ab Abi 2015) ist dann voraussichtlich eben diese mündliche Teilprüfung. Ebenso wird damit gerechnet, dass dann auch die Version endgültig fällt und nur noch die Mediation übrig bleibt. Daran glaube ich im Freistaat Bayern allerdings erst, wenn es tatsächlich soweit ist. Die Version scheint eine extrem einflussreiche Lobby zu haben. Es ist ja jetzt schon irgendwie pervers, dass mit der Version im Abitur etwas drankommt, was gemäß Lehrplan gar nicht zum Üben vorgesehen ist, völlig unabhängig davon, was man persönlich von dieser Aufgabenform hält.

  3. Was findet ihr denn alle so schlimm an der Version? Ich finde, dass sie wesentlich fairer zu bewerten ist, als die Mediation. Bei der Mediation kommt es doch viel eher darauf an, dass man den Stil des Lehrers trifft und Sympathien können eher eine Rolle spielen. Außerdem ist die Version zeitlich besser kalkulierbar und ich finde es super, dass man durch gelungene Übersetzungen Fehler ausgleichen kann. Im Anglistikstudium ist das Übersetzen ein Bestandteil und auch im Berufsleben kann es durchaus die Aufgabe sein, englische Texte zu übersetzen. Seitdem ich mich im Hinblick auf das Abitur verstärkt mit Übersetzungen auseinandergesetzt habe, hat sich meine Fähigkeit englische Texte zu verstehen wesentlich verbessert und ich habe so verschiedene Textformen kennengelernt wie beispielsweise die Rede. Man sollte diese Aufgabenart verstärkt in den Unterricht an bayerischen Gymnasien einbauen und sie keinesfalls aus dem Abitur verbannen. Werde im Englischabi morgen die Version wählen, wenn der Text einigermaßen gut zu übersetzen ist.

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