Jochen Lüders

Englisch & Sport am Gymnasium / Tango & Tanzfeste

Lektüre

Ich bin immer wieder verblüfft, welche Bücher meine Kollegen in ihrem Unterricht behandeln. Ständig kommen in EnPaed Anfragen der Art: „Wer kennt das Buch XY und hat dazu vielleicht irgendwelche Materialien?“ Um nicht missverstanden zu werden: Natürlich ist es eine wunderbare Sache immer wieder neue Bücher zusammen mit Schülern zu entdecken und sich darüber auszutauschen. Wer genügend Zeit hat und wem es Spaß macht, ständig neue Sachen auszuprobieren, soll das natürlich gerne machen dürfen. Problematisch wird es aber, wenn man durch die zusätzliche Arbeit gestresst wird, keine Zeit mehr für anstehende Korrekturen hat, deshalb ausgedehnte Nachtschichten einlegt, deshalb seinen Unterricht nicht mehr vernünftig vorbereiten kann, deshalb genervt in die Schule kommt und ständig über die steigende Arbeitsbelastung jammert.

Selbstverständlich gibt es ganz unterschiedliche Methoden ein Buch zu „lesen“. Das kann ein vorwiegend inhaltlich fokussiertes „Durch-lesen“ mit abschließender „Did you like?“ Plauderei sein, oder aber eine intensive, analytische Untersuchung des Textes. Für ersteres brauche ich mich kaum vorzubereiten, zweiteres erfordert eine Menge Arbeit. Wer sich für ein Buch entscheidet, das so neu ist, dass es noch überhaupt keine begleitenden Materialien dazu gibt, sollte sich einfach im Klaren sein, dass er ausgesprochen unökonomisch arbeitet. Selbst die von den Verlagen gelieferten Begleitmaterialien sind von höchst unterschiedlicher Qualität, so dass oft trotzdem noch genügend Arbeit übrig bleibt. Das Angebot der Verlage ist inzwischen jedoch so umfangreich, dass ich nie auf die Idee käme, mir alleine ein Buch zu erarbeiten. Gerechtfertigt wird diese erhebliche Mehrarbeit meiner Meinung nach nur dann, wenn das „neue“ Buch nicht nur gleich gut oder ein bisschen besser als ein bereits „etabliertes“ ist, sondern nur wenn es wesentlich besser als alle anderen Alternativen ist. Das ist nach meiner Erfahrung nur äußerst selten der Fall.

In vielen Lehrer-Köpfen herrscht offensichtlich die (vielleicht unbewusste) Meinung, dass man irgendwie ein schlechter Lehrer sei, wenn man das selbe Buch mehrfach behandelt. Damit ist nun natürlich wieder nicht gemeint, dass man bis zum Sankt-Nimmerleinstag z.B. Lord of the Flies durchkaut, obwohl einem das Buch bereits nach dem ersten Mal zum Hals raushing. Aber was soll schlecht daran sein, wenn ich z.B. Margaret Atwood’s großartigen Roman The Handmaid’s Tale mehrfach lese? Normalerweise wird mein entsprechender Unterricht dadurch deutlich besser und nicht schlechter. Während bzw. nach dem ersten Durchgang überarbeite ich meine Materialien, Handouts, Tafelbilder, Tests etc. und notiere mir Ideen für das nächste Mal. Den Schülern ist es schließlich völlig egal, ob ich dieses Buch schon mal behandelt habe oder nicht. Für sie ist einzig und allein interessant, ob ich es als öde Pflicht „durchziehe“ oder mit Engagement und Kreativität bei der Sache bin.

Sehr merkwürdig finde ich auch Mails der Art: „Hilfe, meine Schüler haben sich für das Buch XY entschieden und ich habe überhaupt keine Materialien dazu. Wer kann helfen? Dringend!!!“ Wie kann es sein, dass die Schüler ein Buch auswählen, das der Lehrer offensichtlich überhaupt nicht wollte? Geht hier die „Planungsbeteiligung“ nicht ein bisschen weit?

Das mit der Demokratie bei der Auswahl der Lektüre ist ja eh‘ so eine Sache. Nach welchen Kriterien sollen die Schüler denn bitteschön auswählen? Schließlich kennen sie im Normalfall keines der genannten Bücher. Das naheliegende Kriterium ist natürlich der Umfang, deshalb landet man dann z.B. immer wieder bei „Macbeth“. Die Bücher vorstellen mit Hilfe von „book reports“ bzw. Referaten? Man kann ja nicht verlangen, dass ein Schüler das ganze Buch dafür bereits gelesen hat, also wird von Kindler oder Amazon abgeschrieben bzw. kopiert. Auf diese Art wird jedoch ausschließlich INHALT präsentiert, LITERARISCHE Aspekte (wie z.B. ’narrative perspective‘) spielen bei diesen „Buchpräsentationen“ normalerweise so gut wie keine Rolle. Wenn ich schon Schüler „demokratisch“ mitbestimmen lassen möchte, dann allerdings nur über Bücher, die ich kenne bzw. über die ich bereits Material habe oder zumindest weiß, dass es etwas Vernünftiges gibt. Außer natürlich (s. oben) ich habe gaaanz viel Zeit und gerade nichts anderes zu tun.

Egal, was wir gerade lesen, ich überprüfe immer wieder (z.B. in Form einer kurzen mündlichen Prüfung), ob die Schüler die angegebene Textpassage auch wirklich gelesen haben. Nichts ist schlimmer als wenn man anspruchsvolle Dinge diskutieren möchte und es stellt sich heraus, dass ein Drittel der Schüler den Text überhaupt nicht (sorgfältig) gelesen hat. Wie man die Lektüre ganz einfach schriftlich überprüfen kann, beschreibt norberto42.

Reinhold Tyrach schrieb mal in EnPaed zu diesem Thema:

Liebe junge Kollegen, die Ihr Euch so um Aktualität bemüht, denkt dran: Alles, was Ihr behandelt, ist schon längst ein alter Hut, wenn Ihr damit angetrabt kommt. Das Rennen gegen das Schülerverdikt, nicht zeitgemäß genug zu sein, beendet Ihr immer nur höchstens auf einem ehrbaren zweiten Platz. Ein junger Kollege von mir hat gerade damit begonnen, in einer seiner Klassen „A Short History of Tractors in Ukrainian“ zu lesen und rennt jetzt auf der Suche nach „irgendwelchen Arbeitsmaterialien, pre-/post-watching tasks, activities, oder aehnlichem“ herum, damit er weiß, was er von dessen literarischem Wert halten soll und den Schülern sagen kann … Das Buch finde ich übrigens Klasse, aber das ist kein hinreichendes Kriterium für die Notwendigkeit, es im Unterricht zu behandeln. Es leben die Klassiker!

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  1. christiane

    hi jochen,

    hast du irgendwo auch einen link versteckt, wie ein guter book report aussehen sollte?

    danke, christiane

  2. Sibylle

    „Sehr merkwürdig finde ich auch Mails der Art: „Hilfe, meine Schüler haben sich für das Buch XY entschieden und ich habe überhaupt keine Materialien dazu. Wer kann helfen? Dringend!!!“ Wie kann es sein, dass die Schüler ein Buch auswählen, das der Lehrer offensichtlich überhaupt nicht wollte? Geht hier die „Planungsbeteiligung“ nicht ein bisschen weit?“

    Ich sehe das genauso. Na ja, das mit den Begleitmaterialien der Verlage ist so eine Sache. (Junge) Kollegen haben oft noch den Anspruch, alles Material in ihrem eigenen Format zu präsentieren, was eine Riesenarbeit verursacht. Andererseits ist in unserer Fachschaft mittlerweile ein reger Austausch an Materialien entstanden (nicht zuletzt dank einer Verjüngung des Teams), den ich sehr schätze. Auch Teamwork zum Erarbeiten eines didaktischen Leitfadens für eine bestimmte Lektüre ist häufiger geworden. Ein Buch selber erst zu Lesen kann einem aber letztendlich niemand abnehmen 🙂

  3. Hallo Jochen –

    I beg to differ: ganz so zugespitzt würde ich es nicht sehen… Natürlich gibt es etwas wie ökonomischen Umgang mit der eigenen Arbeitszeit (mir nicht gänzlich unbekannt, ich unterrichte zwei Korrekturfächer – Deu und Eng – fast nur in der Oberstufe ;-))
    Trotzdem find ich es reizvoll, neben den schon bekannten Texten hin und wieder was Neues reinzunehmen, ist ja auch für den Lehrkörper selbst ne Herausforderung, der man sich mal stellen kann (gerade dann, wenn es noch keine Materialien gibt). In der Regel geh ich mit meinem Kurs so vor: Nach einem Einstieg in literarische Themen meist über Kurzprosa kommt irgendwann die Entscheidungsfindung, die m.E. schon Züge von Demokratie tragen darf, zumal bei Texten, die intimer / persönlicher werden, bei denen ich – über die Behandlung sprachlicher / literaturtheoretischer Dinge hinaus – auch innere Beteiligung meiner Schüler erwarte. Ich stelle meinen Schülern dann eine Auswahlliste von Texten vor („Klassiker“, aber auch neuere und Exoten), die Auswahlliste enthält ein paar Angaben zu Buch, Autor, Plot. Wenn es eine Verfilmung gibt, ist auch das erwähnt (wohl wissend, dass das ungewünschte Effekte haben kann) – eine Sequenz Buch-Film-Vergleich find ich immer sehr fruchtbar. Die Schüler werden aufgefordert, eigene Lektürevorschläge einzubringen, die in die Liste einfließen können (Titel, die offensichtlich ungeeignet sind, gehen natürlich nicht rein). Wenn die Liste steht, diskutiere ich mit den Schülern kurz die Vor- und Nachteile einzelner Titel (stofflich, preislich usw. usf.). es gibt dann etwas Bedenkzeit, ich verweise die Sch. auf die Nutzerrezensionen bei amazon, Barnes & Nobles usw., die wir gelegentlich auch im Unterricht besprechen. Dann kommt es zu einer Abstimmung, meist wird daraus ne Stichwahl. Vorteil liegt auf der Hand: Die Sch. erleben Beteiligung an der Entscheidung, sie können sich nicht mehr auf „Aufgedrücktsein“ rausreden, und ich hab mehr Schüler als sonst mit größerer innerer Beteiligung (von mir aus nenn’s intrinsische Motivation ;-)). Schließlich: ich hab „Experten“ (nämlich die, die den Vorschlag gemacht bzw. von Anfang an mitgetragen haben)für Referate etc.
    Zugegeben, das Verfahren klappt nicht immer gleich gut, bei ohnehin motivierten Kursen besser als bei anderen. Das lässt sich aber auch für jede andere Auswahlmethode sagen. und – es gab auch schon ausgesprochen positive Erfahrungen: in einem Kurs wurde von einer Schülerin Wally Lamb „She’s come undone“ (immerhin knapp 500S.)vorgeschlagen und dann auch ausgewählt, das Buch kannte ich selbst vorher auch noch nicht. Die Unterrichtssequenz war alles andere als erholsam, aber absolut spannend.

    Inzwischen erwäge ich zumindest für folgende Ganzschriften ein anderes Verfahren: meine von mir sehr geschätzte Deutschkollegin deckt erfolgreich größere Unterrichtssequenzen arbeitsteilig ab. Ein Autor, eine Epoche, eine Nationalliteratur etc. wird auf kleine Expertenteams aufgeteilt, die vergleichbare Aufgabenstellungen (eben auch litweraturtheoretische) erhalten, dann wird das Ganze auch wieder unter vergleichbaren Aufgabenstellungen zusammengeführt. Mein Sohn ist bei der Kollegin grad durch den Kurs gegangen und fand das sehr bereichernd. Ich erwäge es für die zweite Ganzschrift (sicher nicht geeignet für die erste), evtl. unter Einbeziehung eines Blogs als Plattform. Mal sehen…

    In einem stimm ich Dir vorbehaltlos zu: Egal welcher literarische Text – es wird nur gut funktionieren, wenn die Schüler spüren, dass ich selbst innerlich beteiligt und ehrlich angetan von dem Text bin.

    MfG,
    Uwe

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