Jochen Lüders

Englisch & Sport am Gymnasium ... und ein bisschen Tango

[Tango] Warum Männer sich langweilen und was man dagegen tun kann

Der fol­gen­de Text ist eine Über­set­zung von „Why lea­ders get bored with them­sel­ves and what to do about it“ von Vero­ni­ca Tou­ma­no­va.

Wei­te­re Über­set­zun­gen von Vero­ni­cas Tan­go Arti­keln fin­dest du hier.

Hin­weis: Im Ori­gi­nal­text geht es um “lea­der” und “fol­lo­wer”. Da mir “der Füh­ren­de” und “die Fol­gen­de” zu holp­rig ist, ver­wen­de ich im Fol­gen­den “Mann” und “Frau” in dem Bewusst­sein, dass auch Frau­en füh­ren und Män­ner fol­gen kön­nen. Der bes­se­ren Les­bar­keit zulie­be ver­wen­de ich dar­über­hin­aus aus­schließ­lich männ­li­che For­men.

Ich höre oft, dass Män­ner sich beschwe­ren: “Wenn ich tan­ze, lang­weilt mich mein eige­nes Tan­zen. Irgend­wann habe ich bereits alle Kom­bi­na­tio­nen getanzt, alle Varia­tio­nen aus­pro­biert und mir fällt ein­fach nichts mehr ein. Es ist ein furcht­ba­res Gefühl, denn wenn ich von mir selbst gelang­weilt bin, ver­mu­te ich, dass sich auch die Frau töd­lich lang­wei­len muss.” Manch­mal sagen Män­ner: “Tut mir leid, aber ich for­de­re dich nur auf, wenn ich in Höchst­form bin. Sonst habe ich Angst, dass du dich lang­weilst.” Auch mei­ne Schü­ler sagen manch­mal: “Egal, wie oft ich Unter­richt neh­me, ich ver­ges­se immer die coo­len neu­en Sachen, die ich gelernt habe und tan­ze immer die alten, lang­wei­li­gen, sich stän­dig wie­der­ho­len­den Schritt­kom­bi­na­tio­nen.“

Die­se Aus­sa­gen betref­fen sowohl Anfän­ger als auch Fort­ge­schrit­te­ne. Es spielt kei­ne Rol­le, wie groß dein Schritt­re­per­toire als Mann ist, das Gefühl lang­wei­lig zu tan­zen kommt trotz­dem immer mal wie­der. War­um pas­siert das? Und stimmt es, dass sich auch die Frau lang­weilt, wenn der Mann “lang­wei­lig” tanzt?

Es gibt einen Mythos (meis­tens bei Män­nern), dass man ein erheb­li­ches Reper­toire an Schrit­ten beherr­schen muss, damit die Frau den Tanz genießt. Aber die meis­te Zeit weiß die Frau nicht, was pas­sie­ren wird, sie kann nicht wis­sen, was in sei­nem Kopf vor sich geht und sie ist viel zu beschäf­tigt, das zu tan­zen, wozu sie ein­ge­la­den wird. Stän­dig öff­nen sich neue Türen, die zu neu­en Orten und neu­en Land­schaf­ten füh­ren. Sie führt nicht Buch, wel­che Schrit­te der Mann bereits getanzt hat, das ist aus­schließ­lich sei­ne Ange­le­gen­heit. Des­halb ist die Frau nor­ma­ler­wei­se nicht gelang­weilt, auch wenn der Mann es ist. Außer­dem ist es nicht das Schritt­vo­ka­bu­lar, das die Frau an einem guten Mann fas­zi­niert, son­dern die Anmut ihrer eige­nen Bewe­gung als Ant­wort auf sei­ne (hof­fent­lich hilf­rei­che) Füh­rung. Zuwe­nig Schritt­kom­bi­na­tio­nen sind nie­mals ein Grund, war­um die Frau sich lang­weilt, es ist viel­mehr der MANGEL AN VERBINDUNG, der bewirkt, dass sie sich “aus­klinkt”. Dies könn­te dar­an lie­gen, dass der Mann auto­ma­tisch,  unbe­wusst und ohne Gefühl tanzt, oder weil er zu sehr mit sei­nen eige­nen Schrit­ten beschäf­tigt ist und sie ver­gisst. Eine Frau möch­te nicht ger­ne als Instru­ment benutzt wer­den. Du kannst eine Tan­go-Enzy­klo­pä­die sein und die Frau zu Tode lang­wei­len oder nur ein paar simp­le Ele­men­te in dei­nem Voka­bu­lar haben und sie in dei­nen Armen schmel­zen las­sen. Quan­ti­tät ist nie­mals ein Wert an sich.

Es exis­tiert eben­falls ein Mythos (meis­tens unter Frau­en), dass Frau­en kei­ne kom­ple­xen Sequen­zen mögen. Es stimmt zwar, dass einem kom­ple­xen Tan­go­vo­ka­bu­lar zu fol­gen stres­sig ist und soli­de Tech­nik und gro­ße Sen­si­bi­li­tät erfor­dert. Aber ist stimmt ein­fach nicht, dass Frau­en kein anspruchs­vol­les Voka­bu­lar mögen. Frau­en LIEBEN es, wenn es gut getanzt wird. Kom­ple­xe Bewe­gun­gen las­sen die Frau ihre Gren­zen erfor­schen, sie sind auf­re­gend, dyna­misch und machen Spaß. Wenn eine Frau sich aller­dings zwi­schen gut getanz­ten ein­fa­chen Schrit­ten und schlecht getanz­ten schwie­ri­gen Schrit­ten ent­schei­den soll, wird sie immer ers­te­re bevor­zu­gen.

War­um soll­te dann also, könn­test du jetzt fra­gen, ein Mann kom­pli­zier­te Schritt­se­quen­zen ler­nen, wenn die Frau auch mit weni­ger zufrie­den ist? Anders gesagt, wie­vie­le Schrit­te muss ein Mann beherr­schen, um ein begehr­ter Part­ner zu sein? Wenn ich von “Schrit­ten” spre­che, mei­ne ich die Viel­falt an Kom­bi­na­tio­nen aus den drei Grund­ele­men­ten des Tan­go: Schritt, Dre­hung und Gewichts­wech­sel. In die­sem Sinn lernt der Mann nie­mals etwas Neu­es, son­dern immer nur mit den sel­ben Grund­ele­men­ten auf immer kom­ple­xe­re Wei­se zu impro­vi­sie­ren.

Die Fra­ge “Wie­vie­le Schrit­te soll­te ich als Mann beherr­schen, um einen befrie­di­gen­den Tanz zu erschaf­fen?” ist wie die Fra­ge “Wie­viel Geld brau­che ich, um glück­lich zu sein?”. Die Ant­wort lau­tet: Geld ist für dein Glück völ­lig unwich­tig. Geld ist ein Mit­tel, um Din­ge zu erwer­ben, die dir Freu­de und Befrie­di­gung brin­gen, aber dein Glück ent­stammt einer ande­ren Quel­le, näm­lich dei­nem eige­nen Wesen. Auf die­sel­be Art kön­nen Schrit­te, wie Geld, dir hel­fen, bei dem was du tust, mehr Spaß und grö­ße­re Frei­heit zu haben. Du brauchst eine “Grund­men­ge” an Schrit­ten, um über­haupt tan­zen zu kön­nen. Wie kom­plex dein Voka­bu­lar dar­über­hin­aus sein soll­te, hängt voll­stän­dig davon ab, was du tun möch­test und wor­auf du Wert legst. Am Ende läuft es dar­auf hin­aus, was du magst und was du am Tan­go genießt. Ein gro­ßer Schrit­te-Wort­schatz soll in ers­ter Linie dir als Füh­ren­dem Ver­gnü­gen berei­ten.

Ich per­sön­lich den­ke, dass Män­ner immer wie­der neue Varia­tio­nen erfor­schen soll­ten, weil das ein­fach in der Natur ihrer Rol­le liegt. Die Schön­heit des Tan­go liegt dar­in, dass er zwei Ener­gi­en ver­ei­nigt: Die Ener­gie des Tuns und die des Seins. Die Rol­le des Man­nes besteht dar­in, etwas zu schaf­fen, zu kon­stru­ie­ren, zu dekon­stru­ie­ren und neue Mög­lich­kei­ten zu ent­de­cken. Es steckt viel Wahr­heit dar­in, einem Mann zu sagen: “Ver­giss kom­pli­zier­te Schrit­te, gehe ein­fach zur Musik, umar­me die Frau schön und sie wird glück­lich sein.” Aber es ist auch, als wenn man einem klei­nen Jun­gen sagen wür­de: “Hier hast du ein paar far­bi­ge Bau­stei­ne. Du darfst sie berüh­ren und bewun­dern, aber nichts mit ihnen bau­en. Das ist zu kom­pli­ziert.”

Frü­her war das Tan­go-Voka­bu­lar sehr begrenzt, aber im Lau­fe der Zeit hat sich eine fast unend­li­che Men­ge an Mög­lich­kei­ten ent­wi­ckelt. Wir kön­nen den Reich­tum des Tan­go igno­rie­ren unter der Annah­me, dass die Men­schen frü­her beim Tan­go tie­fe­re mensch­li­che Ver­bin­dun­gen ein­ge­gan­gen sind, ohne “all die­se Schrit­te”. Aber ein rei­ches Tan­go-Voka­bu­lar gibt es nicht ohne Grund, es bleibt eine Tat­sa­che des Lebens und hat sei­ne eige­nen Vor­tei­le. Man kann die­se Viel­falt genie­ßen, vor­aus­ge­setzt, man ist nicht nur an der Quan­ti­tät, son­dern auch an der Qua­li­tät inter­es­siert. Tan­go ist immer viel mehr als die Schrit­te, die man macht, aber es ist auch nichts falsch an Schrit­ten.

Män­ner fin­den sich lang­wei­lig aus dem sel­ben Grund, war­um wir jede Aktit­vi­tät, egal wie kom­plex sie ist, lang­wei­lig fin­den: Es hat mit dem Gefühl der ROUTINE zu tun. Rou­ti­ne setzt ein, nicht nur weil man die­sel­ben Din­ge stän­dig wie­der­holt, son­dern auch, weil man wie­der­holt, WIE man sie immer wie­der macht. Rou­ti­ne bedeu­tet, dass man für sich sel­ber vor­her­seh­bar wird, dass die eige­ne Wirk­lich­keit für einen sel­ber nicht mehr über­ra­schend und wun­der­bar ist, als ob man auf Auto­pi­lot lau­fen wür­de. Wie soll man als Mann am bes­ten mit der eige­nen Lang­wei­le umge­hen?

Es gibt eini­ge prak­ti­sche Lösun­gen. Du kannst neue Schrit­te ler­nen, aber den­ke dar­an, dass du sie erst­mal üben und in dein bereits exis­tie­ren­des Voka­bu­lar inte­grie­ren musst, bevor du sie spon­tan in einer Milon­ga benut­zen kannst. Aber selbst wenn du sie nicht auf einer Milon­ga repro­du­zie­ren kannst, ver­zwei­fe­le nicht: Etwas Neu­es im Unter­richt zu ler­nen ist bereits eine sehr gute Übung für dein Gehirn und dein Tan­go wird davon pro­fi­tie­ren. In die­sem Sin­ne geht nichts was du lernst völ­lig ver­lo­ren. Dar­über­hin­aus kannst du anfan­gen, die Schritt­kom­bi­na­tio­nen, die du bereits kennst, zu zer­le­gen und einen ande­ren Aus­gang aus­zu­pro­bie­ren, die Rei­hen­fol­ge der Ele­men­te oder das Timing zu ver­än­dern, das rech­te statt das lin­ke Bein zu neh­men (oder umge­kehrt) usw. Allein das ist bereits eine auf- und anre­gen­de Übung und lässt dich als Tän­zer wach­sen und macht dei­ne Mus­ter weni­ger vor­her­seh­bar. Schließ­lich kannst du dar­an arbei­ten, dei­ne Tech­nik zu ver­bes­sern, denn je bes­ser du die Grund­la­gen beherrscht, des­to leich­ter wird alles flie­ßen und dir (und der Frau) mehr Freu­de berei­ten.

Es gibt dar­über­hin­aus eine tie­fe­re und wich­ti­ge­re Ebe­ne, auf der man sich mit Gefühl der Lan­ge­wei­le beschäf­ti­gen kann. Es geht dar­um den Fokus von dem WAS man tut zu ver­schie­ben hin zu dem WIE man es tut. Zu die­sem Zweck kann man Musik als Haupt­quel­le der Inspi­ra­ti­on spie­len und die Schrit­te, die man bereits beherrscht, pas­send zur Ener­gie, zum Rhyth­mus und zum Tem­po der Musik tan­zen. Das bedeu­tet z.B. lang­sa­mer zu wer­den, wenn die Musik es nahe­legt, Pau­sen zu machen, zu beschleu­ni­gen und bestimm­te Momen­te zu beto­nen. Wenn ein Mann wirk­lich zur Musik tanzt, wird der Tanz für die Frau wun­der­bar. Dann kann es pas­sie­ren, dass du einen gan­zen Tanz lang nur gehst und dich kei­nen ein­zi­gen Moment lang lang­weilst. Genau das mei­nen Leh­rer, wenn sie einen ermah­nen alles “schön ein­fach” zu hal­ten. Es ist natür­lich alles ande­re als “ein­fach”, denn es erfor­dert Sen­si­bi­li­tät für die Musik und unge­teil­te Auf­merk­sam­keit. Aber solan­ge du zulässt, dass die Musik dich von innen bewegt, sind die Schrit­te nicht so wich­tig und das Haupt­au­gen­merk liegt auf der Qua­li­tät der Bewe­gung. Noch ein­mal, Tan­go ist eine Unter­hal­tung: Wenn du weißt, was du sagen willst, wer­den die Wor­te schon kom­men. Was wir im Tan­go sagen wol­len, ist das, wozu uns die Musik inspi­riert.

Wenn du dich dem­nächst wie­der mal lang­weilst, rich­te dei­ne gan­ze Auf­merk­sam­keit bewusst dar­auf, wie du dich genau in die­sem Augen­blick bewegst und ver­su­che die Fül­le der ver­schie­de­nen Emp­fin­dun­gen zu erfas­sen: Dei­ne eige­nen, die der Frau und der Umge­bung. Dei­ne Lan­ge­wei­le wird schlag­ar­tig auf­hö­ren in dem Moment, in dem du dei­ne VOLLE Auf­merk­sam­keit auf den gegen­wär­ti­gen Moment rich­test. Denn Lan­ge­wei­le ist ein Neben­pro­dukt eines unkon­zen­trier­ten Geis­tes, der damit beschäf­tigt ist, die Gegen­wart zu beur­tei­len und über die Zukunft zu spe­ku­lie­ren. Dein Kopf denkt, dass wah­rer Tan­go aus coo­len Schrit­ten besteht, einer bestimm­ten Umar­mung, einem bestimm­ten Part­ner oder der rich­ti­gen Musik. Aber wah­rer Tan­go ist nichts von all­dem, es ist der Moment des JETZT und nur er zählt, wie vie­le ande­re wich­ti­ge Din­ge im Leben, wie z.B. Lie­be, Freu­de und Glück.

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  1. Melanie

    Vie­len Dank für die­se schö­ne Dar­stel­lung. Ich kann mich dar­in voll wie­der fin­den.

  2. Friederich

    Sehr sehr gut. Vie­len Dank an ihr bei­den.

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