Hinweis: Aus Gründen der besseren Lesbarkeit verwende ich im Folgenden ausschließlich männliche Formen (wie „DJ“), die weiblichen Entsprechungen („DJane“) sind dabei natürlich immer mit gemeint. Es geht im Folgenden ausschließlich um Neolongas, also Milongas mit NICHT-traditioneller, „moderner“ Musik („neo“, „non-tango“ etc.)

Immer mal wieder werde ich gefragt, warum ich – ganz untypisch – auf Neolongas Tandas & Cortinas (T&Cs) spiele. Hier meine Gründe, warum ich selber so auflege und warum ich es schön fände, wenn auch andere DJs so auflegen würden. 

Sich trennen

T&Cs machen es leichter, sich höflich und stressfrei wieder zu trennen. Als Mann muss ich nicht mitzählen und mir nicht überlegen, wann ich mich, ohne unhöflich zu wirken („Weniger als drei Tänze sind ein Korb“) wieder von einer Frau trennen kann. Aus Sicht der Frau ist ein schlechter Partner leichter erträglich, wenn sie weiß, dass sie ihn nach spätestens 3-4 Tänzen wieder loswerden kann, ohne ihn demütigen zu müssen, indem sie von sich aus das Tanzen beendet.

Länge von Tandas

Während viele traditionelle Stücke ca. 3 Minuten lang sind, sind die meisten modernen Stücke eher um die 4 Minuten lang. Das ist ein Grund, warum ich im Gegensatz zur traditionellen Tandastruktur (4 Tangos, je 3 Milonga und Vals) pro Tanda nur 3 Stücke spiele. Intuitiv empfinde ich diese drei als genau „richtig“, ich empfinde sie als „magisch“. Bekanntlich sind „aller guten Tänze drei“. Ungefähr drei Minuten empfinde ich auch bei nicht-traditioneller Musik als ideale Länge. Nicht umsonst heißt der m.E. schönste Tango-Roman „DREI Minuten mit der Wirklichkeit.

Ein weiterer, eher praktischer Grund ist, dass drei Stücke überschaubar und erträglich sind, wenn es nicht besonders schön ist, während ich mehr oft als zu lange und mühsam empfinde. Als Frau „nur“ ca. 12 Minuten unangenehm eng gehalten, „freestyle-mäßig“ herumgewirbelt, bzw. -geschleudert oder zu Fall- bzw. Sprungfiguren gezwungen zu werden, ist schon schlimm genug, das Ganze noch länger ertragen zu müssen, ist m.E. unzumutbar.

Und last but not least, wenn es eng und heißt ist, kommt man als Mann beim vierten Tango oft unangenehm ins Schwitzen, während man drei Stücke meistens noch ganz gut „übersteht“.

Mit dem Wunschpartner tanzen

T&Cs machen es meiner Meinung nach leichter mit dem Wunschpartner zu tanzen. Ohne Cortinas wechselt jeder irgendwann und es kommt häufig vor, dass man ständig „aneinander vorbeitanzt“. Wenn ich mit einer bestimmten Frau tanzen möchte, habe ich zwei Möglichkeiten. Entweder ich setze mich hin und warte geduldig bis die Frau endlich „frei“ wird. Das kann, wenn ich Pech habe, ziemlich lange dauern, wenn die Frau gerade mit einem Mann tanzt, der sie partout nicht „freigeben“ will. Die Alternative ist, dass ich während des Tanzens ständig meine Traumfrau beobachten muss, um mich im entscheidenden Moment von meiner aktuellen Partnerin zu verabschieden, mit dem Risiko sie zu demütigen, weil wir z.B. erst zwei Tänze zusammen getanzt haben. Außerdem wird sie mit großer Wahrscheinlichkeit merken, dass ich nicht wirklich „bei ihr“ bin.

Mit Cortinas entfällt dieser ganze Stress. Fast alle beenden das Tanzen zur selben Zeit. Natürlich kann es passieren, dass meine Traumfrau auch noch die nächste Tanda mit ihrem aktuellen Partner tanzen will, dann muss ich mich halt noch gedulden. Aber immerhin weiß ich, dass ich nächste Tanda selber stressfrei tanzen kann, ohne ständig verstohlene Blicke zu werfen. Natürlich gibt es immer ein paar (unhöfliche) Ignoranten, die mitten in einer Tanda den Tanz beenden, aber nach meiner Erfahrung werden es nach einer kurzen Eingewöhnungszeit immer weniger.

Cassiel (der allerdings „knödelnde“ Non-Tangos grundsätzlich nicht tanzt) sieht es genauso:

Ich finde, Cortinas strukturieren einen Abend in wunderbarer Art und Weise. Außerdem bieten sie m.E. einen enormen Vorteil: Zur gleichen Zeit sind alle Tangueros und Tangueras wieder „verfügbar“. Ein nicht-strukturierter Abend verläuft nach meinen Beobachtungen so, daß man irgendwann es schafft, sich höflich aus einer Tanzpartnerschaft zu lösen, aber ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt ist der gewünschte nächste Tanzpartner, die gewünschte nächste Tanzpartnerin nicht „verfügbar“ (weil er oder sie gerade tanzt). […] Um für alles Besucherinnen und Besucher gleiche Ausgangsbedingungen zu schaffen, finde ich Cortinas sehr sinnvoll. Und wenn man einmal eine Tanda aussetzt, dann ist es eben zeitlich absehbar begrenzt. Ein weiteres Argument ist die Konzentration. Nach meinen Erfahrungen schwindet bei mir die Konzentration, wenn ich längere Zeit mit einer Tanguera tanze. Eine Tanda ist für mich die ideale Länge. (Quelle)

Musikalische und emotionale Struktur

Der wichtigste Grund für mich ist jedoch, dass T&Cs den Abend musikalisch und damit emotional strukturieren und „berechenbar“ machen. Liebhaber traditioneller Milongas werfen Neo-DJs meiner Meiunung nach oft zu Recht vor, dass sie musikalisch völlig unsensibel und chaotisch auflegen. Im Extremfall folgt dann z.B. auf einen Otros Aires Kracher eine Schnulze von Zarah Leander, danach was Zartes von Rene Aubry, danach ein endloses Lounge-Stück, danach ein traditionelles Stück aus den 30ern, danach ein Amelie Walzer, danach Gotan Project usw. Man kann so etwas natürlich „abwechslungsreich“ und „interessant“ finden, ich finde es einfach nur musikalisch (vorsichtig ausgedrückt) unsensibel und schrecklich. Ich kenne eine Reihe von Leuten, die eigentlich moderne Musik zumindest genauso gerne mögen wie traditionelle, denen aber dieses Durcheinander derart auf die Nerven geht, dass sie lieber nur auf traditionelle Milongas gehen.

Es ist für mich auch völlig unverständlich, warum DJs, die sowohl traditionell als auch modern auflegen, bei traditioneller Musik größte Sorgfalt auf die Zusammenstellung ihrer Tandas legen, während sie bei moderner Musik total chaotisch auflegen und alle Regeln missachten.

Ich möchte von der Musik nicht emotional mit jedem neuen Stück in eine andere Richtung „geschubst“ werden. Über den Abend verteilt möchte ich durchaus das ganze emotionale Spektrum von dynamisch / fröhlich / lebhaft bis hin zu melancholisch / romantisch haben, aber eben nicht mit jedem neuen Stück.

Cortinas schaffen einen emotional „neutralen“ Übergang zwischen den verschiedenen Stimmungen. Auch wenn er sich auf traditionelle Musik bezieht, hat Royce das treffend beschrieben:

I’m so much into the music that, I need a “break” in-between tandas or something to make me forget about the previous tanda. Otherwise, I will have a hard time to pull my emotion out from what has been played, then I cannot dance the next set of music. In a nutshell, I cannot immediately jump from Di Sarli to Donato, I need something to “wash away” my Di Sarli mood so that I can change myself into Donato mode, and that’s what cortina means to me. I don’t need a very long cortina, a 20 second or 30 second cortina is good enough. (Quelle)

Ich sehe es genauso, aus diesem Grund sind meine Cortinas ca. 30 Sekunden lang. Cortinas, die deutlich länger sind (oft mehr als eine Minute), finde ich zu lang. Solche langen Cortinas werden oft von DJs gespielt, die selber in Buenos Aires waren und die dortigen Gepflogenheiten imitieren. Was sie nicht bedenken, ist, dass Cortinas dort eine andere Funktion haben:

The primary function of cortinas in Buenos Aires is to clear the dance floor and encourage people to change partners. It is a very practical reason. Cortina is a code of behavior in a milonga. When dancers hear the cortina, everybody will leave the dance floor. If there’s someone who doesn’t know this rule and waits for the next tanda to start on the dance floor, then they will find themselves extremely embarrassed, it happens quite often to the milonga first timer. […] Then in Buenos Aires, cortina usually lasts around 1 minute, sometimes longer sometimes shorter, depends on different DJs and different milongas. If the dance floor is big and there’re lots of dancers, of course it takes more time to clear the dance floor, hence DJ plays longer cortina, and vice versa. (Quelle)

Man mag viele Regeln der traditionellen Tandastruktur als pedantisch empfinden (nicht verschiedene Orchester, Sänger bzw. instrumental und vokal mischen usw.), aber sie haben schon auch ihren Sinn. Die Funktion von Tandas ist dieselbe:

The function of a tanda is both social and musical. It establishes a mood for the couple to share. For this reason, it’s essential that a tanda is coherent. The songs in the tanda should feel as if they belong together. (Quelle)

Nehmen wir romantische Valses wie Tardes de Bolonha. Den ersten Vals brauche ich, um mich auf eine ggf. fremde Frau erstmal „einzustimmen“ und erstmal in Stimmung zu kommen. Erst den zweiten und (hoffentlich) dritten Vals kann ich dann wirklich genießen. Wenn nach dem ersten Vals aber gleich wieder ein dumpfes Otros Aires Gestampfe kommt, ist die ganze Stimmung und der Genuß dahin.

Meine Grundstruktur beruht wieder auf der 3:

Tango: dynamisch/lebhaft/fröhlich – Tango: mittleres Tempo – Milonga

Tango: ruhig/romantisch/melancholisch – Tango: mittleres Tempo – Vals

Wie bei traditionellen Tandas stelle ich gerne gleichartige Stücke zusammen, also z.B. eine „Klezmer“ oder „türkische“ Tanda, eine nur mit Coverversionen bekannter Hits oder nur mit deutschen Songs oder eine mit einem bestimmten Interpreten/Orchester etc. Beispiele für Tango Tandas findest du hier, für Vals Tandas hier.

Berechenbarkeit

T&Cs machen die Musik „berechenbar“. Nehmen wir an, jemand kann griechische Musik wie z.B. Sou Aksize … einfach nicht ausstehen. Wenn ich dieses Stück auflege, weiß er „Ok, die nächste Tanda kann ich vergessen, jetzt kommt dieses fürchterliche folkloristische Gedudel, jetzt kann ich auf die Toilette gehen, mir ein Getränk holen, die Tanda aussitzen und/oder plaudern.“

Each new tanda is a new beginning, and the dancers decide whether or not they will dance, and with whom, according to how it opens. The first song is a sign and a promise of what is to come. Accordingly, it is important that the first song accurately portrays the tanda as a whole. If it does not, the dancers start to lose trust in the DJ. (Quelle)

Ich hasse es zu Musik, die mir nicht gefällt, tanzen zu müssen. Wenn man eine feste Partnerin hat, kann man sich problemlos auch nach nur einem Tanz hinsetzen und ein Stück aussitzen. Wenn man aber mit einer unbekannten Frau tanzt, verbietet es die Etikette, schon nach einem Tanz wieder Pause zu machen, nur weil einem dieses Comedian Harmonists Geschrammel auf die Nerven geht.

Argumente gegen Cortinas

Einige DJs spielen zwar Tandas aber keine Cortinas. Merkwürdig finde ich das vor allem bei DJs, die sowohl traditionell als auch modern auflegen. Wenn sie traditionell auflegen, spielen sie fast immer Cortinas, wenn sie modern auflegen, fast nie. Warum?

Ein berechtigtes Argument ist, dass Cortinas oft „laut […] und aggressiv“ sind. Das sind sie in der Tat häufig, das ist für mich allerdings kein Argument gegen Cortinas. Meine Cortinas sind immer etwas leiser als die restliche Musik und ich nehme bewusst ruhige Musik.

Ein weiteres Argument ist, dass Cortinas den Tänzer „bevormunden“ bzw. der DJ die Tänzer irgendwie „erziehen“ oder „führen“ möchte. Dieses Argument kann ich nur schwer nachvollziehen. Es muss sich ja niemand bei der Cortina trennen, wer möchte, darf gerne mit seiner Parterin weitertanzen (von der one-tanda rule halte ich gar nichts). Für mich ist die Cortina wie das Wasser zwischendurch bei der Weinverkostung. Ich kann den nächsten Wein/die nächste Musik besser genießen, wenn ich vorher etwas Neutrales geschmeckt/gehört habe.

Der am häufigste genannte Grund ist, dass Cortinas den „Tanzfluss unterbrechen“. Es mag „Dauertänzer“ geben, die das so sehen, ich sehe es völlig anders und bin froh über Pausen. Ein paar DJs spielen keine Cortinas, weil sie den ganzen Abend als „organische Einheit“ sehen und „fließende Übergänge“ von einem Stück zum nächsten haben wollen. Die Folge dieses Konzepts ist, dass sie Stücke ineinander blenden bzw. extrem kurze (oder auch gar keine) Pausen zwischen den Stücken haben. Beides kann ich nicht leiden. Das Ineinanderblenden empfinde ich als Mangel an Respekt gegenüber der Musik, außerdem geht dann automatisch das (hoffentlich) markante Ende des Stückes mit der dazugehörigen kleinen Schlusspose verloren (ich mag Stücke mit einem „knackigen“ Ende und mag es nicht, wenn Stücke „versanden“). Besonders nach romantischen Stücken möchte ich noch ein paar Sekunden die Musik und den Tanz „nachwirken“ lasse und empfinde es deshalb als stressig, wenn sofort das nächste Stück beginnt.

Personally, I prefer to use music for the cortina that is not suitable for dancing and that has a neutral effect on the mood.  I want the dancers to understand the dancing has come temporarily to an end, but I do not want to disrupt the mood that is building. I regularly use an acoustic guitar rendition […] (Quelle)

Ich nehme als Cortina z.B. die ersten 30 Sekunden dieses Stückes. Ich habe zwar verschiedene Cortinas, aber an einem Abend spiele ich immer die gleiche. Ich finde es anstrengend bzw. frustrierend, wenn DJs ständig andere Cortinas spielen. Man weiß dann als Tänzer oft nicht, ob das jetzt bereits eine Cortina oder das nächste Stück ist. Man steht erstmal unentschlossen rum, irgendwann beschließt man dann doch mit dem Tanzen anzufangen, nur um nach wenigen Sekunden wieder aufhören zu müssen – sehr nervig. Die Cortina hat für mich nur eine einzige Funktion, nämlich zu signalisieren, dass eine Tanda vorbei ist und gleich die nächste beginnt. Deshalb brauchen Cortinas m.E. nicht „abwechslungsreich“ zu sein.

Playlisten

Aus den genannten Gründen dürfen DJs gerne mit Playlisten arbeiten. Im Gegenteil: Eine liebevoll und abwechslungsreich zusammengestellte Playlist ist mir wesentlich lieber als „spontanes“ Auflegen, welches nach meiner Erfahrung oft nur zu musikalischem Durcheinander führt. Ich erwarte deshalb auch gar nicht, dass der DJ den ganzen Abend lang „arbeitet“ und ständig z.B. einen Kopfhörer über einem Ohr hat, weil er irgendwas vorhören muss. Ich konzentriere mich ausschließlich auf den Tanz, die Musik und vor allem natürlich auf die Frau in meinen Armen, der DJ selber ist mir, so hart das auch klingt, völlig egal, er muss für mich nicht „präsent“ sein, ich nehme ihn gar nicht wahr.

Die eigentliche „Arbeit“ ist für mich das Finden von schöner Musik, das Zusammenstellen von Tandas und Playlisten. Wenn ich drei Stücke des selben Interpreten habe, ist eine Tanda schnell zusammengestellt. Wenn ich aber nur einzelne Stücke habe, kann es Tage und Wochen dauern, bis ich zwei andere passende Stück dazu gefunden habe. Jede Playlist höre ich mindestens zweimal komplett durch, bevor ich sie spiele um sicherzustellen, dass sowohl die einzelnen Tandas als auch die gesamte Playlist in sich stimmig und trotzdem abwechslungsreich ist. Am Abend selber habe ich immer mein Notizbuch bereit, um mir zu notieren, wenn eine Tanda (oder ein einzelnes Stück) nicht so richtig „funktioniert“. Dann wird bei nächster Gelegenheit die Tanda wieder verändert und (hoffentlich) verbessert. Besonderes Augenmerk richte ich zum Beispiel darauf, dass das Verhältnis von bekannter und „neuer“ Musik und das zwischen moderner und traditioneller Musik passen. Mein Anspruch ist, jedes Mal komplett andere Musik zu spielen. Es gibt also so gut wie keine Wiederholungen. Erst nach einem kompletten Durchgang aller Playlisten geht’s wieder von vorne los.

Solange die Musik „schön“ (was immer das auch im Einzelfall bedeuten mag) und abwechslungsreich ist, ist es m.E. den meisten Leuten völlig egal ob ein DJ spontan auflegt oder eine Playlist abspielt. Das Gedöns um das spontane Auflegen halte ich für einen (aus nachvollziehbaren Gründen) liebevoll gepflegten Mythos. Hinter der verschwurbelten Forderung, der DJ müsse „das Parkett lesen“, also intuitiv erfassen, was die Leute wünschen, steht ja die Annahme, dass es in einer bestimmten Situation einen gemeinsamen Musikwunsch aller (oder zumindest der meisten) Tänzer gäbe. Diese Annahme halte ich für schlichtweg falsch. Die Leute haben so unterschiedliche Musikgeschmäcker und wünschen sich in einer bestimmten Situation so derart unterschiedliche Sachen, dass es nie so einen gemeinsamen Musikwunsch geben kann. So hat es noch kein DJ jemals geschafft MEINE Wünsche zu „lesen“. Die meisten spielen zum Beispiel viel zu viel elektronische (für mich oft „seelenlose“) Musik, viel zu wenig (oft überhaupt keinen Vals), häufig viel zu lange Stücke (alles über 4:30 finde ich zu lang), viel zu laut etc.

Wenn du selber DJ bist, mach doch einfach mal folgendes Experiment. Spiele eine vorbereitete Playlist ab, aber erwecke den Eindruck als ob du „arbeiten“ würdest, also konzentriertes Auf-den-Bildschirm-starren, Kopfhörer über einem Ohr („vorhören“), Maus-Schubsen etc. In Wirklichkeit machst du aber NICHTS, du lässt einfach nur deine Playlist laufen. Irgendwann fragst du die Leute, ob du „nur“ eine Playlist abgespielt hast („kann ja jeder“) oder „spontan“ aufgelegt hast. Solange du keine primitiven „handwerklichen“ Fehler gemacht hast (z.B. ein „falsches“ Stück anspielen und nach wenigen Takten abbrechen und ein anderes spielen oder plötzlich nur noch Gotan Project spielen), wird es im Normalfall keiner wirklich WISSEN. Natürlich wird es bei einer 50-prozentigen Ratechance entsprechend viele „richtige“ Antworten geben, aber nach meiner Erfahrung kann es kaum jemand mit Sicherheit sagen. Wenn dir spontanes Rumsuchen Spass macht und du das Gefühl hast, den Leuten damit eine Freude zu machen, solltest du es natürlich gerne weitermachen. Wenn du es aber als stressig empfindest und es nur machst, weil du glaubst, es würde von dir erwartet, solltest du dich entspannen und falls nötig nur noch ein bisschen Theater spielen.

Als DJ selber tanzen

Aus den genannten Gründen habe ich natürlich auch kein Problem damit, wenn der DJ selber Spaß hat und zu „seiner“ Musik tanzt. Ich bin aus einem einzigen Grund DJ geworden, nämlich um selber zu schöner Musik tanzen zu können. Das traditionelle DJ-Gebot „Du musst den ganzen Abend lang zumindest so tun, als ob du wahnsinnig beschäftigt wärest, ständig auf dein Display starren und an deinen Knöpfen und Schiebereglern rumfummeln, auf keinen Fall darfst du Spaß haben und selber tanzen“ fand ich schon immer absurd. Sehr sympathisch finde ich deshalb folgende Aussage eines traditionellen (!) DJs:

Don’t just sit at the DJ booth, I feel strongly that DJs should dance. (Quelle)