Jochen Lüders

Englisch & Sport am Gymnasium / Tango & Tanzfeste

[Tango] Warum wir leiden, wenn wir Tango lernen und warum das gut ist

Der folgende Text ist eine Übersetzung von „Why we suffer when learning tango and how is that a good thing“ von Veronica Toumanova

Der besseren Lesbarkeit zuliebe verwende ich meistens nur männliche Formen (Lehrer, Schüler, Tänzer, etc.) Die weiblichen Entsprechungen sind dabei natürlich immer mitgemeint. 

Weitere Übersetzungen von Veronicas Essays findest du hier.

Jeder, der schon einmal ernsthaft versucht hat Tango zu lernen, hat psychisch dabei gelitten. Ich könnte sogar mit Sicherheit sagen, dass du wahrscheinlich niemals etwas wirklich gelernt hast, wenn du nicht wenigstens einmal bei dem Versuch deinen Tango zu verbessern, gelitten hast. Schüler sagen oft: „Ich kann nach dem Unterricht nicht tanzen gehen. Alles fühlt sich so falsch an!“ In Phasen des intensiven Lernens kann das Leiden so unerträglich werden, dass man daran denkt ganz aufzuhören. Warum leiden wir so sehr?

Wenn man eine neue Bewegung oder eine neue Art etwas zu tun lernt, durchläuft man vier Phasen: unbewusste Inkompetenz, bewusste Inkompetenz, bewusste Kompetenz und unbewusste Kompetenz. Ich habe diese Begriffe nicht erfunden, sie werden in vielen Bereichen verwendet. Nehmen wir als Beispiel den Ocho. Du tanzt vielleicht Ochos, aber du bist dir nicht bewusst, dass du sie nicht richtig tanzt. Du hast eine Gewohnheit entwickelt, sie auf eine ganz bestimmte Weise auszuführen. Du verlierst vielleicht ab und zu die Balance oder du fühlst dich sonst unwohl, aber dir ist nicht bewusst, was das mit deinen Ochos zu tun hat. Dies ist die Phase der „unbewussten Inkompetenz“.

Dann sagt dir ein Lehrer, dass du deine Ochos verbessern könntest und was genau du falsch machst. Du fängst an aufmerksam zu sein und plötzlich wird auch dir bewusst, was nicht funktioniert. Dies ist der Beginn der Phase der „bewussten Inkompetenz“. Du weißt jetzt, was du falsch machst.

Als nächstes versuchst du es mit dem Verstand und Hilfestellung richtig zu machen. Manchmal klappt es, manchmal nicht. Allmählich werden deine Ochos besser, aber nur wenn du dich auf sie konzentrierst, deine Bewegungen bewusst kontrollierst und die richtigen Bilder verwendest. Dies ist die Phase der „bewussten Kompetenz“. Dein Können wird größer, aber es erfordert eine mentale und physische Anstrengung die alten Bewegungsmuster durch neue zu ersetzen.

Wenn dein Körper das neue Bewegungsmuster vollständig automatisiert hat, fühlt es sich nicht mehr anstrengend an und erfordert auch nicht mehr deine volle Aufmerksamkeit. Es ist eine GEWOHNHEIT geworden, genau so, wie die falschen Ochos es vorher waren. Dies ist der Phase der „unbewussten Kompetenz“. Auf dieses Ziel hin arbeiten z.B. Tänzer, Musiker, Schauspieler, und Sportler. Eine Bewegung kann nur dann wirklich frei sein, wenn man sie ohne Anstrengung ausführen kann. Dieses Gefühl des MÜHELOSEN TANZENS ist eine der schönsten Erfahrungen des Lebens. Trotzdem sehe ich als Lehrerin viel mehr Schüler, die an einem bestimmten Punkt in ihrer Entwicklung aufhören, anstatt sich weiter zu verbessern. Warum will nicht jeder weiterlernen, wenn am Ende diese wundervolle Belohnung winkt?

Es hat mit der zweiten und dritten Phase zu tun.

Wenn man eine Gewohnheit entwickelt, wird es bequem, selbst wenn die Bewegung falsch oder ineffektiv ist. Man gewöhnt sich an die Anstrengung, die die Bewegung erfordert und an die Folgen, die sie im Körper verursacht. Man arrangiert sich damit, denn der Körper bevorzugt die Bequemlichkeit einer automatisierten Gewohnheit gegenüber etwas Neuem. Die Suche nach Bequemlichkeit ist eine unserer wichtigsten Antriebskräfte. Du kannst schlechte Ochos tanzen und dich trotzdem wie eine Königin fühlen. Aber dann nimmst du Unterricht und lernst was du machen und nicht machen sollst. Du kommst zu einer Milonga, fängst an zu tanzen und gewohnheitsmäßig schaltet dein Körper in Automatik-Modus, nur dass dir jetzt bewusst ist, was du eigentlich alles gerne anders hättest. Eine bestehende Gewohnheit zu verändern ist wie eine langjährige Beziehung zu beenden: Du weißt, dass du dich nicht länger wohl fühlst, aber trotzdem leidest du fürchterlich.

Als erstes leidest du wegen deines Körpers. Du hast durch den Verstand gelernt, dich nicht mehr auf eine Gewohnheit zu verlassen, auf die sich dein Körper immer verlassen hat – daraus entsteht ein innerer Konflikt. Zweitens geht es um dein Ego. Es hat ein großes Problem mit dem Gefühl, dass „nichts mehr funktioniert“, vor allem mit so vielen Leuten um dich herum und eine(r) von ihnen in deinen Armen. Du fühlst alles Mögliche, von Scham bis hin zu Ärger. Du fühlst dich wie ein kaputtes Instrument, wie eine kaputte Puppe.

Wie du mit diesen Gefühlen umgehst, entscheidet darüber, was als nächstes passiert.

Wenn du in dieser Frustration stecken bleibst und anfängst dich mit deinem „Problem“ zu identifizieren, rückt die Phase der bewussten Kompetenz in weite Ferne. Sobald du anfängst dich als „die Frau, die keine richtigen Ochos tanzen kannst“ zu sehen, wirst du, …, nun ja, genau zu dieser Frau. Je länger du dich darauf konzentrierst, was „falsch“ ist, desto langsamer wird die Veränderung sein. Wenn du aber diese Frustration als wichtigen und positiven Schritt siehst, wenn du diese Gefühle nicht ablehnst, sondern dich darüber freust, dass du dein „Problem“ verstanden hast, wird dir die Lösung viel leichter fallen. Streng dich an, aber bestrafe dich nicht. An Stelle von: „Wusste ich’s doch, wieder alles falsch“ besser: „Hah, ich hab’s wieder auf die alte Art gemacht – interessant. Jetzt will ich’s mal anders versuchen.“ Um deinen Körper effektiv zu trainieren, musst du deinen Geist effektiv trainieren.

Du musst verstehen, dass Frustration ein Zeichen ist, dass du dich auf dem RICHTIGEN WEG befindest. Und es gibt sogar noch weitere gute Nachrichten. Wenn du weiterhin BEWUSST BEOBACHTEST was du tust, werden deine schlechten Gewohnheiten sich alleine durch diese Beobachtung allmählich verändern. Ich weiß nicht, warum und wie das funktioniert, aber ich weiß, dass es funktioniert – so groß ist die Macht des menschlichen Bewusstseins. Die Phase der bewussten Kompetenz erfordert dieses ständige Bewusstsein dessen, was du tust. Sie erfordert auch geistige und körperliche Anstrengung, aber vor allem erfordert sie Hingabe und Durchaltevermögen. In dieser Phase wird Tango anspruchsvoll. Es geht um ausgehen, Spaß haben, Kontakte knüpfen, sich schön anziehen, flirten, Freunde und neue Leute treffen, sich zur Schau stellen – nicht darum, ganz alleine in deinem Zimmer Geige zu üben. An dieser Stelle geben viele Leute auf, gerade dann, wenn es anfängt interessant zu werden.

Wenn du mit deinem Körper etwas Neues lernen möchtest und die neue Bewegung nicht lange genug übst, werden sich die entsprechenden neuronalen Verknüpfungen in deinem Gehirn nicht ausbilden. Selbst wenn etwas im Unterricht geklappt hat und dein Körper bereits weiß, wie er es mit einer bewussten Anstrengung machen muss – in dem Moment, indem du zulässt, dass du wieder in dein altes Bewegungsmuster zurückfällst, verstärkst du die bereits bestehenden neuronalen Verknüpfungen und die alte Gewohnheit. Deshalb nehmen z.B. professionelle Ballettänzer/innen jeden Morgen vor Proben und Vorstellungen Unterricht: Damit ein Lehrer ihnen helfen kann, das was sie tun, zu korrigieren. Im Tango erreichen viele das Stadium des „Ich weiß, was ich falsch mache“, aber nur wenige erreichen das Stadium des „Ich mache es jetzt richtig“. Sie pendeln entweder zwischen Frustration und unbewusster Bewegung hin und her oder hören lieber ganz auf zu lernen, weil es zu anstrengend ist. Du kannst trotzdem beim Tango viel Spaß haben, selbst wenn du noch nie einen korrekten Ocho in deinem ganzen Leben getanzt hat, du musst lediglich Partner finden. Du kannst dir selbst und allen anderen jederzeit sagen: „So tanze ich halt meine Ochos“ – und fertig. Erstaunlich wenige Leute entscheiden sich jedoch dafür, ihre Fähigkeiten zu verbessern.

Müssen wir wirklich leiden, wenn wir lernen? Nein! Kleine Kinder lernen vieles, ohne zu leiden und sich selbst Vorwürfe zu machen – einfach indem sie neugierig und offen bleiben. Wir müssten eigentlich nicht leiden, wenn wir lernen, so wie wir nicht leiden müssten, wenn wir leben – und dennoch tun wir es alle. Unser Leiden kann Veränderung bewirken und wenn du es so siehst, wirst du schließlich die Phase der „unbewussten Kompetenz“ genießen. Und du wirst erkennen, dass alles DEN HOHEN PREIS WERT WAR.

 

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  1. TangoMax (Vienna)

    Der Kommentar richtet sich mehr an die Beginner!
    *** Wir brauchen nicht leiden um zu lernen! ***
    Ja die 4 „Lern-Phasen“ durchlaufen wir alle!
    Wenn er oder sie glaubt man lernt nur durch „sich anstrengen“ ist das meiner Meinung ein „SADO-MASO-WEG“ der letztendlich nur Verspannung, Verkrampfung, Verhärtung, Verletztung und Frust erzeugt!
    Was wir wirklich benötigen, ist Totale Entspannung & Totale Aufmerksamkeit zur selben Zeit. Innere Ruhe und Balance. Die Verbindung zu sich selbst und den Tanzpartner und der Musik (später auch zu den anderen Tänzern im Raum). Dadurch können wir entdecken, erspüren und uns ausreichend Zeit zum Erlernen von Bewegungsabläufen gönnen.
    Die „Lehrenden“ sollten den Schülern tipps geben, wie sie noch entspannter ihre Bewegungen gestalten können. Freude am Üben und gegenseitige Kontrolle mit freundlichen Feedback finde ich bringt am meisten.
    Wie schnell kann man den Tango erlernen?
    Ich sage dazu immer wieder: „Betrachte das Tangotanzenlernen wie einen Wachstumsprozess einer Pflanze!
    Wenn du die Planze in die Sonne stellst und die regelmäsig gießt und gelegentlich düngst wird sie wachsen und gedeien. Wenn du versuchst durch Ziehen am Halm oder durch übermäßiges Gießen oder Düngen das Wachstum künstlich zu beschleunigen, wird das sehr bald der Pflanze mehr schaden als gut tun. Was bedeutet das? Jeder Mensch hat seine eigene Geschwindigkeit im Wachsen, diese sollte von jeden selbst erkannt und respektiert werden. Wachstum soll uns allen Freude bereiten und Energie bringen! Not Stress! 😉

  2. Das finde ich sehr treffend beschrieben! Vielen Dank für die präzisen Worte. Ich unterrichte selber und bin immer ein bisschen enttäuscht, wenn Menschen an dieser bewussten Schwelle abspringen. Ich kann gut damit umgehen, wenn Menschen es schwer haben, nicht so beweglich sind, lange brauchen. Aber wenn die Neugierde fehlt, die Bereitschaft genau hinzuschauen und wie beschrieben durch den Frust durchzugehen, dann bin ich als Lehrerin natürlich machtlos.

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