Jochen Lüders

Englisch & Sport am Gymnasium / Tango & Tanzfeste

Eigenverantwortliche Lernresistenz

Enpaed ist eine feine Sache: Man hilft sich gegenseitig, bekommt viele Anregungen und der Ton ist (meistens) angenehm zivilisiert. Alle machen freiwillig mit, keiner wird gezwungen, also ideale Voraussetzungen um ohne Zwang und „instruktivistische Wissensvermittlung“ zu lernen.

Was kann man bei Enpaed lernen? Zum Beispiel, dass es ziemlich lästig ist, wenn man an alle rund 1.000 Mitglieder eine Mail schickt, die nur für EINEN EINZIGEN Empfänger relevant ist. Oder dass es nützlich ist, wenn man den Teil der Mail, auf den sich der eigene Kommentar bezieht ZITIERT und dass erst das Zitat und dann die eigene Antwort kommen sollte, weil man sonst den Kommentar nicht versteht. Oder dass man für ein neues Thema einen neuen Betreff wählen sollte. Oder … – Eigentlich könnte man schon eine Menge lernen.

All diese Themen kommen in schöner Regelmäßigkeit wieder, erst vor kurzem hatten wir mal wieder das Thema „Schreib bitte eine PRIVATE Mail und nicht an die Liste, wenn dein Beitrag nur für eine Person von Interesse ist.“ Ein geduldiger Zeitgenosse schreibt einen ausführlichen Beitrag in der Liste und schickt vielleicht sogar noch zusätzlich private Mails an einzelne, damit die Lernenden „unter Rückgriff auf authentische Materialien ihre Lernaktivitäten in völliger Eigenverantwortung gestalten“ können.

Ändern tut sich jedoch – NICHTS. Die „selbständige Wissensaneignung“ gelingt nicht, obwohl diverse „facilitators“ ihr Möglichstes tun um ein „multi-directional information-processing intake“ zu bieten. Böser Wille und Leistungsverweigerung? Nein, warum auch? Unfähigkeit? Unwahrscheinlich, angesichts so klarer Anleitungen. Könnte die ganze konstruktivistische Theorie vom autonomen, eigenverantwortlichen, selbstgesteuertem Lernen einfach für die meisten Menschen, egal ob Schüler oder Erwachsene bzw. Lehrer falsch sein? Könnte es sein, oh heiliger St. Autonomus vergib mir, dass das mit der Freiwilligkeit meistens nicht so richtig funktioniert und dass ein bisschen konstruktiver Druck die Sache oft erheblich fördert?

Für mich persönlich lautet die Schlussfolgerung schon seit vielen Jahren: Ich verlange von Schülern nichts, was die meisten Lehrer selber nicht schaffen. Und wenn ich mich über die Lernresistenz von Schülern ärgere, denke ich an die Lernresistenz von einigen Kollegen und dann geht es mir gleich wieder besser.

PS. Eigentlich wollte ich diesen Beitrag „autonomes Lernen“ nennen, aber unter diesem Titel habe ich ja schon mal was geschrieben.

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  1. Sisyphos

    Entschuldigt liebe Kollegen,
    aber das ist alles viel kniebohriges (gibts das Wort, wenn nicht, dann jetzt) Lehrer-Bla-Bla. @Corinna : weißt du jetzt was ich meine ?
    Sind wir nicht autonome Denker genug, um uns unsre eigenen Gedanken zu machen ?
    Sind wir nicht autonome Denker zuviel, dass uns Teamwork schwer fällt. Es ist leicht über „Nullen von Kollegen“ herzuziehen. Lehrer können am besten lästern über … LEHRER. Jeder meint der schlaueste und genaueste und methodenvielfältigste und kultusministerium-newspeak-uptodateste (wow) zu sein. Landläufig sagt man : Einer schlauer als der andere. das nervt. in der schule. in den wie pilze sprießenden Blogs , wo auch immer. freue mich viele nicht-lehrer unter meinen bekannten und freunden zu haben. in der freizeit brauch ich das nicht auch noch.
    an jochen : respekt für deine heimseite. woher nimmst du eigentlich die zeit? bewundere das zutiefst.
    RL

  2. Corinna

    Auf andere Lernziele wie Höflichkeit und Rücksichtnahme verzichtest Du also, weil ein Großteil der Kollegen das auch nicht beherrscht?

  3. > Was verlangst du denn dann bitte überhaupt von deinen Schülern?

    Ich meine natürlich keine INHALTE sondern Methoden wie eben autonomes, selbstverantwortliches …

  4. infoman

    >Ich verlange von Schülern nichts, was die meisten Lehrer selber nicht schaffen.

    Das klingt für mich aber nach einer krassen Untergrenze. 😀 Ich meine, zum einen hat fast jeder Lehrer irgendwo eine Schwäche (Humanisten oft mit dem Internet, Techniker können kein Latin). Ausserdem gibts noch die absoluten Nullen, die seit Jahren die gleichen Folien nehmen oder sowieso nur aus dem Buch ablesen.

    Was verlangst du denn dann bitte überhaupt von deinen Schülern? Oder wie grenzt du da dein Meßlattenkriterium ein? =)

  5. rip

    >Ich verlange von Schülern nichts, was die meisten Lehrer selber nicht schaffen.

    Eine gute Devise. Das halte ich auch so. 🙂

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