In Bay­ern nen­nen wir nicht ange­kün­di­ge kur­ze Tests Steg­reif­auf­ga­ben. Vie­le Leu­te den­ken, dass man im Ste­hen nach etwas grei­fen soll und schrei­ben des­halb „Steh­greif­auf­ga­ben“. Ande­re fra­gen sich, wer oder was auf einem Steg rei­fen soll. Falls du schon immer mal wis­sen woll­test, woher die­ses merk­wür­di­ge Wort kommt:

Mit einem seim Fus er begrayff / die erd, der ann­der in steg­krayff / noch beli­be han­gen”: So heißt es im Wör­ter­buch des bewähr­ten Johann Chris­toph Ade­lung über das Miß­ge­schick des Rei­ters, der, mit einem Fuß schon auf dem Boden, mit dem ande­ren im Steig­bü­gel hän­gen bleibt: Steg­krayff eng­lisch stir­rup, alt­nor­disch Stig­reip bedeu­tet Steig­bü­gel. Der hat die Form eines hal­ben Rei­fens mit einem Steg, genannt Soh­le. Reif bedeu­tet ursprüng­lich Seil, Strick oder Band und bezeich­net eine ent­spre­chen­de Fuß­schlin­ge am Sat­tel. Reif ist mit dem nie­der­deut­schen­Reep, dem eng­li­schen rope und auch mit dem moder­nen Rei­fen ver­wandt, der ursprüng­lich ein ring­för­mi­ges Eisen­band um Fäs­ser und Räder bezeich­ne­te. Von Reep lei­tet sich übri­gens auch Ree­per­bahn ab, die Her­stel­lungs­stät­te für Sei­le.

Wenn man nun etwas aus dem Steg­reif macht, bedeu­tet es im direk­ten Sinn, dass man etwas tut, ohne auch nur vom Pferd abzu­stei­gen. So hiel­ten es die Kurie­re von Köni­gen und Fürs­ten, die die Bot­schaf­ten ihrer Herrn aus dem Sat­tel ver­la­sen und dann eilig wei­ter­rit­ten. Im über­tra­ge­nen Sinn han­delt, wer aus dem Steg­reif agiert, spon­tan, ohne lan­ges Nach­den­ken. So wie das Impro­vi­sa­ti­ons­thea­ter: Es führt Thea­ter­stü­cke aus dem Steg­reif auf, also ohne sie vor­her ein­stu­diert zu haben. Der Reiz besteht in der Spon­ta­nei­tät der Schau­spie­ler, auch Impro­grup­pen genannt. Die Steg­reif­ko­mö­die ist die Grund­la­ge des Impro­vi­sa­ti­ons­thea­ter, Schau­spie­ler, die aus dem Steg­reif spiel­ten oder spra­chen, gab es in Shake­speares Eng­land häu­fig. In der Com­me­dia dell’ Arte ent­wi­ckel­te sich die Impro­vi­sa­ti­on zu einer fes­ten Kunst­form. Auch die moder­nen Stand-up-Come­di­ans und die Kaba­rett­sze­ne agie­ren oft aus dem Steg­reif. Und in Kar­ne­vals­ver­ei­nen hat die Impro­vi­sa­ti­on bei bestimm­ten Anläs­sen einen hohen Stel­len­wert: Ein wit­zi­ger Gedan­ke, eine aus dem Steg­reif her­aus for­mu­lier­te Ant­wort, krönt einen vor­he­ri­gen Bei­trag.

Weni­ger lus­tig trie­ben es frü­her die Hecken­rit­ter, die sich „von dem Ste­ge­rei­fe nähr­ten”, will sagen vom Stra­ßen­raub. Und schlimm war es für Sol­da­ten, die man zur Stra­fe für ein Ver­ge­hen „durch die Steg­rei­fe jag­te” – sie muss­ten Spieß­ru­ten lau­fen. (Quel­le: SZ)