Jochen Lüders

Englisch & Sport am Gymnasium / Tango & Tanzfeste

Disziplin, Regeln und Strafen

Als Sportlehrer habe ich oft einen ganz anderen Blick auf alles was mit Disziplin, Regeln und Strafen zusammenhängt als die meisten anderen Kollegen. Um diesen Blick zu veranschaulichen nehme ich als Analogie den Fußball; nicht weil ich selber so großer Fußballfan wäre, sondern weil Fußball am bekanntesten und allgemein gesellschaftlich akzeptiert ist. Der Ausgangspunkt meiner Überlegungen ist der Vergleich eines Lehrers mit einem Schiedsrichter.

Alle Welt betrachtet es als ganz normal, dass kein Fussballspiel ohne Disziplin, Regeln und Strafen (bzw. „Sanktionen“, „Disziplinierungsmaßnahmen“ etc.) funktionieren würde. Kein Mensch hat ein Problem damit, dass es z.B. nach einem Foul im STRAFraum einen STRAFstoß gibt.  Nach einem Foul wird ein Spieler ermahnt, beim nächsten Fall bekommt er die gelbe Karte und nach einem rüden Tritt wird er mit einem Platzverweis beSTRAFt. Natürlich kann man endlos diskutieren, ob eine gelbe Karte oder ein Elfmeter berechtigt waren oder nicht, aber kein Mensch käme auf die Idee, das System als solches in Frage zu stellen und aus der Tatsache, dass Spieler trotz Strafandrohung immer wieder foulen den Schluss ziehen, dass Strafen grundsätzlich unwirksam seien.

In der Schule soll alles ganz anders sein. Warum eigentlich? Sind es nicht die gleichen Kinder, die morgens in der Schule und nachmittags im Fußballverein sind? Zum Fußball gehen sie freiwillig, in die Schule müssen sie gehen. Fußball interessiert sie, das Meiste, was ihnen in der Schule geboten wird, interessiert sie nicht. Dieselben Kinder, die bei einem Fußballspiel klaglos eine Zeitstrafe akzeptieren, sollen in der Schule durch eine läppische Strafaufgabe plötzlich traumatisiert werden?

Schon unsere verbalen Verrenkungen reflektieren unsere Unsicherheit und Verwirrung. Selbstverständlich gibt es keine STRAFaufgaben mehr, das sind jetzt alles ÜBUNGS- bzw. ZUSATZaufgaben. Kein Schüler muss mehr „zur Strafe“ nachmittags dableiben, er bekommt jetzt eine NACHarbeit. Ändert sich durch diese ganz Euphemismen irgendetwas für den Schüler? Natürlich nicht. Er durchschaut dieses ganze verkrampfte Wortgeklingel und empfindet die Nacharbeit weiterhin als Strafe und genauso ist sie ja eigentlich auch gedacht.

Warum wird um das Thema Strafen in der Schule so ein Riesengedöns gemacht? Das fängt schon mit der gebetsmühlenhaft wiederholten Behauptung an: „Strafen sind wirkungslos.“ Als Schiedsrichter (und natürlich auch z.B. als Verkehrsteilnehmer) kann man über so einen Quatsch nur schmunzeln. Natürlich wirkt die Androhung von Strafe nicht bei jedem, sonst hätten wir nicht so viele Raser und Fussballer würden spätestens nach der ersten gelben Karte mit ihrem rüden Spiel aufhören. Aber aus dieser Tatsache den Schluss zu ziehen, dass Strafen grundsätzlich verwerflich und unwirksam sind, ist m.E. kompletter Unsinn.

Natürlich würden wir alle gerne OHNE Strafen auskommen und wir probieren ja auch alles Mögliche bevor wir eine Strafe aussprechen. Aber gerade jüngere Kollegen glauben oft, dass sie pädagogisch versagt haben, wenn sie einen Hin- oder Verweis nach Hause schicken. Gelernt haben sie das von Leuten, die in ihrem ganzen Leben meistens noch nie vor lebenden, heftig pubertierenden Neuntklasslern gestanden sind und ihre schlauen Theorien auch niemals in der harten Praxis ausprobieren mussten bzw. müssen. Wieder hilft der Vergleich mit einem Fussball-Schiedsrichter: Hat der Schiedsrichter versagt, wenn er einen Spieler wegen eines Fouls verwarnt bzw. vom Platz stellt? Kein Mensch käme auf so einen Blödsinn. Auch ein guter Schiedsrichter redet erstmal mit einem Spieler, verwarnt ihn mündlich, versucht ihn zu beruhigen etc., aber wenn alles nichts hilft, muss er eben zu härteren Maßnahmen greifen.

Und eine gelbe oder rote Karte hat natürlich auch überhaupt nichts mit dem Spieler als Person zu tun. Ich reagiere als Schiedsrichter auf VERHALTEN, nicht auf Personen. In-die-Beine-grätschen ist nunmal nicht erlaubt, so wie ständiges Stören des Unterrichts nicht erlaubt ist. Die anderen Spieler haben ein Recht auf ein geordnetes und faires Spiel, die anderen Schüler haben ein Recht auf einen geordneten und effizienten Unterricht.

Hinzu kommt, dass Lehrer sich ja keinen Deut anders verhalten als Schüler. Man braucht sich lediglich mal eine durchschnittliche Lehrerkonferenz anzusehen und entdeckt genau dasselbe Verhalten, das Lehrer an ihren Schülern kritisieren. Nur die ganz eifrigen Kollegen in den ersten Reihen passen auf, je weiter hinten die Leute sitzen, umso mehr wird geschwätzt und Blödsinn gemacht. Viele Kollegen gehen „Fremdbeschäftigungen“ nach (Zeitung lesen, korrigieren, mit dem Handy rumfummeln …) und wissen deshalb z.B. bei Abstimmungen nie, worum es jetzt eigentlich geht. Machen die Kollegen das aus Böswilligkeit oder weil sie den Direktor nicht mögen? Natürlich (zumindest in den meisten Fällen) nicht, ihnen ist halt schlichtweg langweilig, das neueste Rundschreiben des Ministeriums interessiert sie einen feuchten Dreck und überhaupt wollen sie endlich nach Hause – ganz wie die Schüler.

Wieviel einfacher wäre vieles im Schulalltag, wenn wir die Schiedsrichter-Metapher öfter auf unser Tun übertragen würden. Die Aufgabe eines Schiedsrichters besteht darin, ein Spiel (regel)gerecht über die Bühne zu bringen, unsere Bühne ist das Klassenzimmer, unsere Aufgabe besteht darin, unseren Unterricht zu halten, wir haben (hoffentlich) ebenso klare Regeln (wenn nicht, sollten wir sie schnellstens einführen) und ebenso klare Konsequenzen. Wo liegt das Problem?

In meinem Handout Homework ist z.B. genau beschrieben, was passiert, wenn der Schüler mehrfach seine Hausaufgabe „vergisst“ (= nicht macht). So wie ich meine Schüler im Sportunterricht nach einem groben Foul verwarne, bekommen sie nach der dritten „vergessenen“ Hausaufgabe eine Warnung. Wenn der Schüler weiterhin foul spielt, bekommt er eine 5-Minuten-Strafe oder wird ggf. für den Rest des Spiels vom Platz gestellt; wenn er seine Hausaufgabe ein viertes Mal vergisst, muss er nachmittags dableiben (bzw. reinkommen) und etwas „nacharbeiten“. Das alles läuft ganz ruhig, ohne Geschrei und diese fürchterlichen Ich-Botschaften („Ach, ich bin ja sooo enttäuscht, dass du mein Vertrauen missbraucht hast und wieder gefoult / die Hausaufgabe vergessen / gespickt hast.“). Wenn ich bei einem Fussballspiel ein Foul nicht mitkriege, hat der Spieler halt Glück gehabt, wenn ich nicht mitkriege, dass er gespickt hat, ist es dasselbe. In beiden Fällen weiß er vorher ganz genau, was ihm droht, wenn ich ihn erwische.

Eine Zeitlang habe ich Fussball-Vereinsspiele gepfiffen. Als Neuling lernt man ganz schnell, wie wichtig es ist, sich möglichst frühzeitig Respekt zu verschaffen und Ruhe ins Spiel zu bringen, indem man bei der ersten sich bietenden Gelegenheit eine gelbe Karte zieht und den Spielern frühzeitig signalisiert, wo es langgeht. Ganz genauso verfahre ich, wenn ich in eine neue Klasse komme. Falls es ein Störenfried darauf anlegt mich zu „testen“, bekommt er die gelbe Karte in Form einer Straf-, Zusatzaufgabe bzw. beim Sport eine Zeitstrafe beim Spiel und der Rest der Klasse weiß, woran sie ist.

Nach meiner Erfahrung ist Disziplin in einer Klasse die Voraussetzung für alles andere. Nur wenn ich eine disziplinierte Klasse habe, kann ich freiere Unterrichtsformen wie Gruppenarbeit, szenisches Gestalten, Stationenlernen usw. ausprobieren. Jüngere Kollegen versuchen oft den umgekehrten Weg und hoffen durch Stationenlernen, Lernzirkel und Gott weiß was für aufwendige Methoden Disziplin herzustellen. Nach meiner Erfahrung funktioniert das nur in den seltensten Fällen.

Absurd finde ich auch die Vorstellung erstmal mühsam Regeln mit den Schülern „auszuhandeln“. Vor ein paar Jahren war das große Mode. In endlosen Diskussionen wurden elementare Regeln („Wir hören uns gegenseitig zu“) vereinbart, feierlich auf ein großes Poster gepinselt und durch Unterschriften von Lehrer und Schüler besiegelt. Wer sich nicht mehr an die Regeln halten wollte, strich seinen Namen einfach wieder durch. Man stelle sich das Ganze übertragen auf Fußball vor. Schiedsrichter und Spieler handeln vor dem Spiel aus, wann es einen Elfmeter gibt? Wenn sich einer nicht mehr an die Regeln halten möchte … – einfach grotesk.

So wie die Fußballregeln den Rahmen vorgeben, gibt es in der Schule gewisse Regeln, für deren Durchsetzung ich verantwortlich bin. Natürlich gibt es wie beim Fußball einen Ermessensspielraum, aber so wie es einen „klaren“ Elfmeter gibt, gibt es auch in der Schule ganz klare Regelverletzungen, die nicht hinnehmbar sind. Das wissen Schüler auch ganz genau, ich brauche es ihnen nicht x-mal in (angeblich) „pädagogisch wertvollen“ Gesprächen zu sagen.

Der häufigste Fehler in diesem Bereich, den vor allem Berufsanfänger immer wieder machen, ist, viel zu oft zu ermahnen. Ich ermahne normalerweise höchstens zweimal. Spätestens beim dritten Mal passiert irgendwas. Unter Umständen ermahne ich auch überhaupt nicht noch mal. Wir jonglieren z.B. mit Tennisbällen. Zu Beginn der Stunde weise ich eindringlich darauf hin, dass Tennisbälle unter keinen Umständen herumgeworfen bzw. -geschossen werden dürfen, weil sie einen Mitschüler am Kopf treffen könnten. Ich drohe explizit mit einem sofortigen Verweis, wenn ich jemand dabei erwische. Falls jemand unbedingt ausprobieren möchte, ob ich das auch wirklich so meine wie ich es sage, hat er halt Pech gehabt.

Der zweithäufigste Fehler ist Maßnahmen lediglich anzudrohen und sie im entscheidenden Fall nicht durchzuziehen.  Kaum ein anderes Verhalten bewirkt so einen rapiden Autoritätsverlust wie das folgenlose Drohen mit irgendwelchen Strafen, die entweder nie eintreffen oder die der Lehrer in der nächsten Stunde bereits wieder vergessen hat (z.B. wenn es um das Abgeben einer Zusatzaufgabe geht). Lächerlich kann man sich aber natürlich auch durch das Androhen von unerlaubten Maßnahmen machen: „Ihr kommt alle nächsten Freitag um 17.00 Uhr in die Schule und schreibt 100 mal den Satz …“

Und, ja, natürlich, gibt es wie im Fußball auch in der Schule Fehlentscheidungen. Wenn mir mein Linienrichter sagt, dass der Verteidiger nicht gefoult hat (sondern der Angreifer eine „Schwalbe“ hingelegt hat), dann gibt es halt keinen Elfmeter. Und wenn ich aus Versehen dem falschen Schüler eine Nacharbeit aufgebrummt habe, gehe ich so bald wie möglich zu ihm, entschuldige mich bei ihm und ziehe die Maßnahme zurück.

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  1. Markus

    Den etwas schroffen „Deppen“ würde ich als Ausdruck/ SuS-Beschreibung ersetzen. Da war ich etwas überrascht (vllt einen harten Arbeitstag gehabt;-) Ansonsten ein hilfreicher und interessanter Beitrag.

    Best,
    Dr.Bulli

    • Erledigt, ein „Depp“ ist er aber trotzdem. 😉

      [Ist im Bayerischen auch nicht so hart, wie das für Nordlichter vielleicht klingt.]

  2. Max

    http://goo.gl/alyQtC

    FAZ 26.2.2015
    „Störende Schüler
    Willst du im Raum bleiben?
    Jeder kennt diese Schüler: Sie rufen in den Unterricht hinein, lenken ihre Sitznachbarn ab oder sind respektlos gegenüber dem Lehrer. Was tun? Ein paar Tipps haben diese fünf Lehrer.“

  3. Daniel

    Hallo Jochen. Ich bin ebenfalls Lehrer aus Leidenschaft (ich hoffe, dass meine Wirken nicht zu viel „Leiden schafft“ unter meinen Schülern *zwinker*). Ich finde dein Blog sehr inspirierend und du hast einige interessante Ansätze. Hier muss dir aber leider widersprechen. Einen Schüler wegen des bloßen Werfen eines leichten Tennisballs einen Verweis zu geben verschafft dir zwar Respekt, aber langfristig belastend dass das Schüler-Lehrer Verhältnis. Eine kurze Frage noch: glaubst deine Schüler respektieren dich nur wegen deiner disziplinarischen Maßnahmen oder wegen deiner Persönlichkeit.
    Gruß
    Daniel

    • > aber langfristig belastend dass das Schüler-Lehrer Verhältnis.

      Nö, warum denn? Ich sage meinen Schülern, dass ich mein schlechtes Gedächtnis pflege und solche Vorfälle am liebsten möglichst schnell wieder vergesse. Im Normalfall sind die Fronten geklärt und das (Schul-)Leben geht weiter.

      > Eine kurze Frage noch: […]

      Ich hoffe doch mal wegen beidem. Und selbst wenn meine Persönlichkeit sie nicht so beeindruckt, ist mir meine GESUNDHEIT am allerwichtigsten. Aus zahlreichen Untersuchungen weiß man doch, dass Disziplinlosigkeit einer der Hauptgründe für gesundheitliche Probleme bzw. Burnout bei Lehrern ist. Es kostet doch unendlich viel Kraft einem undisziplinierten Schüler fünfmal zu sagen, dass er aufhören soll mit einem Tennisball rumzuwerfen und er es dann trotzdem weitermacht. Was machst DU denn in so einem Fall? Fängst du etwa zu bitten und zu betteln an? Versuchst du das Ganze so gut es geht zu ignorieren? Wenn Lukas mit dem Ball rumwerfen darf, warum denn dann die anderen nicht auch?

  4. Hallo Jochen, komme jetzt erst durch den Umweg über Christians Tweet auf deinen Artikel. Du sprichst mir aus dem Herzen. Wir haben zudem auch einen expliziten „Erziehungsauftrag“ und da gehören eben auch Regeln und Sozialverhalten explizit dazu. Meine langjährige Erfahrung hat auch gezeigt, dass die Schüler das durchaus anerkennen und nach einer etwas „härteren“ Anfangsphase das Zusammenarbeiten stressfreier und harmonischer funktioniert. Zweite Prämisse ist aber auch, dass der Unterricht bzw das Lernen für die Schüler interessant ist und sie fordert. Leider dauert es immer eine geraume Zeit, bis sich das alles eingespielt hat, zumal wenn nicht alle in der Klasse unterrichtenden Lehrer das gleiche Verständnis von Erziehung haben.
    Dein Vergleich mit dem Fußballspiel trifft den Nagel auf den Kopf! Danke!

    • Birgit

      Hallo …

      „zumal wenn nicht alle in der Klasse unterrichtenden Lehrer das gleiche Verständnis von Erziehung haben.“

      au ja … genau das kenne ich. Und das ist extrem anstrengend. Wenn alle Kollegen sagen: „Bir mir ist alles gut“ und man selber der einzige ist, der sich über das bekanntermaßen unruhige Verhalten der Klasse aufregt.

      Vielleicht mal ein Tipp oder eine Anregung … auf dem ZUM-Wiki gibt es eine Seite Disziplin (siehe: http://wiki.zum.de/Disziplin) in der einige Lehrer ihre Gedanken und Erfahrungen zum Thema zusammenfassen. Neue Ideen sind immer willkommen!

      Grüße, Birgit

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