Jochen Lüders

Englisch & Sport am Gymnasium / Tango & Tanzfeste

Am Anfang ist das Abitur

In einem früheren Beitrag habe ich schon mal erwähnt, dass ich bei einem neuen Oberstufenkurs immer mit einer aktuellen Abituraufgabe anfange. Vor kurzem hat mal jemand gefragt WAS ich beim schriftlichen Teil WIE und in welcher REIHENFOLGE mache. Hier eine Art Ablaufplan:

Questions on the text

Als erstes schauen wir uns die verschiedenen Bestandteile des Abiturs an. Für die Questions on the text gibt es die meisten Punkte (50 von 130), also wird das unser erster Schwerpunkt sein. Hausaufgabe (HA) ist, die Fragen stichwortartig („notes“) und vor allem mit Zeilennummern zu analysieren. Wir besprechen warum Belegen so wichtig ist und was es mit „wissenschaftlichem“ Arbeiten auf sich hat. Außerdem versuche ich herauszufinden, ob korrektes Belegen (nicht nur von wörtlichen Zitaten) den Schülern völlig neu ist oder ob sie das z.B. vom Deutschunterricht bereits kennen (leider meistens nicht).

Bevor wir in der nächsten Stunde die Fragen inhaltlich besprechen, diskutieren wir erstmal Fragen der Arbeitstechnik. Schlage ich gleich beim ersten Lesen unbekannte Wörter nach? Markiere ich Passagen farbig, wenn ja welche, wenn nein, warum besser nicht? Wenn ich einen Farben-Fan im Kurs habe, darf der natürlich gleich erklären, welches System er hat. Welche Vor- und Nachteile haben notes? Kann man Methoden auch kombinieren? usw. Als HA müssen sich die Schüler mein Handout Questions on the Text – Technique (doc) zu Gemüte führen.

Dann besprechen wir die Fragen und ich führe an passender Stelle einen Großteil meiner Questions on the Text (doc) Regeln ein. Regeln und Fehlercodes werden anschließend mit Questions on the Text – Mistakes (doc) geübt. Als nächstes erarbeiten wir gemeinsam eine Musterantwort, da geht es dann vor allem um Quoting vs. Paraphrasing. Abschließend erkläre ich anhand von Questions – Criteria for Points (doc) nach welchen Kriterien es Punkte für Inhalt und Sprache gibt. Als HA müssen weitere Fragen (auf der Basis unser gemeinsam erarbeiteten Notizen) ausformuliert und auf PC (1,5-zeilig) geschrieben werden. Diese Antworten sammele ich in der nächsten Stunde ein und bekomme schon mal einen guten Überblick, was die Schüler bislang gelernt haben. Damit sind die Questions erstmal abgeschlossen. Vor der ersten Klausur sollen sich die Schüler dann nochmal How to Lose Points and Influence Teachers, eine satirische Beschreibung von „25 time-tested methods of irritating your teacher and persuading him to deduct points“ zu Gemüte führen.

Da es häufig (vor allem beim literarischen Text) bei einer Frage um Stilmittel geht („Analyse the author’s use of language“), beschäftigen wir uns ganz zum Schluss noch mit Stylistic Devices (pdf) und dem dazugehörigen Worksheet (doc).

[Die nächsten Teile kann man gleich anschließend behandeln, man kann sie aber auch „ausgliedern“ und später behandeln, z.B. weil man erstmal „Stoff“ machen will. In diesem Fall bietet es sich an, dass man das bisher Gelernte anhand von Texten z.B. aus dem Buch anwendet und übt.]

Composition

Zunächst kläre ich erstmal wieder, welches Vorwissen (vor allem aus Deutsch) die Schüler bereits haben. Haben sie schon mal was z.B. vom Aufbau eines Absatzes gehört (vgl. „topic sentence“) oder muss ich wieder bei Adam und Eva anfangen (ist meistens der Fall). Mit Hilfe von Composition – Fehleranalyse (doc) erarbeiten wir anhand verschiedener Versionen, wie ein guter Aufsatz aussieht.

Danach nehmen wir uns der Reihe nach die einzelnen Bestandteile eines Aufsatzes vor. Los geht’s mit der Überschrift. Als HA müssen die Schüler für jedes Aufsatzthema mindestens drei gute Überschriften finden und auf einen extra Zettel schreiben. Diese Zettel sammele ich in der nächsten Stunde und stelle zuhause die besten Überschriften (zusammen mit meinen eigenen Ideen) auf einer Folie zusammen, die dann wiederum in der nächsten Stunde besprochen wird. Da man durch Variation von Sprichwörtern oft gute Überschriften erstellen kann, kann man sich bereits jetzt mit Proverbs (doc) beschäftigen.

Als nächstes ist die Einleitung dran. Die Schüler bekommen eines meiner Introduction Handouts und müssen die verschiedenen Einleitungen benoten und natürlich ihre Note begründen. Danach gebe ich MEINE Noten bekannt und begründe wieder. In der nächsten Stunde wiederholt sich das Ganze mit einem anderen Handout, allerdings mit dem Unterschied, dass die Schüler jetzt die Note geben sollen, von der sie denken, dass ICH sie geben würde. Die anschließende Besprechung zeigt mir dann, inwieweit es mir gelungen ist, meine Kriterien transparent zu machen. In der selben Art beschäftigen wir uns mit Haupt- und Schlußteil (runterscrollen zu „Main Part“ und „Conclusion“). Als Abschluss dieses Teils gibt es als HA Composition – Technique.

Weiter geht es mit den konkreten Themen des jeweiligen Abiturs. Als Partner- oder Gruppenarbeit bzw. als HA soll ein Thema stichwortartig vorgegliedert werden. In der nächsten Stunde sammeln wir die Ideen an der Tafel: Vorschläge für pfiffige Überschriften, wie könnte man ins Thema einsteigen, welche Argumente im Hauptteil und wie zum Ende kommen.

Bevor es ans Aufsatzschreiben geht, schiebe ich eine kleine Unterrichtseinheit zu Textverarbeitung ein, schließlich will ich kein handgeschmotzeltes Geschmier entziffern müssen, sondern einen ordentlich formatierten Text vor mir haben, den ich mühelos lesen kann.

Die Aufsätze korrigiere ich gleich von Anfang an nach meiner Revision Methode, also müssen die Schüler auch erstmal wieder lernen was das Ganze soll und wie es funktioniert. Als HA gibt es wieder das entsprechende Handout.

Cartoons

Da in den letzten Jahren sowohl im gk als auch im LK Abitur sehr häufig ein Cartoon interpretiert bzw. kommentiert werden musste, geht es damit weiter. Alles Weitere steht in meinem gleichnamigen Beitrag. Danach erarbeiten wir, inwiefern sich die Cartoon Aufgaben im Abitur von einer normalen Interpretation unterscheiden.

Mediation

Wieder sollen die Schüler in Stichworten und Zeilennummern notieren, wo sich welche relevanten Informationen überhaupt im Text befinden. Wir besprechen die verschiedenen Aspekte, die es zu berücksichtigen gilt: Braucht man eine Einleitung / einen Schluss? Hat die kontextuelle Einbettung Auswirkungen auf das Register? Wie könnten die topic sentences für die einzelnen Absätze lauten? etc. Als HA schreiben die Schüler ihre Mediation nach meinen Vorgaben, die wir dann gemeinsam besprechen.

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makeITfair

  1. Juliane

    Hallo Jochen,

    deine „how to annoy your teacher“ Zusammenfassung hat mir gerade eine sehr nette und lustige Zweitkorrekturen-Pause beschert. So wahr … ich habe Tränen gelacht !! Viele Grüße aus Ba-Wü,

    Juliane

  2. Tilo

    Hallo Jochen,
    ich möchte mich meinen Vorrednern anschließen und mich ganz herzlich bei Dir für Deine großartige und systematische Arbeit bedanken. Deine Ideen und Materialien werden mir und meinen Schülern den Weg durch die Kursstufe sicherlich erleichtern.

    Tilo

  3. > Wieviele Unterrichtsstunden veranschlagst du insgesamt für die Besprechung der Abituraufgabe?

    Nur für die ‚Questions‘ (wie oben beschrieben) ca. 6 Stunden (à 45 Min.).

  4. Chrissi

    Bin deinem Beispiel im Großen und Ganzen gefolgt. Wieviele Unterrichtsstunden veranschlagst du insgesamt für die Besprechung der Abituraufgabe?
    P.S. Viiiiiiiiiieeeeeeeeeeeeeelen Dank für deine tollen Materialien. Retten mir oft den sowieso schon kurzen Feierabend!

  5. rip

    Auch von mir nochmal vielen Dank; die 15 Punkte unterstütze ich 🙂
    Die von dir sinnvoll verknüpften Verweise zu deinen Handouts fand ich hier besonders praktisch.

  6. > Deine Seite ist […] volle 15 Punkte!

    Vielen Dank für das Lob, freut mich sehr.

    > “wann fängt denn dann der eigentliche Unterricht an?”

    Man kann all diese Arbeitstechniken natürlich auch anhand irgendwelcher Texte z.B. im Lehrbuch einführen bzw. wiederholen. Wenn einem der ganze Block zu lange dauert, kann man ja auch einzelne Bestandteile (wie z.B. die Übersetung oder die Stilmittel) ausgliedern und erst später behandeln – kein Problem.

  7. Peter Ehlers

    Hallo Jochen!

    Zunächst einmal möchte ich Dir ganz herzlich für Deine hervorragenden Beiträge und Ideen danken. Deine Seite ist m.E. die beste Seite für den Englisch-Unterricht im Netz und vor allen Dingen ist sie, ganz im Stile der Angelsachsen, so wunderbar anwendungsbezogen. Von mir bekommst Du dafür volle 15 Punkte!

    Zu Deinem obenstehenden Beitrag: Vielleicht mag der ein oder andere fragen „wann fängt denn dann der eigentliche Unterricht an?“ Ich denke jedoch, dass es sehr wohl Sinn macht, die Schüler gleich am Anfang darauf einzustimmen, was von ihnen in der Kollegstufe erwartet wird und ihnen die nötigen Arbeitstechniken (falls noch nicht vorhanden) beizubringen. Somit haben sie für die nächsten zwei Jahre ihr Rüstzeug zusammen.
    Da ich morgen meine ersten beiden Grundkursstunden habe, danke ich Dir besonders für diesen Artikel und hoffe, dass auch meine Schützlinge von Deinen Überlegungen profitieren.

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