Jochen Lüders

Englisch & Sport am Gymnasium / Tango DJ & Tanzfeste

Das Verschwinden des Lehrers

„Du darfst direkt unterrichten, auch die ganze Klasse auf einmal. Du brauchst dich nicht dafür zu schämen, dass du Schüler belehren willst. Die Schule ist ja erfunden worden, damit man nicht jedes Kind einzeln unterrichten muss.“ (Jochen Grell)

Vor kurzem habe ich einen Bericht über eine Untersuchung gelesen, in der Lehrer (die ~Innen bitte für den Rest des Artikels dazudenken!) nach den Gründen für ihre Berufswahl gefragt wurden. Über zwei Drittel gaben an, dass ihre Entscheidung u.a. sehr stark von ihren eigenen Lehrern beeinflusst worden war. Ihre Lehrer hatten es verstanden, Interesse für das Fach und fürs Unterrichten zu wecken.

Ich frage mich, welche Ergebnisse herauskommen, wenn man dieselbe Frage in 10-15 Jahren an die dann unterrichtenden Lehrer stellt. Wird der prägende Einfluss der eigenen (bzw. des eigenen) Lehrer(s) immer noch so stark sein? Ich bezweifle das, denn das erklärte Ziel der „modernen“ Didaktik ist es ja, den Lehrer weitgehend überflüssig zu machen. Das Ziel vieler junger Kollegen scheint es zu sein, so wenig wie möglich in Erscheinung zu treten und sich als Lehrer selbst abzuschaffen.

Statt zu „lehren“ soll man nur noch ein „Guide on the Side“ sein, statt herkömmlich zu „unterrichten“ soll man „Lernprozesse initiieren und moderieren“. Gelernt wird „kooperativ“ in (Klein-)Gruppen bzw. es lehren (LDL) gleich die Schüler.

Wenn man den Vertretern der „konstruktivistischen Didaktik“ glaubt, kann man ja eh niemandem etwas im herkömmlichen Sinne „beibringen“, denn der „Wissenserwerb verläuft individuell unvorhersehbar entlang eines unabgeschlossenen Kontinuums von Stadien des Interimswissens.“ Eigentlich erstaunlich, dass die Menschen jahrtausendelang durchaus erfolgreich gelehrt und gelernt haben …

Lehrervortrag ist natürlich völlig out und selbst das „entwickelnde Unterrichtsgespräch“ gilt inzwischen bei modernen Didaktikern als höchst suspekt. Ein Referendar schrieb mir auf eine entsprechende Frage meinerseits, er dürfe in seiner Lehrprobe maximal 10 Minuten Unterrichtsgespräch einplanen (weniger sei besser), spätens dann müsse wieder ein „schüleraktivierender“ Methodenwechsel kommen.

Der Grobverlauf seiner Lehrprobe (es ging um die Bearbeitung eines Gedichts) sah folgendermaßen aus: 5 Min: Motivierender Einstieg ins Thema, 25 Min: Schüler Lernende erarbeiten „arbeitsteilig, autonom und kooperativ“ in Gruppen verschiedene Aspekte des Gedichts, 10 Min: Gruppen  „präsentieren“ ihre Ergebnisse, 5 Min: Abschließendes Gespräch.

Für diese Stunde bekam er eine gute Note, denn er habe die Stunde nicht „dominiert“ sondern lediglich die Schüler „beraten“ und „begleitet“, stattdessen hätten die Schüler „aktiv“ gearbeitet. Dass bei dieser „Arbeit“ kaum etwas Vernünftiges herauskam, dass die „Präsentationen“ (wie so oft) jämmerlich waren und dass es eine insgesamt tödlich langweilige Stunde war, war nicht so wichtig.

Was für ein groteskes Selbstbild wird hier angehenden Lehrern beigebracht? Ich bin als Lehrer umso besser, je weniger ich in Erscheinung trete? Natürlich ist es positiv, wenn die Lehrersprechzeit reduziert und die Schülersprechzeit erhöht wird. Aber wenn das ultimative Ziel darin besteht, dass der Lehrer irgendwann gar nichts mehr sagt, dann hat man das Kind mit dem Bade ausgeschüttet und es kommt nur noch Quatsch dabei heraus.

Eine (meistens unausgesprochene) Grundannahme vieler „moderner“ Unterrichtsmethoden scheint zu sein, dass der meiste Stoff „intrinsisch“ interessant und dass es automatisch motivierend sei mit anderen Leuten zusammenzuarbeiten. Welch ein grotesker Unsinn! Nehmen wir o.a. Gedicht-Stunde: Wieviele 15-jährige wissen etwas über und interessieren sich für Lyrik? Und was passiert, wenn ich vier ahnungslose und desinteressierte 15-jährige in eine Gruppe stecke und sie ein Gedicht bearbeiten lasse? Fangen sie plötzlich an motiviert und „kompetent“ miteinander zu „kommunizieren“? Oder verstärkt bzw. potenziert sich ihre Ahnungslosigkeit und ihr Desinteresse nicht eher? Natürlich haben sie längst erkannt, dass man so tun muss als ob, wenn der Lehrer in der Nähe ist, um sich gleich danach wieder interessanteren Dingen zu widmen. Die „Präsentationen“ der anderen Gruppen sind ja meistens derart konfus und unverständlich, dass man eh nicht aufpassen muss.

Ich halte das Verschwinden des Lehrers für verhängnisvoll. Unsere Arbeitsbedingungen werden immer schwieriger, wir sollen immer mehr Schüler in großen Klassen zum Abitur bringen, obwohl ihre Voraussetzungen immer schlechter werden. Wir sollen sie z.B. für Literatur, Shakespeare und Lyrik begeistern, obwohl nur noch wenige überhaupt regelmäßig Bücher lesen. Das kann nur gelingen, wenn ich es als Lehrer aufgrund meiner Persönlichkeit, meines Wissens, meines didaktisch-methodischen Könnes und (hoffentlich) meiner eigenen Begeisterung schaffe Interesse bei den Schülern zu wecken und sie bei der Entdeckung des „Stoffes“ anzuleiten.

Ist es nicht merkwürdig, dass ausschließlich in der Schule herkömmliches Lehren verdammt wird, während in anderen gesellschaftlichen Bereichen Lehrer bewundert, oft geradezu vergöttert werden. Nehmen wir den Fußball als Beispiel. Was für ein Gedöns wird um vermeintlich „große“ Fußballlehrer gemacht. Kein längeres Interview ohne ausuferende Auslassungen darüber, wie prägend Trainer XY für die eigene Karriere war, wie hart er einen gefordert und gleichzeitig verständnisvoll gefördert habe. Stets habe er eine natürliche Autorität gehabt, habe seine Anforderungen unmissverständlich klar gemacht, habe das Training effizient geleitet und alle hätten (zumindest die meiste Zeit) Spaß gehabt.

Kein Mensch kommt auf die Idee von einem Trainer zu erwarten, er möge doch bitte in Zukunft weniger „dominieren“ und stattdessen „Lernprozesse initiieren“ und „begleiten“. Wie wäre es, wenn der Trainer das Training einem Spieler überlassen würde? Vielleicht würde der ja dabei etwas lernen, nur was ist mit den anderen Spielern? Fänden sie das Training genauso gut? Wie wäre es, wenn der Trainer Gruppen bilden würde und entsprechende Aufgaben verteilen würde: Findet drei Übungsformen um die Genauigkeit von Flanken zu verbessern. Wie kann man das Zusammenspiel von Verteidigern und Mittelfeldspielern bei einer Viererkette verbessern? usw.

Bei Schul-Lehrern soll all das gut sein, was bei Fußball-Lehrern einfach nur lächerlich ist? Wenn wir den kommerziellen Aspekt mal vernachlässigen, gibt es m.E. viele Ähnlichkeiten zwischen (Sprachen-)Lehrern und Trainer. Durch guten Unterricht / gutes Training sollen die Schüler / Spieler befähigt werden etwas selber zu tun. Das kann nur gelingen, wenn sie gezielt, ökonomisch und wiederholt etwas üben. Unterricht / Training ist nur dann „zielführend“, wenn der Lehrer / Trainer ganz klar die Zügel in der Hand hält, ein in sich schlüssiges Konzept hat, Rücksicht auf die verschiedenen Könnensstufen nimmt und Verantwortung für den Lernerfolg übernimmt.

In diesem Sinne, liebe jüngere Kollegen: Seht euch als Trainer eurer Schüler. Ein guter Trainer probiert auch immer mal wieder etwas Neues aus und erweitert sein methodisches Repertoire. Genau dasselbe solltet ihr mit neuen Methoden machen. Aber bei allen Innovationen:  Traut euch ein LEHRER zu sein, der seinen Schülern etwas beibringt und länger als sieben Minuten fragend-entwickelnd mit ihnen spricht. Dann werden sie später auch mal von eurer tollen Lehrerpersönlichkeit schwärmen und ihrerseits wieder gerne Lehrer werden.

Ein ausgezeichnetes Buch, das die „Rückkehr der Pädagogik in die Schule“ fordert, ist „Auf die Lehrer kommt es an!“ von Michael Felten.

Anspielung im Titel nicht erkannt? Guckst du hier.

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  1. Markus

    Um im Bild des Fußballballtrainers zu bleiben: Der Autor des Artikels fordert, dass Fußballballtrainer den Löwenanteil des Trainings damit verbringen, den Spielern seine aufregenden Tricks zu zeigen, eingebettet in die ein oder andere nette Anekdote aus seiner eigenen Spielerzeit.
    Die Spieler schauen interessiert zu, nicken, schreiben mit und dürfen am Ende auch mal ein bisschen was probieren.
    Denn: Wichtig ist nicht, was der Spieler selbst tut, sondern was der Trainer tut!

  2. Genau heute hatte ich Staatsexamen. Ich war von der Notengebung sehr überrascht und konnte auch die Begründung nicht verstehen. Wo ist der Zusammenhang?
    Für mich geht es bei einer Abfrage darum, was hängen geblieben ist; wie wird mit dem Stoff im Transfer gearbeitet und gerade nicht die Abfrage von 4 spezifischen Namen, Begriffen oder Strukturen. Leider ist es oftmals so, dass bestimmte Punkte fallen müssen auch wenn ein anderer Weg „wissenschaftlich“ begründet werden kann. Das wird leider nicht honoriert… naja… viell. war es ja auch nur eine Ausnahme.

    Ich finde den Artikel sehr gut und hat aus meiner Sicht – auch an der Uni, der höchsten Ausbildungsstätte der BRD – Gültigkeit.

    Danke für Gedankengänge und neuen, kritischen und weiterdenkenden Input.

  3. ulli

    hi…,
    das ist lustig.
    ich hab mich für das lehramt entschieden aus totalem spaß an kindern. Zunächst hatte ich bedenken, wegen der erfahrungen, die ich als schüler mit lehrern gemacht hatte.
    irgendwann war der mut und die hoffnung stark genug, dass es wege gibt, es besser zu machen. und dann bin ich durchgestartet…ich denke, es ist geglückt, mein vorhaben.
    …..und es macht mir immer noch einen affenspaß, nicht jeden tag, aber fast jeden.

    ulli

    • eigensinn

      Also liebe Kollegen – das ist alles hochinteressant, aber ich finde, dass die Diskussion zu ideologisch geführt wird. Persönlich denke ich, dass es – völlig unabhängig von der Methode- wichtig ist, sozusagen handwerklich sauber zu arbeiten. Das bedeutet z. B. , dass Arbeitsaufträge für eine Gruppenarbeit klar formuliert sind, dass den Schülern die Qualitätskriterien klar sind, dass die Schüler genug und geignetes Material zur Erarbeitung haben, dass die Gruppenzusammensetzung (->Stärkere/ Schwächere) passt, dass die Zeit richtig bemessen ist, dass die Aufgabenstellung sinnvoll ist … . Das ist nur ein, wahrscheinlich noch lange nicht vollständiges Beispiel zu einer Methode. Ich finde man kann viel richtig und viel falsch machen, man merkt es selber und man sollte es reflektieren und dann wieder einen neuen Anlauf machen. Und ich glaube, dass diese handwerklichen Kriterien zusammen mit der Persönlichkeit und Haltung des Lehrers den Schülern und !jawohl! auch den Inhalten gegenüber ausschlaggebend sind. Desweiteren denke ich dass zu verschiedenen Lehrerpersönlichkeiten verschiedene Methoden passen – und da spüren die Schüler auch, ob etwas stimmig ist, oder nicht. Aber, um auf den Anfang meiner Ausführungen zurückzukommen, ich denke, dass es wirklich darauf ankommt, jegliche Methode handwerklich so solide wie möglich vorzubereiten und durchzuführen.

  4. Jochen, in Deinem Kommentar schreibst Du:

    Und Schülern etwas beibringen schließt ja nicht aus, dass sie zwischendurch selbständig arbeiten.

    Das ist meines Erachtens der Knackpunkt der ganzen Diskussion (den auch schon einige hier angedeutet haben). Es kommt meiner Ansicht nach auf den Wechsel der Haltungen an.

    Ich halte es sehr wohl für richtig, dass ich Lernprozesse initiiere und sie begleite (der Trainer macht nichts anderes: er baut eine Übungsform auf, zeigt, wie die Übung funktioniert, aber das eigentliche Lernen der Bewegungen und Abläufe machen ja die Spieler – der Trainer begleitet sie dabei – er kann ihnen die Bewegung nicht beibringen, wenn sie diese nicht selbst lernen wollen und sich entsprechend auf die Übung einlassen und sich anstrengen).

    Wenn ich aber richtig initiieren möchte, müssen einige Prämissen erfüllt sein: es muss meist zunächst ein Input da sein, an dem oder mit dem gearbeitet oder gelernt werden kann. Entweder ein Text oder eine grundlegende Information oder eine Handlungsanleitung. Anschließend kann und soll dann eigenständig gearbeitet, gelernt, angewandt, übertragen, kritisiert werden. Natürlich muss ich darauf achten, dass das auch gemacht wird – wenn es keine Motivation dafür gibt, dann muss ich entweder akzeptieren, dass nicht gelernt wird oder ich muss enger führen, so dass es extrinsische „Anreize“ für das Arbeiten gibt.

    Ich habe die Erfahrung gemacht, dass motivierende Aufgaben aber durchaus dazu führen, dass Schüler sich die Aufgabe zu eigen machen und sie erledigen WOLLEN. In Naturwissenschaft und Technik kommt das regelmäßig vor – dort sind die Aufgaben aber große Projekte von mehreren Wochen Dauer. In Englisch habe ich hierzu noch keine Erfahrungen.

    Was das Konstruieren von Wissen angeht: das sehe ich so, dass Du das Wissen nicht in die Köpfe füllen kannst, wenn die Schüler es nicht haben wollen. Natürlich kann ein Lehrervortrag motivierend und lehrreich sein, wenn der Lehrer eine entsprechende Begeisterung vermittelt und eine Persönlichkeit ist, von der ich als Schüler gerne etwas lerne. Aber dann ist eben mein Kopf auf „Konstruktion“ gepolt – ich nehme das Gehörte auf und baue es in mein eigenes Wissen ein. Noch so viele Übungen nach einem Vortrag bringen nichts, wenn der Schüler nicht bereit ist, den Stoff anzunehmen und ihn sich „einzubauen“. Denn dann wird er alle Übungen mechanisch erledigen. Bei einfach strukturierten Inhalten (z.B. -s Anhängen in der 3 Person in Englisch) kann die x-fache Wiederholung ohne Hirn sicherlich auch zum Behalten führen. Sobald das Wissen aber komplexer sein soll, funktioniert es meines Erachtens nur durch das „Sich-Einbauen“, Konstruieren.

    Viele der „modernen“ Ansätze, die Du kritisierst, scheitern nach meiner Erfahrung an einem anderen Punkt: der Lehrer ist mit Ergebnissen zufrieden, die (nocht) nichts taugen. Wie Du sagst, sind viele solcher Präsentationen jämmerlich. Das heißt aber nicht unbedingt, dass die Herangehensweise nichts taugt, sondern dass man klare Qualitätskriterien formulieren und diese anschließend auch einfordern muss. Das dauert natürlich dann länger als eine Schaustunde.

  5. Marcus

    Das sagt mir meine Erinnerung genauso – „prägend“ waren die Lehrer, die Menschen, wenn Sie sich gezeigt haben. Nicht der Stoff, geschweige denn die Methoden. Die erinnere ich praktisch überhaupt nicht. Und, Thomas, also mir ham schon was anders ghabt damals, find ich.

  6. Schaumburg

    Du beklagst die Zuwendung des Lehrers an die Schüler, durch welche letztere geprägt werden und am Ende vielleicht sogar selber Lehrer werden wollen.

    Als „Lösung“ plädierst Du für klassische Unterrichtsformen, bei denen der Lehrer fragend-entwickelnd oder Ergebnisse-präsentierend der Klasse ein Thema (ES) darstellt.

    Ich möchte zentral geführten Phasen ihren Orientierung-gebenden Sinn in keinster Weise absprechen. Als intensive Erfahrung zwischen Schüler und der Begeisterung des Lehrers können sie aber nicht dienen.

    Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich durch die Öffnung der Settings im „Unterricht“ viel mehr Möglichkeiten habe, auf die individuellen Fragen und Schwerpunkte der Schülerinnen und Schüler einzugehen (sei es in einer Gruppenarbeit oder in LdL-Phasen).
    Ohne es evaluiert zu haben glaube ich, dass ich damit viel persönlicher und „prägender“ auf die Lernprozesse wirken kann als durch einen generalisierenden Vortrag vor der Tafel.

    • Ich kenne Gegenbeispiele, Schaumburg, also wird das wohl nicht unbedingt so sein: prägend waren in meiner Schulzeit für mich die Geschichten und Anekdoten des Lehrers, durchaus in klar erkennbarer Redner-Zuhörer-Beziehung (um das Wort frontal zu vermeiden). Zugegeben: mir ham ja nix anderes gehabt damals.

    • Ich stimme Euch beiden zu – ich habe schon beide Situationen erlebt: Momente, in denen ich mich an alle wende und das Gefühl habe, hier jetzt gerade etwas bewegt zu haben und ähnliche Momente im Einzelgespräch.

      ABER: im ersten Fall weiß ich noch weniger als im zweiten, ob ich nicht einer Illusion aufsitze und die Schüler lediglich interessiert gucken. Möglicherweise nehmen hier auch nur 1-2 was mit.

  7. „und dabei gesehen, dass sie hinten und vorne eingreifen und steuern“
    – So soll es auch sein. Das ist genau die Arbeit des Lehrers als coach. Ist es denn so schwer zu verstehen?

  8. Es gibt guten und schlechten Frontalunterricht – er ist noch lange nicht am Ende.
    Ich empfehle jungen Kollegen nur eines: Abwechslung, Methodenvielfalt.

    Eigenverantwortliches Lernen funktioniert nicht einmal an den Universitäten bzw. in den Betrieben. Ich habe mit akademischen Befürwortern (moderater) konstruktivistischer Lernszenarien zusammengearbeitet und dabei gesehen, dass sie hinten und vorne eingreifen und steuern, sich selbst belügen und einer interessierten Öffentlichkeit vorgaukeln, dass es super funktioniert. Bei 2-3 Schülern waren die Ergebnisse wirklich gut, die Mehrheit war froh, dass sie tun und lassen konnten, was sie wollten. So gesehen macht es alle glücklich.

    • Ich denke, es hängt u.a. davon ab, ob es Motivation für das Lernen gibt. Wenn ich in der Schule nicht deutlich machen kann, WOFÜR der Stoff nützlich ist, dann werden Schüler sich auch nicht eigenständig damit beschäftigen wollen (das geht mir nicht anders – wenn ich etwas lernen soll, das ich nicht als nützlich erkenne, lass ich es sein).

      Im Betrieb ist es wohl ähnlich: wenn mein Chef mich auf eine Fortbildung schickt, auf die ich keine Lust habe, hilft wohl nur eng geführtes Lernen. Aber auch das wird meines Erachtens am Ende nicht sehr effektiv sein.

  9. Helge

    Ich stelle mich dann mal wie in der Schule damals in die Ecke bis zum Ende der Lehrstunde, okay?

    Ich stehe voll zu meiner Verantwortung, auch wenn ich dafür in der Ecke stehen muss in die ihr beide mich jetzt stellt. Ich finde die Texte von Dir lisarosa zu lang und unstrukturiert und daher schwer zu lesen. Da ich mich gerne einbringen würde ist das ein ökonomisches Hemmnis für mich. Das Internet ist frei und Du musst meine Kritik nicht berücksichtigen. Ich wollte sie nur kundtun, weil es wirklich ein Problem für mich darstellt und es eventuell anderen ähnlich geht. Das scheint nicht der Fall zu seinund ich mit meiner Ansicht ziemlich allein auf weiter Flur. Meien Absicht war es das in konstruktiver Form einfließen lassen, was mir wohl eher nicht geglückt ist.

    Zum Thema:

    “Und was passiert, wenn ich vier ahnungslose und desinteressierte 15-jährige in eine Gruppe stecke und sie ein Gedicht bearbeiten lasse? Fangen sie plötzlich an motiviert und ‚kompetent‘?“

    Ich denke, wenn man so einen Fall vor sich hat, dann macht es vermutlich Sinn sich zunächst mit denen zu beschäftigen und herauszufinden, warum da so ein großes Desinteresse vorliegt.

    Ich habe 13 jahre Schulerfahrung und ich vermute, das sich ein haufen Schüler nicht ernstgenommen fühlt. So ging es mir jedenfalls in der Schule. Es wurde einem überwiegend (es gab positive Ausnahmen) nichts zugetraut und auch nichts wirklich abverlangt. Die Klausur war mit ein wenig Fleiß problemlos zu bestehen. Mit Desinteresse wäre man also prima durch die ganze Schule gekommen, sofern man pinktgenau zu den Klausuren das Zeug eingepaukt hatte.

    Und einige die ich kenne haben es damit auch geschafft.

    • „ich vermute, das sich ein haufen Schüler nicht ernstgenommen fühlt.“
      „Mit Desinteresse wäre man also prima durch die ganze Schule gekommen, sofern man pinktgenau zu den Klausuren das Zeug eingepaukt hatte.“

      Ja. Genauso funktioniert Schule und deswegen ist sie schon lange nicht mehr ihren Aufgaben gewachsen und muss schleunigst als gesamte Organisation lernen und sich verändern. Nicht bloß einzelne Lehrer oder einzelne Methoden. Die Logik muss eine andere werden.

      „Ich denke, wenn man so einen Fall vor sich hat, dann macht es vermutlich Sinn sich zunächst mit denen zu beschäftigen und herauszufinden, warum da so ein großes Desinteresse vorliegt.“
      Genauso. Das ist der richtige Ansatzpunkt. Und die Lehrer müssen nicht untereinander ÜBER dieses Desinteresse sprechen, sondern ihre Schüler fragen und dann richtig hinhören.

      • Helge

        Na ja, vielleicht muss man die Kreativität im deutschen Schulwesen ganz einfach noch in anderen Bereichen entdecken. So wie in Frankreich z.B. …

        Was kann schöner sein als Unterricht, wenn solche Belohnungen winken? Damit französische Jugendliche regelmäßig kommen, schwenken Schulen Fußballtickets oder Geldscheine – zum Verdruss von Elternvertretern. Auch deutsche Politiker geben sich beim Blaumacher-Fang gern kreativ.

        Ein Teil von Frankreichs Schülern hat seit dieser Woche einen neuen Anreiz, sich morgens aus dem Bett zu quälen. Mehrere Schulen loben jetzt Belohnungen aus, wenn Jugendliche nicht schwänzen. So verteilt eine Berufsschule in Marseille Gratis-Tickets für Fußballspiele der Ersten Liga; in einem Schulbezirk bei Paris gibt es Führerscheinprämien oder Zuschüsse zur Klassenfahrt.

        Quelle: Spiegel Online

        Ich denke mal wenn es erst soweit ist, dann ist das Maximum an Desinteresse erreicht, oder? Aber das ist noch nicht alles… es geht noch intelligenter…

        Der Trick dabei ist wie in Marseille, dass die Belohnungen nicht einzelne Schüler, sondern die Klassen mit der niedrigsten Schulschwänzerrate erhalten. Das Kalkül: Die Klasse selber setzt Blaumacher unter Druck, die den Anwesenheitsschnitt versauen und damit Chancen auf den Jackpot oder die Fußballtickets verbauen. „Das ist ein gemeinsames Projekt“, umschreibt es Laurent Petrynka vom Schulamt Créteil. „Die Reise oder den Führerschein bekommen entweder alle oder keiner.“

        Sippenhaft als Erfolgskonzept für Schule des 21igsten Jahrhunderts. Wenn das mal nicht nach Zukunftsmodell riecht. Sorry aber das musste ich jetzt dazu posten!

        • Diese Maßnahmen bleiben ganz in der Logik des SchulSystems: Lernen ist nicht an sich und für die Schüler selbst gut, sondern muss mit Zuckerbrot und Peitsche motiviert bzw. erzwungen werden. Und dann auch noch Sippenhaftung. Ekelhaft. So wird sich das System schlussendlich selbst den Garaus machen.

  10. Helge

    @lisarosa: Yep, seh ich genauso. Lisa, weiter so!

    Basti hat jetzt bloss erst den Fokus vollends umgelenkt. Ich wollte nur eine Nebenbemerkung loswerden, stattdessen macht er von einer einer „Mücke einen Elefanten“.

    Soll jetzt kein abendfüllendes Thema werden: Ich finde die Auseinandersetzung super, und Beiträge mit Gehalt klasse. Ab und an wünscht man sich halt Struktur im Datenmeer des Internet.

    So und jetzt bin ich ja auch schon ruhig…

    • Nu schieb es nicht auf Basti! Du hast den Fokus umgelenkt mit Deiner „Textmengen“ kritik. (Ein beliebtes Spielchen in Lehrerkonferenzen. Die, die nichts sagen – obwohl es ihnen niemand verbieten würde – müssen wenigstens die Stoppuhr halten für „Wer redet am längsten?“. Und dann noch jetzt einen Rückzieher machen und die eigene Verantwortung dafür, dass man aus der Sachdiskussion raus auf die Metaebene gegangen ist, auf jemand anderen abzuwälzen, ist bäh. Struktur im „Datenmeer des Internet“? Selbst ist der Mann!

  11. hui! Also ich hab mich gar nicht persönlich angegriffen gefühlt, Helge. Aber Basti KANN sich ja gar nicht persönlich angegriffen fühlen, oder? – denn er schreibt hier zum ersten Mal und kurz. Wenn sich einer ganz offensichtlich persönlich angegriffen fühlt, … aber Retourkutschen sind ja blöd. Und ich schreibe meine länglichen Beiträge lieber zur Sache.
    Trotzdem hast Du recht, denn es gibt viele, die keine langen Beiträge lesen wollen. Manches lässt sich nur lang erklären, aber ich könnt mich schon kürzer fassen und seltener sprechen. Bloß: Das schöne an Blogs ist ja, dass man im Gegensatz zur f2f-Gruppenrunde schließlich 1. niemandem Redezeit oder Raum wegnimmt und 2. keinen zwingt, zuzuhören, der das nicht will. Auch DU hast ein Scrollrädchen an der Maus oder?

  12. Helge

    Ncoh ein kleiner Nachtrag zum Wörtchen „Absurd“:
    http://de.wiktionary.org/wiki/absurd

    Bedeutung: „widersinnig, dem gesunden Menschenverstand widersprechen, abwegig, sinnlos“

    no comment

  13. Helge

    Basti ja ist ja schon gut. Werf die Beruhigungspillen ein und lehn Dich zurück. Einmal „Ommmmm“ gen Bildschirm und relax… =)

    Ich hab nichts gesagt. Schreibt alle wie ihr wollt. Ich mach doch niemand Vorschriften. Ich selbst hab auch oft Tippfehler drinne (weil zu schnell getippt; und meine Drahtlostastatur derzeit zickt und Buchstaben verschluckt.). Ist mir schon klar!!!!

    Inhaltlich eine klasse Diskussion. Mein Beitrag halt „Absurd“… mmmh, auch okay. Ich dachte grade weil lisarosa ja scheints viel Wert auf Inhalt legt und eben ein Fortgeschrittener Blogger/Kommentierer ist wäre das ein konstruktiver Gedanke, wie sie noch besser werden kann.

    Aber wie gesagt: Ich hab nix gesagt. Warum verdammt fühlt sich eigentlich gleich jeder andere persönlich angegriffen und zur Verteidigung berufen, wenn man auch mal nur einen kleinen Deut Verbesserung vorschlägt.

    Echt geht mir nicht ins Hirn. Das finde ich „absurd“ Basti.

    cu

  14. Witzig, dass Helge nun Lisa Rosas hochwertige Kommentare kritisiert. „Also ich hab keine Ahnung und les eh nicht alles, aber deine Beiträge sind mir nun wirklich zu lang“.

    Ich begrüße es, dass Lisa Rosa hier die Zügel anzieht und sich nicht vor längeren Frontalphasen scheut, auch wenn sie dadurch Gefahr läuft die Diskussion zu dominieren. Kein Mensch käme auf die Idee eine Trainerin zu kritisieren, die überlegt und per Videoanalyse das Spielgeschehen reflektiert.

    Auch helfen so Kleinigkeiten wie korrekte Rechtschreibung die Qualität des Leseerlebnis für andere Mitkommentierer deutlich anzuheben. Das soll jetzt mal ganz bewußt Kritik an der Kritik sein, weil sie mir so absurd erscheint.

  15. „Diese Fähigkeit konnte ich erst viele Jahre und (u.a. über LdL-)Erfahrungen an der Universität entwickeln.“
    – Nicht ich habe es gesagt!:-)))

  16. Monika E. König

    „Und was passiert, wenn ich vier ahnungslose und desinteressierte 15-jährige in eine Gruppe stecke und sie ein Gedicht bearbeiten lasse? Fangen sie plötzlich an motiviert und “kompetent” miteinander zu “kommunizieren”? Oder verstärkt bzw. potenziert sich ihre Ahnungslosigkeit und ihr Desinteresse nicht eher?“

    Ich muss zugeben, dass ich damals als Schülerin einer bayerischen Oberstufe auch nicht fähig gewesen wäre ein Ergebnis – errungen über kooperative Zusammenarbeit – „knackig“ zu präsentieren, …. das will halt auch gelernt/ gelehrt/ geübt werden. (Nicht, dass wir damals je die Chance dazu gehabt hätten).

    Diese Fähigkeit konnte ich erst viele Jahre und (u.a. über LdL-)Erfahrungen später an der Universität entwickeln.

    Dies soll aber keine generelle Kritik an „Frontalunterricht“ sein. 😉

  17. Helge

    @lisarosa: Ich kenn‘ Dich zwar nicht persönlich, aber jetzt mal auf alle Deine Beiträge an diesem Kommentarstrng geschaut… fällt auf, dass die Textmenge echt relativ hoch ist die bei Deinen Kommentren so zusammen kommt (im Verrgleich zu den anderen). Also ich lese das nicht alles, ich lese die Kommentare die kürzer sind und auf den Punkt.

    Ich glaub es ist ein Irrtum, dass ein Kommentar, je länger der ist, umso häufiger und intensiver gelesen wird. Ist mir bloß so aufgefallen nicht nur bei den Kommentaren hier in diesem Blog.

    Auch helen so Kleinigkeiten wie Absätze und Hervorhebungen die Qualität des Leseerlebnis für andere Mitkommentierer deutlich anzuheben. Das soll jetzt mal ganz bewußt Kritik an der Form sein, weil’s mir schwer fällt so.

  18. Dein Beitrag passt natürlich auch zu meinem ergänzten noch sehr gut.
    Natürlich sollte es nicht so sein, dass man seinen Unterricht nicht auswerten kann.
    Das Streitgespräch, ob der Lehrer „konstruktivistisch“ oder „persönlichkeitsorientiert“ (kein ernsthafter (!) Versuch, das gesamte Gespräch auf diese Formel zu bringen) arbeiten soll, ist meiner Meinung nach nicht geeignet, bessere Unterrichtsstrategien hervorzubringen.
    Dein Vorschlag viel eher.

  19. @fontanefan huch, jetzt hast Du noch was dazugeschrieben und meine Antwort passt nicht mehr. Naja, klar: Für sowas hat man als Lehrer mit 28 Unterrichtsstunden kaum Zeit. Aber was sagt das? Das ist doch oberfurchtbar, dass man seinen U. nicht mal ausreichend auswerten, in kollegialen Zirkeln vllt sogar mit Videoaufzeichnung besprechen und verbessern kann? Soll das so bleiben?

  20. @Lisa Rosa Recht hast du mit so vielem. Natürlich gehört Lerntheorie auf neustem Stand in die Ausbildung usw.
    Aber: „Wer mal die Erfahrung solcher Arbeit gemacht hat, wo die Schüler quasi über sich hinauswachsend lernen und arbeiten “wie verrückt”, um ein selbstformuliertes Problem zu lösen oder ein selbstgestecktes Ziel zu erreichen, der will nicht mehr anders lehren als so.“
    Natürlich schafft das Arbeiten in selbst definierten Projekten mehr Motivation als das Anhören von Vorträgen, deren Themen einen nicht interessieren. Wikipedia ist ein schönes Beispiel.
    Lernt man Lerntheorie in einem lernendenbestimmten Projekt? Wird man in eine Fremdsprache am besten durch ein selbstbestimmtes Projekt eingeführt? (Lernen durch Lehren ist ist auch da möglich, aber etwas ganz anderes.)
    Ich denke, es wird wieder einmal aneinander vorbei geschrieben, weil es zu aufwändig wäre, die bedenkenswerten Anteile des Aussagen der anderen in das eigene Konzept einzuarbeiten.
    Wie wär’s mit einem Wikiartikel zu der Frage?

    Freilich: Dazu haben wir weder Zeit, Energie noch Lust.
    Das Projekt, herauszufinden, welcher Unterricht der richtige ist, wird von Lehrern nie gewählt werden. Das Projekt wählen nur Professoren oder solche, die es werden wollen. Denn die brauchen nicht in ständig wechselnden Situationen auszuprobieren, ob ihre Theorie auch für diese Situation trifft.

    • Hier können wir spontan diskutieren, wo ein Blogbeitrag dazu angeregt hat. In einem Wiki könnten wir systematischer auf verschiedenen Seiten verschiedene Aspekte bearbeiten und entsprechendes Material hochladen. Gute Idee! Wir könnten aber auch noch etwas anderes tun, wozu sich eine zu bildende Praxislerngemeinschaft im Netz eignet: Gemeinsam unseren eigenen Unterricht beforschen und neue Lösungen für immer wiederkehrende Probleme finden. Dann kommt man auch vom Schwadronieren weg und beschäftigt sich mit handfester Praxis. Es gibt ein Instrument „kollegiale Unterrichtsberatung“, das sich dazu eignet. Das wird eigentlich eingesetzt, indem man im Tandem oder in einer kleinen kollegialen Gruppe sich gegenseitig im U. besucht und nach einem bestimmten sehr klugen Muster anschließend befragt und auswertet. In einem wiki kann man das in Form von Fallbesprechungen machen (mit anonymisierten personenbezogenen Daten). Z.B: 1 Geschichtslehrer ist bereit, einen Fall vorzustellen – also ein Problem in seinem konkreten Unterricht. Die kollegiale Gruppe diskutiert den Fall zusammen. Das kann sich bis zum gemeinsamen Lesen von Texten (z.B. neuestes Geschichtsdidaktikmodell, oder Texte zum selbstgesteuerten Lernen) ausweiten, aus denen (und aus der eigenen Praxiserfahrung der Lehrerlerngruppenmitglieder selbstverständlich, sowie aus interessanten good-practice-Beispielen aus dem Netz) man dann Lösungsvorschläge für die konkrete Schüler-Lerngruppe des besprochenen Falls entwickelt. Derjenige, der die Schülergruppe hat, probiert aus und berichtet anschließend … usw.

  21. M.

    > Wer mal die Erfahrung solcher Arbeit gemacht hat, wo die Schüler quasi über
    > sich hinauswachsend lernen und arbeiten „wie verrückt“, um ein
    > selbstformuliertes Problem zu lösen oder ein selbstgestecktes Ziel zu
    > erreichen, der will nicht mehr anders lehren als so.

    Schon klar, aber eben diese Erfahrung habe ich bisher noch NIE gemacht.
    Höchstens wenn es in meinem Zweitfach Geschichte in der 5 um „Asterix und Obelix“ oder „Dinosaurier“ geht; und selbst da nicht bei allen…

    • Genau! Im bestehenden Schulsystem kann man leider weder als Schüler noch als Lehrer solche beglückenden lernmotivierenden Erfahrungen gar nicht machen. Deswegen finde ich, dass die Frage für Lehrer in ihrer Arbeitspraxis (und das ist ja der größte Teil ihrer Lebenspraxis!) in erster Linie nicht lauten muss: „Wie kriege ich meine Schüler zum besseren Lernen, wie fühlen sich die Schüler beim Lernen wohl usw.“, sondern: „Wie möchte ich arbeiten? Wie kann ich mich selbst in meiner Arbeitstätigkeit wohl fühlen? Was hindert mich daran, so arbeiten zu können, dass mir meine Arbeit Freude macht?“ Und dann rütteln wir am bestehenden System althergebrachter Praxis und können sie expandieren, shiften, changen … wie immer auch die Vokabeln dafür heißen mögen. Wenn die Menschheit drauf verwiesen wäre, immer nur die bestehende Praxis weiter zu bedienen, dann säßen wir immer noch ums offene Feuer und wohnten in Höhlen.

  22. Es rächt sich bitter, dass die Lehrerbildung kaum Pädagogische Psychologie (Lerntheorie) enthält. (Und Didaktik oder gar Unterrichtstechnologie und Rezeptweitergabe ersetzen diese nicht.) Nur durch diesen Wissensmangel in der Lehrerbildung ist zu erklären, dass sich Lehrer unter selbstgesteuertem Lernen (das eben ist der Hauptknackpunkt der von der Systemtheorie abgeleitete konstruktivistischen Lerntheorien) vorstellen, dass Schüler nun alles für sich alleine rauskriegen sollen, was ihnen im instruktionistischen Unterricht (das ist der traditionelle belehrende – muss gar nicht frontal sein) bisher vom Lehrer vorgemacht worden ist. Selbstgesteuertes Lernen heißt in erster Linie: Partizipation, Mitbestimmung am eigenen Lernen! Und es heißt forschendes Lernen in Kooperation mit peers aber natürlich auch mit dem Lehrer! „Ein (guter) Lehrer ist mehr mit dem Gegenstand beschäftigt, als über ihn zu reden“, sagt W. M. Roth, Psychologe und Erziehungswissenschaftler in Canada, der nicht nur theoretisch sondern auch empirisch über Lernprozesse forscht. Nicht alles kann im Modus Training gelernt werden. Natürlich: Vokabeln, Sport, usw. alles Gegenstände, die v.a. mit Operationen als Tätigkeitsform zu tun haben. Nicht aber können im Training Gegenstände gelernt werden, die mit Erkenntnissen und Beurteilungen von Dingen zu tun haben – und davon gibt es mehr als sich viele Lehrer träumen lassen. Mathematisches Denken ist vorwiegend eben nicht durch Training zu erreichen. Neben der Rollenfigur „Trainer“ ist also auch die Rollenfigur „Expeditionsleiter“ wesentlich für einen guten Lehrer. Eben weil das nicht verstanden wird – wie soll es auch, wenn es weder Bestandteil der Aus- noch der Fortbildung bisher war -, darum geht der gutgemeinte Versuch von Gruppenarbeit so häufig in die Hose, werden Schüler bei ihrer Selbststeuerung tatsächlich alleine gelassen und KÖNNEN ohne die nötige Unterstützug gar nicht erfolgreich lernen. Wie schon jeanpol sagt: Beide müssen erheblich etwas tun, sowohl die Lehrer als auch die Schüler. Projektlernen (m.E. nach der Königsweg des selbstgesteuerten Lernens) erfordert vor allem viel Vorbereitung. Wenn die Schüler dann aber „drauf“ sind, dann gibt es viele Phasen, wo der Lehrer tatsächlich mehr Beobachter, Coach, Tippgeber und Assistent wird. Wer mal die Erfahrung solcher Arbeit gemacht hat, wo die Schüler quasi über sich hinauswachsend lernen und arbeiten „wie verrückt“, um ein selbstformuliertes Problem zu lösen oder ein selbstgestecktes Ziel zu erreichen, der will nicht mehr anders lehren als so.

  23. Jetzt habe ich hier minutenlang etwas hineingetippt und sehe, dass Christians Kommentar es im letzten Absatz exakt auf den Punkt bringt.

    Man redet sich als Referendar, davon gehen Jochens Überlegungen aus, vielleicht auch einiges ein.

    Bei meinem (auf schülerorientiert-konstruktivistischen Ansätzen bestehenden!) Fachleiter waren längere Unterrichtsgespräche, die am Ende der Stunde eindeutige Transfer- und Reflexionsleistungen aufgezeigt haben, trotzdem sehr gerne gesehen. Vielleicht überinterpretieren Referendare auch oft die Hinweise ihrer Fachleiter, schülerorientiert zu arbeiten. Ich erinnere mich an eine Vorführstunde bei diesem Fachleiter, die fast ausschließlich das gefürchtete „UG“ in der Sozialformspalte führte, lediglich den OHP bemühte und deren Nachbesprechung deswegen von mir schon im Vorfeld mit großem Schlottern erwartet wurde. Faktisch war das eine meiner besten Stunden: Sehr hohe Schülerbeteiligung und greifbare Erkenntnisse auf Seiten der Schüler im Ergebnis. Das Schlottern war gar nicht nötig gewesen.

  24. Mal wieder ein überaus interessanter Beitrag, der viele Gemüter erhitzt (wie man an der großen Zahl von Kommentaren sieht). Ich liebe solche Beiträge, weil sie die Diskussion anheizen und Kontroversen erzeugen. Klasse!

    Allerdings denke ich, dass er in einer Hinsicht problematisch ist. Er kritisiert die Auffassung, der „Lehrer solle abgeschafft“ werden. Damit kritisiert er aber eine falsche Auffassung konstruktivistischen Unterrichts. Konstruktivismus (ich getraue mich gar nicht, das Wort in den Mund zu nehmen, weil mittlerweile totgetrampelt und ausgequetscht) hat nicht zur Konsequenz, dass der Lehrer verschwindet, sondern dass er andere Funktionen übernimmt. Wenn aber die Konsequenz aus der Ablehnung dieser falschen Auffassung von Konstruktivismus ist, eine „früher war alles besser“-Stimmung zu verbreiten, dann wird die korrekte Auffassung konstruktivistischen Lernens nicht ausreichend ernst genommen. Nur, weil viele Leute eine naive, „sozialpädagogische“ (sorry) und stark vereinfachte Sicht von Konstruktismus vertreten, sollte das nicht bedeuten, dann man stattdessen retromäßig reagiert; denn die Kritik am Frontalunterricht (und damit meine ich Frontalunterricht und nicht Frontalphasen) ist ja schließlich auch nicht unberechtigt.

    Ich möchte für meine Überlegungen ebenfalls das Bild des Trainers gebrauchen, weil ich denke, dass dein Vergleich hinkt. Würde der Trainer so agieren wie ein Lehrer im Frontalunterricht, würde er den Spielern vortragen, wie man Fußball spielt, und er würde ihnen anschließend kleine Übungsaufgaben (hinter Ball hinterherrennen, Ball in der Luft halten, …) als Hausaufgabe aufgeben. In der nächsten Stunde darf das dann einer vorführen. Dass im Gegensatz dazu der Trainer nicht selbst übers Feld rennen soll, ich auch klar. Aber was ist dazwischen? Der Trainer schafft bestimmte Situationen, von denen er glaubt, dass die Spieler bestimmte Fähigkeiten erwerben. Er lässt in diesen „Umgebungen“ die Spieler agieren und gibt Feedback zu deren Aktionen. Wenn du verlangst, dass Lehrer wie Trainer sein sollen, ist das „konstruktivistischer“ als du vermutlich intendiert hast. Ein Trainer wäre aber natürlich eine Respektsperson, eine Person, die viel einfordert, und eine Person, die Leistung fair bewertet. Wenn das das Bild eines Trainers ist, würde ich dir zustimmen.

    Also, mein Fazit: Ich stimme darin mit dir überein, dass eine naive Auffassung konstruktivistischen Lernens schlecht ist und leicht zu „Larifari“-Unterricht führen kann. Ich finde aber, dass deine Konsequenz zu stark in Richtung „Lasst uns mit dem neumodischen pädagogischen Gedönse aufhören und wieder ordentlich Frontalunterricht machen“ geht (ich weiß, dass du das so nicht meinst und dass ich jetzt auch übertreibe, aber das bleibt als „Gefühl“ aus deinem Artikel hängen). Ich würde eher sagen: Lasst uns stärker folgende Sicht einnehmen: Wir überlegen uns, was wir in einer Sschulstunde in den Köpfen der Schüler bewirken wollen (das bedeutet nämlich eigentlich Konstruktivismus). Dann strukturieren wir die Stunde dementsprechend, wählen passende Methoden usw. Dabei kann durchaus auch mal eine längere Frontalphase enthalten sein. Wenn die Schüler aufmerksam sind und gut mitdenken, bewirkt das vielleicht genau die intendierten Konstruktionen. In anderen Situationen kann dies aber auch Gruppenarbeit, Projektunterricht, wasweißich bedeuten. Es kommt einfach darauf an, was gelernt werden soll.

  25. @Maik Riecken
    „Fakt ist, dass kooperative Lern- und Arbeitsformen erheblichen Mehraufwand darstellen, wenn man *inhaltlich anspruchsvoll* unterrichten möchte“
    Oja, da hast Du allerdings Recht. Und deshalb muss man auch immer wieder einfordern, das Lehrerarbeitszeit diesen „Aufwand“, nämlich die Zeit für verantwortungsvolle professionelle Planung, abbilden muss. Sprich: Entlastung von Unterrichtsstunden und Entlastung von hoher Klassenfrequenz. Erst Recht, wenn neue Methoden und Rollenmodelle gelernt und eingeübt werden sollen! (Die Finnen haben es vor 15 Jahren genau so gemacht.) Denn da kann man nicht mehr mit Routine ran. Da muss man Erfinden, Experimentieren und sorgfältig auswerten. Und das nicht alleine, sondern in Gemeinschaft mit Kollegen.
    Kriegen werden wir diese benötigte Entlastung bzw. Zeit für Neuorientierung/Rekonzeptualisierung aber nur, wenn wir vielstimmig und andauernd gmeinsam (organisiert) danach verlangen. Nicht, wenn wir jammern oder Veränderungen an sich verunglimpfen, weil sie uns ein schlechtes Gefühl machen unter diesen Bedingungen. Die Doppelstundenorgansiation kann genau ein Einstiegsmodell sein, denn ein Kollegium, das mal mehr als die 45min-Häppchen-Frontalbelehrung hinkriegen will, kann das jeder Schulleitung abverlangen. Und für viele kleine Innovationen gilt übrigens, was ein listiger dänischer Lehrer, Gott hab ihn seelig, sagte: „Mach einfach. Du kriegs‘ eher ein Ergebnis als ein Erlaubnis.“ 😉

  26. „ob man die Bildungsrealität außerhalb seiner eigenen partikularistischen Interessen überhaupt wahrnimmt.“

    Ich habe selten Vertreter/Verfechter neuer Lehr- und Arbeitsformen gesehen, die keine partikularistischen Interessen hatten, denen es nur um die Sache an sich ging – vielleicht bin ich bisher den Falschen begegnet. Jeder möchte sich abgrenzen und als Individuum dastehen.

    Fakt ist, dass kooperative Lern- und Arbeitsformen erheblichen Mehraufwand darstellen, wenn man *inhaltlich anspruchsvoll* unterrichten möchte – daran ändert auch kein neues Medium etwas, es sei denn, es soll reale Beziehungen substituieren. Fakt ist auch, dass wir noch keine Schulorganisation haben, die diese Lehr- und Arbeitsformen ermöglicht – Ausbringung des Unterrichts in Doppelstunden wäre dafür das Mindeste (und durchaus erreichbar).

    Für mich ist weiterhin ein Fakt, dass alle Reformwilligen endlich dahin kommen müssen, nach Dingen zu sehen, die sie verbindet. Solange das nicht geschieht, erscheinen mir Wünsche in die Richtung, dass LuL die Sache und nicht den Weg der Durchsetzung sehen sollen, zumindest spannend.

  27. @Maik und @Lisa
    Weil LdL angesprochen wurde: in dieser Methode werden Lehrer und Schüler gleichermaßen gefordert, wie Jochen es verlangt. Der Lehrer ist Regisseur und Trainer zugleich, und die Akteure/Spieler müssen sehr viel tun, um seine Forderungen zu erfüllen.

  28. @Maik Riecken: Ja, Du hast vollkommen Recht. Jahrzehnte der Top-Down-Reformen und Jedes-Jahr-eine-neue-Sau-durchs-Dorf-Strategien der Bildungspolitiker haben die Innovationsbereitschaft der Lehrer verständlicherweise aufgezehrt, die sowieso nicht gerade systemisch und kulturhistorisch prämiert wurde. Das ist aber überhaupt keine gute Ausrede dafür, alles beim angeblich bewährten Alten zu lassen (das war doch schon immer so, da könnt ja jeder kommen, wo kämen wir denn dahin …). Als Lehrer müsste man eigentlich zwischen einem Programm/einer Absicht/einer Entwicklungsnotwendigkeit usw. und den (durchaus z.T. haarsträubende) Strategien, diese umzusetzen, unterscheiden können. Sonst verhält man sich nach dem Prinzip Unreife: „Recht geschieht’s meiner Mutter, dass meine Hände abfrieren, warum kauft sie mir auch keine Handschuhe!“ Klar werden muss: Will ich, dass alles so bleibt, wie es ist? Oder finde ich die Veränderungskonzepte problematisch (und habe andere im Auge), oder nur die Durchsetzungsstrategien der Bildungspolitik? Hier verschwinden diese Unterscheidungen. Das ist dann Stammtisch statt ernsthafter Debatte. Wenn man aber tatsächlich alles beim Alten lassen möchte, dann muss man sich schon fragen lassen, ob man die Bildungsrealität außerhalb seiner eigenen partikularistischen Interessen überhaupt wahrnimmt.
    Die Figur „Aber LdL will doch das Gleiche“, halte ich nicht für sinnvoll. Eine ernsthafte Diskussion zwischen wirklich sehr verschiedenen Vorstellungen über guten Unterricht/gute Schule macht nur Sinn, wenn die Differenzen nicht völlig verwischt werden. Was anderes ist’s, wenn man mal nur Dampf ablassen will. Naja, würd ich nicht unbedingt öffentlich im Blog.

  29. Schwierig. Ich habe auch solche Gedanken wie Jochen und viel geschrieben, was in genau diese Richtung geht. Ich sehe es nicht als einen „Angriff auf LdL“ (klang in Twitter an), weil die Rolle des Lehrenden in LdL ja genau dem entspricht, was Jochen einfordert.

    @Jochen
    Moderne Didaktik ist eben nicht moderne Didaktik – Generalisierungen polarisieren eben oft und gerne.

    Aber die Gefahr zur Polarisierung wird nach meiner Erfahrung umso größer, je weiter von oben man „Veränderungen“ durchzusetzen versucht. In Deutschland haben wir es immer wieder geschafft, im Bildungsbereich zu ideologisieren – und viel Gutes blieb dabei auf der Strecke.

  30. @Jochen Englisch
    „Ich bezweifle das, denn das erklärte Ziel der “modernen” Didaktik ist es ja, den Lehrer weitgehend überflüssig zu machen.“
    – Das meinst du nicht im Ernst?:-)))
    „Das Ziel vieler junger Kollegen scheint es zu sein, so wenig wie möglich in Erscheinung zu treten und sich als Lehrer selbst abzuschaffen.“
    – Heißt es beispielsweise, dass der Regisseur, weil er bei der Ausführung nicht in Erscheinung tritt, sich selbst abschafft? Das gilt auch für den Trainer, den du am Ende deiner Ausführungen als Beispiel anführst: der Trainer rennt nicht auf dem Spielfeld, aber schafft er sich deshalb ab? Aber das weißt du bestimmt selbst. Das erinnert mich ein bisschen an die Argumentation von Herrn Bueb, der zunächst ein Zerrbild der „modernen“ Erziehung entwirft, um dann alle Defizite vehement anzuprangern.

  31. H.

    Da kann man rumdiskutieren wie man will über irgendwelche methodischen Feinheiten, das Einzige auf das es ankommt ist meiner Ansicht nach, dass man die Schüler Lernenden ernst nimmt. Ich hab mich in der Schule als Schüler Lernender immer gefragt: Was soll der Mist? Halten die uns für völlig verblendet? Und das Allerschlimmste fand ich die Zementierung von Sozialstrukturen durch die stets gleiche und durchgehend während des Schuljahres bestehende Sitzordnung. Mit jedem Mal wiederkehrender Sitzordnung wird eine Chance für den Austasuch und den Ausgleich der sozialen Struktur geschaffen. Die Cliquenbildung behindert das Lernen meiner Ansicht nach mehr als alles andere. Aber soweit kann sich kein Lehrer mehr zurück erinnern. Für ihn war Schule ja auch immer toll, deshalb ist er ja Lehrer geworden.

  32. M.

    Jochen, Du hast wiedermal zu 100% ins Schwarze getroffen!
    Dein Beitrag spricht mir aus der Seele. Er ist das Beste, das ich seit langem gelesen habe.

    Und als NRW-Referendar muss ich es mal ganz klar sagen:
    90% vom so genannten „Kooperativen Lernen“ und diesem „Klippert-Schei*“ kann man getrost in die Tonne kloppen, ohne wenn und aber.
    Ich habe nun schon seit knapp zwei Jahren Erfahrung gesammelt mit diesem ganzen Schrott. „Frontalunterricht“ verkommt in meinem Seminar zum Schimpfwort, ich wußte bis vor kurzem überhaupt nicht was das ist und wie man Frontalunterricht macht…(meine Schülerzeit ist schon was her)

    Frontalunterricht macht IMMER Sinn!

  33. Markus

    Ich kann dir nur zustimmen Jochen. Schon im ersten Jahr nach meinem Referendariat habe ich gemerkt, dass die Schüler nur selten Aufmerksamer sind als im Unterrichtsgespräch oder im Lehrervortrag. Wie oft habe ich die Situationen erlebt dass ich die Schüler in Gruppenarbeit zum konzentrierten Arbeiten auffordern musste. Wenn nicht das Thema oder das Material an sich motivierend ist, muss es halt der Lehrer sein – wer denn sonst? Und woher soll das Wissen dass sich die Schüler erarbeiten sollen denn kommen wenn nicht vom Lehrer, wozu hab ich denn studiert? Dann bräuchte ich den Schülern ja nur noch die Bücher/Kopien/Filme hinwerfen und wenn Fragen aufkommen bin ich per email erreichbar.
    Ich genieße auf jeden Fall die Freiheit auch längere Lehrervorträge zu halten, Tafelbilder SELBST zu entwickeln und mal ein 15-min Unterrichtsgespräch zu halten, als Abwechslung zu den Gruppen- und Partnerarbeiten, zu den Rollenspielen, Freezeframes, Freiarbeiten und Projekten die die Schüler schon nicht mehr sehen können ( fragt die mal).

  34. jens

    Hallo Jochen.

    Ich stimme Dir vollkommen zu. Generell finde ich auch, dass das Niveau an Schulen (vielleicht auch aus diesem Grund) immer mehr abnimmt. Wenn der Lehrer / die Lehrerin nur noch im Hintergrund bleiben soll, nimmt meines Erachtens auch die Menge und Komplexität an Stoff ab, die bearbeitet werden kann.

    Frontalunterricht macht ab und an schon Sinn, aber im Referendariat ist dieser wohl absolut fehl am Platz.

  35. Uwe

    Zustimmung. Zumindest, solange wir über allgemeinbildende Schule sprechen, ist Lehren und Lernen eine hochgradig durch menschliche Beziehungen geprägte Angelegenheit – im Guten wie im Bösen, Beispiele könnte wohl jeder von uns zu Hauf liefern.
    Und: nicht jeder vLehrer kann mit jedem Unterrichtsstil überzeugen – die Schüler haben in der Regel ein sehr feines Gespür dafür, was beim betreffenden Lehrer „echt“ ist und was nur angelernt. Und da unsere Schäfchen pro Tag mit 5, 6 oder mehr Lehrern zu tun haben, ist das auch gut so: Die Mischung machts.

    Entwickelndes Unterrichtsgespräch: Aber Holla, da kann richtig die Post abgehen, wenn man es mal schafft, die Schäfchen beim intellektuellen Ehrgeiz zu packen (viel zu selten, zugegeben). Etliche solcher Situationen waren für mich der Auslöser für den Berufswunsch – und ich hoffe sehr, dass manches davon auch bei meinen Leutchen wieder ankommt, bei aller sonstigen Begeisterung für Moodle, Web 2.0 etc.

    Danke für die kluge Darstellung, Jochen!

  36. Philipp

    Ich glaube, eine allgemein „richtige“ Menge an Frontalunterricht gibt es einfach nicht. Letztendlich sind wir wieder bei dem kürzlich hier in diesem Blog schon gezogenen Schluss, dass der Unterricht von der Persönlichkeit des/der Lehrers/in abhängen muss. Manche/r Lehrer/in erreicht sein Ziel mit mehr, mancher mit weniger Frontalunterricht. Und das ist auch gut so, dass es hier Unterschiede gibt…
    Bei deiner – sehr realistischen – Schilderung einer modernen Lehrprobe langt man sich aber wirklich ans Hirn. 😉

    • > Ich glaube, eine allgemein “richtige” Menge an Frontalunterricht gibt es einfach nicht.

      Das Problem ist ja schon, dass so viele unterschiedliche Dinge mit diesem Begriff assoziiert werden. Manche meinen damit, dass der Lehrer vorne steht und ununterbrochen quasselt. Das meine ich natürlich NICHT.

      Andere meinen damit, dass der Lehrer den Unterricht strukturiert, organisiert und die Zügel in der Hand hält. Wie beim Fußball: Trainer / Lehrer sagt, was geübt / gelernt werden soll, und dann sind in erster Linie die Spieler / Schüler aktiv. Und ja natürlich, ein guter Trainer / Lehrer wird auch immer mal wieder seine Spieler / Schüler fragen, was sie gerne machen wollen, ob ihnen das Training Spaß macht, was sie gerne anders / mehr üben würden usw.

  37. > Aber es gibt eben auch Klassen, die hören schon nach fünf Minuten nicht mehr zu, weil sie sich einfach nicht so lange konzentrieren können.

    Und diese Schüler können sich besser konzentrieren, wenn sie mit anderen „konzentrativ herausgeforderten“ Mitschülern zusammenarbeiten sollen? Würde mich wundern 😉

  38. Christian

    „Aber seit Urzeiten haben Menschen frontal gelehrt und gelernt, es ist einfach absurd das zu leugnen.“

    Na ja seit Urzeiten ist aber auch nicht ganz richtig. Etwa Mitte des 17. Jahrhunderts wurde der Frontalunterricht von Comenius eingeführt. Der Frontalunterricht war ja so etwas wie eine soziale Errungenschaft: der Unterricht für die Masse wurde möglich und blieb bezahlbar. Und trotzdem wird er auch schon seit mehr als hundert Jahren angezweifelt.

    Ich denke, dass man die Zielgruppen unterscheiden muss, die man gut frontal unterrichten kann und solche, bei denen das weniger effekiv ist. In einer ruhigen Fachoberschulklasse kann ich natürlich bestens Frontalunterricht durchführen. Oder auch in einigen Berufsschulklassen. Aber es gibt eben auch Klassen, die hören schon nach fünf Minuten nicht mehr zu, weil sie sich einfach nicht so lange konzentrieren können. Die brauchen einfach andere Methoden, in denen möglichst viele sich weitgehend selbstständig mit der zu lernenden Sache beschäftigen.

  39. Gut und deutlich geschrieben, Jochen, ich stimme dir in allem zu. Die Beobachtung, dass viele Schüler Lehrer wurden, weil ihre Lehrer dazu beigetragen haben, müsste man allerdings erweitern… wir wollen ja nicht, dass alle unsere Schüler Lehrer werden; die sollen schon was Richtiges machen. :-;

  40. meine 12jährige tochter, die gruppenarbeit aus genau diesen gründen hasst, würde wohl begeistert zustimmen. auch der fußballtrainer-vision. aber wie viele der lehrerInnen, die diese 7c in einem renommierten bayerischen gymnasium hat, haben wirklich einen aktiven und positiven einfluss auf das lernen der schülerInnen? an wen werden sie sich erinnern? da ist die antwort dann nicht minder frustrierend.

    die wenigen „guten lehrerInnen“, an die man sich später erinnert, lehren durch ansteckung und energie. und das ist so selten, dass es wahrscheinlich sekundär (aber sicher nicht ganz wurst) ist, mit welchen didaktischen „methoden“ diese energie genau übertragen wird.

    „Eigentlich erstaunlich, dass die Menschen jahrtausendelang durchaus erfolgreich gelehrt und gelernt haben …“ hmmm. nicht wirklich durch frontalunterricht. wahrscheinlich auch nicht durch didaktisch eingesetzten gruppenunterricht bei themen, zu denen sie keinerlei inneren bezug haben.(aktuelles lyrik-inder-schule-beispiel: Trochäus lernen am beispiel eines gedichts von Rudolf Hagelstange.)

    • > hmmm. nicht wirklich durch frontalunterricht.

      Ich habe gar nichts gegen Partner- und Gruppenarbeit wenn sie richtig dosiert und überlegt eingesetzt wird. Aber seit Urzeiten haben Menschen frontal gelehrt und gelernt, es ist einfach absurd das zu leugnen. Noch heute ist die Vorlesung (frontaler geht’s ja wohl kaum) die dominierende Unterrichtsform an der Universität. Sehr originell übrigens, wenn Didaktik-Professoren ihren Studenten in einer Vorlesung beibringen, dass Frontalunterricht ganz bäh ist.

      • Schaumburg

        Ähm, Einspruch. Ich habe in den Vorlesungen ein Übersichtswissen präsentiert bekommen und versucht, dieses zu akzeptieren. Gelernt habe ich durch die Arbeit in den Seminaren und – noch mehr – in den Gesprächen mit den Kommilitonen in Mensa und Kneipe.

  41. Claudia Boerger

    Danke für die interessanten Denkanstöße, Jochen. Ich stimme vollkommen mit dir überein, dass Lehrerpersönlichkeit, –wissen und –begeisterung ausschlaggebende Aspekte beim Schülerlernen sind. Das schließt allerdings Kooperatives Lernen nicht aus, diesbezüglich finde ich deine Kritik nicht berechtigt, denn Kooperative Lernformen sehen ausdrücklich zwischengeschaltete frontale Lernsituationen vor.

    Ich finde einen Punkt hast du diesbezüglich noch unberücksichtigt gelassen: Neben der Effektivität von Kooperativen Lernformen (besonders zur Sprechaktivierung im Fremdsprachenunterricht) ist es m.E. einfach vernünftig und gesund bei täglich vollem Stundenplan als Lehrer verstärkt auf Arbeitsformen zu bauen, die Lehrerentlastung bringen. Selbstredend darf das natürlich inhaltlich nicht in Larifari ausarten, da gebe ich dir Recht. Aber genau das ist ja die Stärke von Kooperativem Lernen: u.a. durch die arbeitsteilige Gruppenverantwortlichkeit und die Zufallswahl des abschließend Präsentierenden fühlen sich die Schüler für ein vernünftiges Ergebnis verantwortlich.

    • > Das schließt allerdings Kooperatives Lernen nicht aus,

      So habe ich das ja auch nicht gemeint. Mir geht es darum, dass immer häufiger Schüler „kooperativ“ völlig neuen Stoff „selbständig“ erarbeiten sollen. Und das funktioniert halt meistens nicht.

  42. Hm. Der Lehrer soll nicht verschwinden, das alte Rollenmodell „Lehrer“ (er weiß ES und bringt ES den Schülern bei) aber schon. Lehrervortrag ist auch nicht verpönt – aber wo gibt es denn heutzutage wirklich guten Vortrag? – aber Vortrag kann nicht der Hauptmodus des Lehrens sein. Unterrichtsgespräch – aber ja! Die Frage ist: Wer spricht, wann, wieviel, und darf man sprechen aus eigenem Antrieb, Probleme aufwerfen und Lösungen beraten oder nur die Lehrerfragen „beantworten“? Man muss also über Rollen sprechen. Was ist die besondere Expertise eines Lehrers? Er muss Fachmann/Fachfrau von Lernprozessen sein, weniger Stoff“vermittler“. Und man kann nicht isoliert über Formen sprechen, ohne Funktionen, Inhalte und Kontexte dabei zu bedenken. Ein Unterrichtsgespräch, das „fragend-entwickelnde“ Ostereierpädagogik ist (der Lehrer versteckt die Eier – die Lösungen – und gibt heiß-kalt Impulse zum Aufsuchen der Verstecke) ist etwas ganz anderes, als ein Gespräch der Klasse über aufgeworfene Fachfragen.

    • > das alte Rollenmodell “Lehrer” (er weiß ES und bringt ES den Schülern bei) aber schon.

      Nö, warum denn? Ich weiß/kann was und das bringe ich meinen Schülern bei. Deswegen bin ich nicht gleich „the sage on the stage“. Und Schülern etwas beibringen schließt ja nicht aus, dass sie zwischendurch selbständig arbeiten.

  43. Radolfos

    Bravo! Jede Zeile spricht mir aus dem Herzen – Pflichtlektüre für Seminarlehrer und universitäre Berufsdidaktiker!

  44. Katrin

    Mit großer Freude habe ich (Referendarin) deinen Artikel gelesen, Jochen. Ich würde ihn am liebsten ausdrucken und am Dienstag nach meinem Unterrichtsbesuch meinen Ausbildern auf den Tisch knallen. Werde ich natürlich nicht, aber ich werde ihn auf jeden Fall an meine Mit-Referendare weiterleiten ;o)

    Danke für deine immer ehrlichen Statements, das gibt uns Referendaren doch ein wenig Trost ;o)

    Viele Grüße, Katrin

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