Jochen Lüders

Englisch & Sport am Gymnasium ... und ein bisschen Tango

Kompetenzwirrwarr

Gegen „Kom­pe­tenz­ori­en­tie­rung“ ist im Prin­zip ja nichts zu sagen. Sich zu über­le­gen was Schü­ler eigent­lich kön­nen sol­len und das dann auch gezielt abzu­prü­fen, ist ja durch­aus ver­nünf­tig. Nur treibt das Gan­ze mitt­ler­wei­le teil­wei­se merk­wür­di­ge Blü­ten.

Ver­gleichs­wei­se neu ist z.B. der Wunsch (bzw. der Wahn) nur eine ein­zi­ge Kom­pe­tenz abprü­fen zu wol­len und alles ande­re zu igno­rie­ren. Das führt dann dazu, dass z.B. bei Hör­ver­ste­hens­übun­gen Recht­schreib­feh­ler in den Ant­wor­ten nicht mehr gewer­tet, häu­fig sogar nicht mal mehr mar­kiert wer­den.

Bei VERA und ähn­li­chen lan­des- bzw. bun­des­wei­ten Ver­gleichs­tests sehe ich das ja noch ein. Die Tests sol­len mög­lichst objek­tiv und ver­gleich­bar sein, da kann man sub­jek­ti­ve Ent­schei­dun­gen (z.B. Wie lan­ge ist es „nur“ ein Recht­schreib­feh­ler und wann wird es ein Wort­feh­ler) nicht brau­chen. Für schul­in­ter­ne Tests sen­det die­ses Vor­ge­hen m.E. aber völ­lig fal­sche Signa­le an die Schü­ler. Plötz­lich ent­ste­hen Berei­che, in denen rich­ti­ge Schrei­bung nicht mehr wich­tig ist, man muss nicht mehr Eng­lisch in sei­nen ver­schie­de­nen Aus­for­mun­gen „kön­nen“, son­dern nur noch iso­lier­te Teil­fer­tig­kei­ten wie Hör­ver­ste­hen, Gram­ma­tik usw. beherr­schen. Alle die­je­ni­gen, die rich­tig schrei­ben, füh­len sich „bestraft“, denn es wird ja nicht mehr zwi­schen rich­tig und falsch unter­schie­den.

Auch wenn ich Recht­schreib­feh­ler igno­rie­re und alles gel­te las­se, was auch nur irgend­wie Sinn machen könn­te, prüft man übri­gens nie nur Hör­ver­ste­hen allei­ne, son­dern immer auch eine gehö­ri­ge Por­ti­on Gedächt­nis. Wäh­rend des Hörens kann man viel­leicht gera­de noch ein Käst­chen ankreu­zen, aber im Nor­mal­fall nicht meh­re­re Wör­ter schrei­ben. Die­se rich­ti­gen Ant­wor­ten muss sich der Schü­ler mer­ken um sie am Ende aus dem Gedächt­nis hin­schrei­ben zu kön­nen. Wenn man die­se Gedächt­nis­leis­tung eli­mi­nie­ren woll­te, müss­te man nach jedem inhalt­lich rele­van­ten Satz stop­pen und den Schü­lern Zeit geben die rich­ti­ge Ant­wort hin­zu­schrei­ben.

Ähn­li­ches geschieht im Bereich der Gram­ma­tik. Mei­ne gemisch­ten Vocab & Grammar Auf­ga­ben sind inzwi­schen rich­tig bäääh, denn es wird ja nicht nur „sau­ber“ NUR die gram­ma­ti­ka­li­sche bzw. lexi­ka­li­sche Kom­pe­tenz abge­prüft, son­dern – oh Graus – bei­des auf ein­mal. Es ist noch gar nicht so lan­ge her, dass man sich dar­auf geei­nigt hat, dass Gram­ma­tik eine die­nen­de Funk­ti­on hat und kein Selbst­zweck sein soll­te und dass die­ser Grund­satz sich auch in Prü­fun­gen wider­spie­geln soll­te, d.h. dass Gram­ma­tik nicht iso­liert abge­prüft wer­den soll­te. Jetzt möch­te man plötz­lich wie­der iso­liert nur gram­ma­ti­ka­li­sche Kom­pe­tenz und nichts ande­res über­prü­fen. Was für ein Rück­schritt!

In ein paar Jah­ren wird man dann ver­kün­den, dass die Wis­sen­schaft fest­ge­stellt hat, dass das Tes­ten von iso­lier­ten Kom­pe­ten­zen nichts bringt, weil die Sprach­wirk­lich­keit ein­fach viel kom­ple­xer ist und sich die­se Kom­ple­xi­tät natür­lich auch in Prü­fungs­auf­ga­ben wider­spie­geln soll­te. Viel­leicht erle­ben wir ja dann sogar ein Revi­val der „Nach­er­zäh­lung“, an die sich die älte­ren Kol­le­gen viel­leicht noch aus ihrer eige­nen Schul­zeit erin­nern. Da hät­ten wir dann ganz vie­le Kom­pe­ten­zen anspruchs­voll gebün­delt: Hör­ver­ste­hen, note-taking, Fähig­keit eine Geschich­te zu struk­tu­rie­ren, Gram­ma­tik, eige­ner Wort­schatz, lite­ra­ri­scher Anspruch … usw.

Böse Zun­gen sagen jetzt natür­lich, dass die­se neu­en Bestim­mun­gen über­haupt nichts mit Didak­tik bzw. Metho­dik zu tun hat, son­dern ledig­lich bes­se­re Noten pro­du­zie­ren sol­len, so wie die schwam­mi­ge Media­ti­on statt der prä­zi­sen, anspruchs­vol­len Über­set­zung, die Ver­wen­dung zwei­spra­chi­ger Wör­ter­bü­cher, das aus­ufe­ren­de Vor­rü­cken auf Pro­be und vie­les ande­re mehr.

Nach­trag: Pas­send zu mei­nem Bei­trag ein Arti­kel über die gro­ßen Erfol­ge von Ber­li­ner Schü­lern. Wir Sprach­ler soll­ten uns in die­ser Hin­sicht (wie immer) an den Mathe­ma­ti­kern ori­en­tie­ren, die sind ja schon zum Groß­teil auf 40% (z.T. sogar dar­un­ter) als Schwel­len­wert für die Note 4 run­ter. Nur hoff­nungs­los alt­mo­di­sche Pau­ker haben ein Pro­blem damit, dass unse­re Schü­ler auf die­se Art immer bes­ser wer­den.

Sie­he auch den Bei­trag von Tho­mas Rau über Fak­ten­wis­sen und Kom­pe­ten­zen.

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Chancengleichheit in der Bildung ist Illusion

  1. Max

    Re note-taking

    I am con­vin­ced that while lap­tops have a lot of good uses in the class­room, note taking is not one of them.“

    The Bene­fits of No-Tech Note Taking
    A year after ban­ning stu­dents from taking notes on lap­tops, a pro­fes­sor reports on the results.
    http://CHRONI.CL/1ALJVWX

  2. Max

    Das Video
    http://www.youtube.com/watch?v=2Dhc2zePJFE&feature=channel
    (auf das Lutz Szem­kus in ENPAED hin­wies)
    zeigt, wie ein bemer­kens­wert geschei­ter Pri­mat sei­ne Kom­pe­ten­zen – ich wür­de sagen Hör­ver­ste­hen auf Niveau A1+ der nach oben offe­nen Euro­päi­schen Refe­renz­ska­la – demons­triert. 😉

  3. Markus

    die sind ja schon zum Groß­teil auf 40% (z.T. sogar dar­un­ter) als Schwel­len­wert für die Note 4 run­ter“
    Ja, das wär bestimmt toll. Ich hat­te erst heu­te das Erleb­nis dass die Schü­ler mein­ten die Auf­ga­ben in mei­nen Klau­su­ren wären zu Anspruchs­voll (ich hat­te es gewagt 30% der Ver­rech­nungs­punk­te für eine Trans­fer­auf­ga­be zu geben bei der man doch tat­säch­lich selbst nach­den­ken muss­te), und es wäre doch mal dar­über nach­zu­den­ken ob man mit der Hälf­te der Punk­te nicht eine bes­se­re Note bekom­men könn­te – die meis­ten der Schü­ler hat­ten jedoch nicht ein­mal die­se Hälf­te der Ver­rech­nungs­punk­te erreicht…
    Gehen wir doch gleich dazu über den Schü­ler Punk­te dafür zu geben dass sie ihren Namen rich­tig schrei­ben – und ja, ich habe Schü­ler die schaf­fen das nicht … am Gym­na­si­um. Aber ich habe ja auch Ober­stu­fen­schü­ler die mir erzäh­len dass Flüs­se berg­auf flie­ßen und im Gebir­ge enden. Ich glau­be die könn­ten auch so eine Kom­pe­tenz­kom­pe­tenz gebrau­chen.

    • Ich hand­ha­be es nor­ma­ler­wei­se in einer drei­tei­li­gen Ober­stu­fen­klau­sur (3 Anfor­de­rungs­be­rei­che: 1. Repro­duk­ti­on, 2. Ana­ly­se und 3. Transfer/Creative Wri­ting) in der Regel so, dass ich – sofern auch in der 3. Auf­ga­be in irgend­ei­ner Form ein Teil Repro­duk­ti­on vor­kommt (z.B. Ergeb­nis­se aus in der Ein­heit gelau­fe­nen Inhal­ten, die dann im Trans­fer auf den Klau­s­ur­text über­tra­gen wer­den o.ä.), dass die Hälf­te der Inhalts-Punkt­zahl für die­se Auf­ga­be (wenn ALLES abge­deckt wur­de) gera­de 50% aus­macht. Erst wenn dann der repro­duk­ti­ve Teil auch top ist, kann der Schüler/die Schü­le­rin die 100% für die­sen drit­ten Anfor­de­rungs­be­reich erhal­ten.
      Wie machen das ande­ren Kol­le­gen? Das ist doch im Grun­de genom­men „nor­mal“, oder etwa nicht?

  4. Max

    Dazu das letz­te Wort, vom Gro­ßen Vor­sit­zen­den E.S.
    http://www.youtube.com/watch?v=du85qeZrAt4
    „Wer hat die Kom­pe­tenz­kom­pe­tenz?“

  5. Dem kann ich 150%ig zustim­men – so trau­rig es auch ist.
    Natür­lich soll­te man bei bestimm­ten Kom­pe­tenz­über­prü­fun­gen den Haupt­schwer­punkt auf die Ziel­kom­pe­tenz legen, aber trotz­dem noch lan­ge nicht alles ande­re ver­nach­läs­si­gen. Das ist auch in mei­nen Augen für die Schü­ler ein schlech­tes Signal à la „Es reicht, wenn ich ver­ste­he, was gesagt wird, und es auf­schrei­ben kann – aber Spre­chen brauch ich ja nicht.“
    Und ich befürch­te eben­falls, dass damit ins­ge­samt das Niveau ins­ge­samt deut­lich sin­ken wird, solan­ge man immer sol­che Aus­nah­men zulässt.

  6. Stim­me auch voll zu. Wenn man Kom­pe­ten­zen ein­zeln über­prü­fen will, kann man bei der Lese­dia­gno­se die Rechst­chrei­bung nicht mit­be­wer­ten, das ist klar. Wie sinn­voll die­se Ein­zel­dia­gno­se ist, weiß ich nicht. Die­ser gan­ze Kom­pe­tenz­kram kommt eher aus der Mathe­ma­tik, den­ke ich, und wird ziem­lich auto­ma­tisch auf Spra­chen über­tra­gen. Kri­tik am Kom­pe­tenz­kram gibt es auch:

    Bil­dungs­stan­dards auf dem Prüf­stand – Der Bluff der Kom­pe­tenz­ori­en­tie­rung (http://www.teachersnews.net/artikel/nachrichten/schulleitung/017642.php)

    So oder so, in ein paar Jah­ren gibt es dann wie­der ganz­heit­li­che Auf­ga­ben, da stim­me ich Jochen voll zu. Zu sinn­voll ist aber die Auf­zäh­lung an Kom­pe­ten­zen: „Hör­ver­ste­hen, note-taking, Fähig­keit eine Geschich­te zu struk­tu­rie­ren, Gram­ma­tik, eige­ner Wort­schatz, lite­ra­ri­scher Anspruch.“ So detail­liert ist da noch nichts. Die Kom­pe­ten­zen für die 10. Klas­se sehen ziem­lich all­ge­mein aus:

    http://www.herr-rau.de/kompetenzen.png

  7. Max

    Du sprichst mir aus der See­le. Wha­te­ver next? 😉

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