Jochen Lüders

Englisch & Sport am Gymnasium / Tango & Tanzfeste

Wiederholungsklausuren

Neulich klagte eine Kollegin über ihre grottenschlechte 8te und dass die letzte Schulaufgabe (= Klausur) so schlecht ausgefallen sei, dass sie beschlossen habe, sie zu wiederholen. Ich habe sie nur entgeistert angeschaut.

Ich habe noch nie verstanden, wie man freiwillig eine schriftliche Prüfung wiederholen kann. Gut, wenn ich – z.B. als Referendar – von meinem Seminar- bzw. Betreuungslehrer oder Fachbetreuer dazu gezwungen werde, kann ich nichts machen, aber freiwillig, als selbständig unterrichtender Lehrer nochmal ohne Not eine komplett neue Klausur erstellen und 30+x Arbeiten korrigieren? Käme mir nie in den Sinn.

Die zwei häufigsten Gründe für die Wiederholung von schriftlichen Prüfungen sind Eigen- und Fremdverschulden (meistens ist es eine Mischung aus beidem). Eigenverschulden bedeutet, dass ich meine Schüler nur unzureichend (oder auch überhaupt nicht) auf die Prüfung vorbereitet habe bzw. unklare und / oder überzogen schwere Aufgaben / Fragen gestellt habe. Fremdverschulden heißt, dass ich die Schüler ordentlich vorbereitet habe, aber die nicht (oder nicht genügend) gelernt haben oder so große Lücken im Grundwissen haben, dass sie den neuen Stoff nicht einordnen bzw. anwenden können.

Wiederholungsklausuren vermeiden beim Erstellen

  • Erstelle gleich beim Entwerfen der Klausur eine (realistische / schülergerechte) Musterlösung – mindestens stichwortartig – und integriere sie als ausgeblendeten Text direkt in die Angabe. Auf diese Art erkennst du am ehesten, ob deine Aufgaben / Fragen präzise genug und von der Schwierigkeit her angemessen sind.
  • Tipp von Max Müller: „Um den Zeitaufwand für die Schüler abzuschätzen, stoppe ich die Zeit, die ich selbst für die Erstellung einer Musterübersetzung bzw. von Musterantworten auf Fragen zum Text (am Computer getippt) benötige, und schätze mit einem angemessenen Multiplikator — ohne die Einlesezeit zu vergessen! — wieviel Zeit ein durchschnittlicher Schüler für die Klausur brauchen wird. Daraufhin habe ich schon manchmal die Zahl der Fragen reduzieren müssen!“
  • Gerade wenn du neu im Job bist:  Zeige deine Klausur einem erfahrenen Kollegen (am besten mit deiner Musterlösung) und frage ihn nach seiner Meinung.
  • Für den Fall, dass an deiner Schule Klausurangaben in einem Ordner gesammelt werden (bzw. digital verfügbar sind): Vergleiche deine Arbeit mit bereits gehaltenen. Wenn du kooperationswillige Kollegen hast: Frage den Verfasser der Klausur, ob sie sich bewährt hat bzw. ob sie zu leicht / zu schwer war.
  • Falls du neu an deiner Schule bist: Erkundige dich rechtzeitig über die an deiner Schule geltenden offiziellen (und vor allem inoffiziellen) Regeln bezüglich von schriftlichen Prüfungen. An vielen Schulen gibt es eine Staffelung. Beispiel: Ab einem Durchschnitt von 4,0 muss man sich gegenüber dem Fachbetreuer rechtfertigen, ab 4,2 gegenüber der Schulleitung. An anderen Schulen sind solche Schnitte grundsätzlich nicht „erwünscht“, es soll ja bereits Schulen geben, an denen schriftliche Prüfungen nicht schlechter als 3,5 ausfallen sollen. Falls du dir (vor allem als Berufseinsteiger) nervige Diskussionen und Ärger ersparen möchtest, beachtest du diese Vorgaben bereits beim Erstellen der Arbeit.

Wiederholungsklausuren vermeiden beim Korrigieren

  • Fange nicht gleich zu Korrigieren an, sondern schau dir erstmal die Arbeiten deiner besten Schüler durch. Klar, jeder kann mal einen schlechten Tag haben, aber wenn keiner deiner Guten das hat, was du erwartest, stimmt irgendwas nicht und du hast vermutlich zuviel verlangt. Mach noch weitere Stichproben und wenn die alle deinen ersten Eindruck bestätigen, solltest jetzt schon deinen Erwartungshorizont anpassen. Dann gibt es bei der Aufgabe X statt der erwarteten fünf inhaltlichen Items bereits mit drei oder vier die volle Punktzahl, bei der Aufgabe Y reicht es schon, wenn Z zumindest erwähnt wird, usw.
  • Arbeite mit Tabellen, dann kannst du die Punkte bei einzelnen Aufgaben bzw. (falls nötig) den ganzen Fehlerschritt problemlos ändern. Deine Klausur fällt mit 4,1 zu schlecht aus und du müsstest wieder das nervige Rechtfertigungsritual über dich ergehen lassen? Ändere in deiner Tabelle einfach den Punkte – Notenschlüssel (die Note 4 gibt’s dann z.B. bereits bei 45% und nicht erst bei 50% der maximalen Punktzahl) und schon sind dein Schnitt und deine Schüler besser (und alle freuen sich).

Wiederholungsklausuren bei Fremdverschulden

Du hast deiner Meinung nach keine Schuld an den schlechten Ergebnissen der Prüfung? Du hast deine Schäflein ordentlich vorbereitet, hast brav geübt und wiederholt? Aber diese stinkfaule Bande hat einfach wie immer nichts gelernt? Welchen Sinn soll es dann haben, das Ganze zu wiederholen? Weil die Kindlein von den schlechten Noten so geschockt sind, dass sie sich hinsetzen und was lernen? Lächerlich – warum sollten sie? Im schlechtesten Fall wissen die Schüler ganz genau, dass Klausuren nicht zu schlecht ausfallen dürfen, denn sonst bekommt der Lehrer Schwierigkeiten. Sie wissen also ganz genau, dass der Lehrer beim zweiten Versuch weniger und / oder einfachere Aufgaben stellen wird bzw. muss, also kein Grund übertriebene Aktivität an den Tag zu legen.

Der Vorwurf der „Manipulation“, der beim Verändern des Notenschlüssels gerne erhoben wird, trifft auf Wiederholungsklausuren meistens genauso zu. Nur ist die Manipulation halt nicht auf den ersten Blick erkennbar. Der Lehrer stellt auf den ersten Blick genauso schwere Aufgaben wie beim ersten Mal, nur hat er sie diesmal endlos im Unterricht vorher geübt. Oder die Aufgaben sehen genauso schwer aus, nur korrigiert er sie von vorneherin großzügiger.

Fazit: Überlege dir grundsätzlich, ob du deine Ruhe haben möchtest oder ob du gewillt bist, wegen schlechten Ergebnissen mit Fachbetreuer und / oder Schulleitung in den Clinch zu gehen. Falls du für dich für Ersteres entscheidest: Versuche mit Hilfe der o.a. Tipps Wiederholungsklausuren zu vermeiden; außer einem Haufen zusätzlicher Arbeit bringen die im Normalfall gar nichts.

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Just Juggle

  1. > Ich habe dieses Jahr zum ersten Mal (im 7. Dienstjahr) eine Klassenarbeit als “nicht gültig” erklärt – ohne Wiederholung. Das ist möglich, zumindest in Ba-Wü, wenn man […]

    Wow, eine sehr vernünftige Regelung, ist bei uns in Bayern leider nicht möglich.

  2. Lena

    Ich habe dieses Jahr zum ersten Mal (im 7. Dienstjahr) eine Klassenarbeit als „nicht gültig“ erklärt – ohne Wiederholung. Das ist möglich, zumindest in Ba-Wü, wenn man genügend andere Noten hat, wie z.B. die aus einer Hausarbeit. Grund für dieses „Nicht gültig“ war vor allem der Termin der Arbeit: stundenplantechnisch nur am Nachmittag machbar und das in der Hitzephase dieses Sommers, in der unser Schulhaus sich wie ein Backofen aufgeheizt hat. Sofort nach der Arbeit haben sich Schüler schon wegen Kopfschmerzen und Übelkeit abgemeldet, und als ich die Arbeiten in der Hand hatte, kamen mir vorwiegend Reste zermantschter Hirne entgegen … Nach der sechsten Arbeit bzw. nach der sechsten fünf erkannte ich, dass der Schnitt wohl auch in etwa dieser fünf entspräche und stellte die Arbeit ein.

  3. Friedrich

    Ich fang zwar erst im Herbst mit dem Referendariat an, deshalb weiß ich manches nicht, aber ursprünglich dachte ich, es gäbe da so einen festen Notenschlüssel (mit 85% ->Note 1, 70% ->Note 2, 60% ->Note 3, 50% ->Note 4, 33% ->Note 5, drunter Note 6), darf man den einfach mal verändern, damit der Schnitt „passt“? (weil ich als Berufseinsteiger sollte mich nicht mit Seminarlehrer, Schulleitung rumstreiten)

    • Max

      Dieser Schlüssel gilt verpflichtend nur für das Abitur, bzw. Schulaufgaben, die einen ebenso hohen Anteil an Aufgaben mit hohem Anforderungsniveau aufweisen.

    • Coco

      Also in Sachsen legen die Fachkonferenzen die Notenschlüssel fest.
      Damit bin ich an den Beschluss der FK gebunden.
      Und auch wie schwer eine Klausur / Klassenarbeit sein muss (also wie viel Anforderungsbereich I, II und III).

    • Axel

      Der „Notenschlüssel“ wird auf der Gesamtlehrerkonferenz zu Beginn eines jeden Schuljahres beschlossen.
      Als strenger, jedoch schaffbarer Mittelweg bietet sich unsere Lösung (Grundschule Sachsen) an:
      1 bis 96%
      2 bis 80%
      3 bis 65%
      4 bis 45%
      5 bis 25%
      6 darunter

      • Jochen

        > Als strenger, jedoch schaffbarer Mittelweg …

        Ähm, „streng“???

        In Bayern braucht man im ABITUR (!) mind. 33% für die 5 und 50% für die 4. Aus bayerischer Sicht ist euer Schlüssel deshalb alles andere als „streng“, aber gut ist ja auch Grundschule.

  4. Wiederholungsklausuren sind auch ein „schönes“ Phänomen, was ich bei vielen Mathe-Kollegen immer wieder entdecke. Es scheint mir fast so, als würden manche Mathe-Lehrerinnen und -Lehrer absichtlich Klausuren so schwierig stellen, dass sie zwangsläufig wiederholt werden MÜSSEN. Ein Mathe-Kollege an einer anderen Schule hat im vergangenen Schuljahr (bis auf 1 oder 2 Ausnahmen) jede (!) Klassenarbeit wiederholt. Da kann ja dann auch irgendwas nicht stimmen. Natürlich mag man jetzt sagen, dass Matheklausuren schneller korrigiert sind als Englischklausuren – trotzdem sollten sich manche Kollegen – wie du, Jochen, das auch ausgeführt hast – vorher fragen, ob Sie zum Einen Lust auf den zusätzlichen Stress haben oder vorher sich wenigstens etwas mehr Mühe beim Vorbereiten der Klausur (im Unterricht und daheim) geben.

  5. Philipp

    Ich stimme dir völlig zu: eine Wiederholungsklausur würde ich freiwillig nie stellen. Ich kann zwar auch ganz gut verstehen, dass man keinen Stress mit Fachbetreuung oder Schulleitung haben will, wobei ich das als Fachbetreuer auch komisch finde. Es gibt bei uns zwar – gottseidank – keine solche Staffelung, sondern man muss ggf. gleich zum Chef, aber ich würde das als FAchbetreuer auch nicht machen wollen. Wenn ich meine/n Kollegen/in nicht für notorisch unfähig halte, (was es in ganz vereinzelten Fällen auch geben mag) werde ich doch die Richtigkeit des Ergebnisses nicht anzweifeln. Andererseits: wenn mir das einmal passiert, dass die Arbeit „zu schlecht“ ausgefallen ist, kann ich mich ja auch wirklich „rechtfertigen“ gehen. Das heißt, ich gehe halt hin und erkläre warum das Ergebnis so ist. Wenn mir das nicht alle 10 Tage passiert, sollte es eigentlich kein so großes Problem sein, oder? – Oder ich überleg es mir vorher, korrigiere halt hoch und gebe die Arbeit dann mit dem „passenden“ Schnitt – ohne Stress – raus.
    Ein widerliches Thema – und schlimm, dass dieser Druck von Seiten der Schulleitung häufig so massiv ist…

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