Direkter Unterricht

Immer mal wieder sollte man Unterricht aus Schülerperspektive erleben. Erst dann wird einem wieder bewusst, wie grausam und tödlich langweilig Unterricht sein kann: “Motivierende” Einstiege, die zu einem einzigen Ratespiel werden, weil es gilt herauszufinden, wohin das alles nun führen soll. Ein “fragend-entwickelnder” Unterricht, in dem aus den Schülern etwas herausgeholt werden soll, was sie schlichtweg nicht in ihnen drinnen ist. Wiederholtes Umformulieren von Fragen durch den Lehrer, bis er dem Schüler die Antwort endlich in den Mund gelegt hat. Lähmende Langeweile weil das deduktive “Erarbeiten” (gerne in der Gruppe) nicht wirklich weiterbringt. Außerdem kriegt man “ganz hinten” schon akustisch nicht mit, was vorne gebrabbelt wird etc. pp. Ich kann nur jedem empfehlen, sich immer mal wieder dieser Erfahrung auszusetzen!

Je älter ich werde, desto mehr überzeugt mich das Konzept des “direkten Unterrichts“, das sich radikal gegen diesen ganzen Motivations-Quatsch und das meist damit verbundene “Erarbeitungsmuster” wendet:

Das Modell des Direkten Unterrichtens

Deine Aufgabe als Lehrer ist es, den Schülern etwas beizubringen. Nimm diese Aufgabe wichtig und erfülle sie so effektiv, wie du kannst.

Wenn ich will, dass meine Schülern etwas lernen, dann muss ich es ihnen beibringen.

Das ist die schlichte Grundidee des Direkten Unterrichtens. Lehrerinnen und Lehrer, die Direktes Unterrichten professionell und kompetent praktizieren, beschäftigen sich wenig mit trübsinnigen Betrachtungen über die zunehmend mangelhafte Begabung, Anpassungsfähigkeit, Erziehbarkeit, Lern- und Arbeitsmotivation der heranwachsenden Generationen. Sie wollen jedem Kind so viel beibringen wie möglich. Dafür fühlen sie sich verantwortlich. Und sie bemühen sich intensiv und mit ansteckender Begeisterung, dieser Verantwortung gerecht zu werden.

Die Zutaten des Direkten Unterrichts

1. Klar strukturierte Lernerfahrungen,
2. kleine Schritte, flottes Tempo,
3. detaillierte und redundante Erklärungen,
4. viele Fragen und Aufgaben, alle Schüler üben aktiv,
5. viele Rückmeldungen, viel Korrigieren von Schülerantworten,
6. mindestens 80 Prozent der Schülerantworten sind richtig,
7. kurze Stillarbeitsphasen, Überwachen der Schülerarbeit,
8. Lernerfolg durch Überlernen.

Jochen Grell “Direkter Unterricht”

Jochen und Monika Grell Unterrichtsrezepte bei Amazon

6 Gedanken zu „Direkter Unterricht

  1. Als in der Lernziel-Zeit sozialisierter Lehrer weiß ich die genau kalkulierten kleinen Schritte zu schätzen,
    aber aus meinen Erfahrungen mit dem programmierten Lernen weiß ich auch, dass Verstehen mehr ist als ein Summieren kleiner Schritte: Das ‘Aha’ wird nicht durch viele kleine Schritte, sondern durch einen Steilpass ermöglicht.
    Fürs Korrigieren eine Anmerkung: Man müsste die Schüler dahin kriegen, dass sie die Korrekturen als solche wahrnehmen; bei der HA-Besprechung (gedruckter Text mit Rand) war mein Text der mit den meisten Korrekturen, manche Schüler-Texte bewahrten ihre weiße Unschuld bis zum Stundenende. Ich habe auch immer am längsten die vorliegende HA gelesen, d.h. mich am intensivsten darauf eingelassen.
    Wie man das ändern kann, brauche ich als Pensionär mir nicht mehr zu überlegen; das gebe ich an euch, liebe aktive Kollegen, weiter.

  2. Das System “Revision” wird erst wirklich wirksam (und einfacher zu handhaben), wenn die anderen Englischlehrer es auch praktizieren, die Deutschlehrer es auch praktizieren…
    Geht das nicht? Lebt es zu sehr von deiner Vision? Du sprichst ja auch von deiner eisernen Konsequenz: Wie kriegt man die Schüler dahin, dass sie selber das richtige Englisch lernen wollen (statt nur der 4 oder 2 in Englisch)? Ich selber habe das Überarbeiten erst gelernt, als ich meine Texte veröffentlichen konnte/sollte/wollte und eben gute Texte abliefern wollte.
    Diesen Mischmasch von können/sollen/wollen, wie kriegt man den zusammen? Kann den anderer überhaupt für mich brauen?

  3. > Geht das nicht?

    Nein, zumindest an meiner Schule geht das nicht. Ich habe es längst aufgegeben darauf zu warten bzw. zu hoffen, dass andere Kollegen irgendwo mitmachen. Wenn ich Überarbeiten wichtig finde, mache ich es, wenn ich Grundkenntnisse in Textverarbeitung für unerlässlich halte, verlange ich sie usw. – was die anderen Kollegen machen, ist mir in diesem Fall auf gut bayerisch wurscht. Natürlich wäre vieles wirkungsvoller, wenn man gemeinsam an einem Strang ziehen würde …

    > Wie kriegt man die Schüler dahin, dass sie selber das richtige Englisch lernen wollen (statt nur der 4 oder 2 in Englisch)?

    Das wird m.E. immer nur bei einzelnen Schülern gelingen. Ich habe aber kein Problem damit, wenn mir z.B. ein naturwissenschaftlich interessierter Schüler erklärt, dass ihm die 4 in Englisch völlig reicht. Mir hat als Schüler eine 4 in Chemie oder Mathe auch völlig gereicht, diese Fächer haben mich NICHT INTERESSIERT. Der Wunsche ALLE Schüler für sein Fach zu begeistern ist ehrenwert, aber eben auch total unrealistisch und kann im schlechtesten Fall sehr viel Unzufriedenheit bewirken.

    > Diesen Mischmasch von können/sollen/wollen, wie kriegt man den zusammen?

    Mit einer gesunden Mischung aus Zuckerbrot (= Motivation) und Peitsche (= Sanktionen).

    > Kann den anderer überhaupt für mich brauen?

    Letzten Endes muss jeder seine eigene Mischung finden. Trotzdem ist es natürlich immer hilfreich zu schauen wie es andere machen, selbst wenn man nur zu dem Schluss kommt, dass man es SO auf keinen Fall machen will ;-)

  4. Ja, natürlich, ich war auch ein Einzelkämpfer – einmal wurde sogar der Punkt “Textanalyse”, zu dem ich ein Papier vorbereitet hatte, von der Tagesordnung der Fachkonferenz abgesetzt (Mehrheitsbeschluss), weil man das schließlich zu Hause lesen k ö n n t e (Konjunktiv II!). Da hatte ich endgültig die Nase voll.
    Umso wichtiger ist es, dass man (du zum Beispiel) seine Sachen im Netz vorstellt und zum Nachmachen freigibt (ich habe mehrere zustimmende Rückmeldungen für meine Blogs bekommen) – aber der A u s t a u s c h ist virtuell halt mühsam. An meiner ehemaligen schule ist ein Englischkollege, der seine Sachen höchst differenziert ausgearbeitet hat, aber sie nicht veröffentlicht, sondern nur über Passwort Zugang gewährt.
    Alles Gute jedenfalls für deine Bemühungen!

  5. > aber der A u s t a u s c h ist virtuell halt mühsam.

    Findest du? Bin ich völlig anderer Meinung.

    > An meiner ehemaligen schule ist ein Englischkollege […] Passwort Zugang gewährt.

    Und wieviele Kollegen erreicht er mit diesem Verfahren?

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>