Jochen Lüders

Englisch & Sport am Gymnasium / Tango & Tanzfeste

Belegen

Was mich immer wieder verblüfft bzw. ganz erheblich nervt ist, dass bei den verschiedenen Musterlösungen zu Questions on the text mit denen ich zu tun habe (in Lehrerhandreichungen, Schulaufgaben von Kollegen, Abitur „Korrektur-Hinweisen“ vom Ministerium etc.) nur sehr selten Zeilenangaben zu finden sind. Meistens werden gerade mal wörtliche Zitate mit Zeilenangaben „belegt“, bei allem anderen darf man oft rätseln, wie der Verfasser zu seinen Aussagen und Behauptungen kommt.

Um zu veranschaulichen was ich meine, mal eine Musterantwort aus einer Schulaufgabe über About a Boy. Die Frage lautete: „How does Marcus see his fellow pupils? What thoughts and feelings do they evoke in him?“

Marcus sees his fellow pupils as dangerous “sharks” (36) and as people who commit all kinds of crimes (29-32). The girls do not take any notice of him (32-33). For him his fellow pupils constantly try to find something in his appearance to poke fun at (34-40).

The behaviour of his fellow pupils evokes above all negative thoughts and emotions. The fact that he thinks “darkly” (32) about them and feels “safe” at his desk (29) reveals that he is afraid of them. He suffers from the girls’ “snorts of laughter” (32) and is humiliated when his “wrong” looks send his classmates “wild with excitement” (38).

Ich verlange also, dass grundsätzlich alle Aussagen über den Text, egal ob wörtlich zitiert oder mit eigenen Worten paraphrasiert, explizit mit Zeilenangaben belegt werden. Im Englischen spricht man von citing a quote bzw. (in-text) citations oder parenthetical citations. Wenn Schüler früh genug lernen auf diese Art nah am Text zu arbeiten, ist das später überhaupt kein Problem.

Meine These ist, dass ich (mal abgesehen vom „wissenschaftspropädeutischen“ Aspekt) mich mit der Korrektur wesentlich leichter tue und die Korrektur auch insgesamt gerechter ist.

Wie man sieht, spare ich mir bei den Zeilenangaben das ‚l.‘ bzw. ‚ll.‘. Wenn ein Schüler diese Abkürzungen benützen möchte, kann er das gerne machen, nur soll er es dann richtig (‚ll.‘ bei mehr als einer Zeile) und vor allem einheitlich machen. Meine Faulheit Methode basiert übrigens auf dem (im angelsächsischen Raum sehr verbreiteten)  MLA Style Guide. Nachdem unsere Schüler es bei Klausuren normalerweise nur mit einem Text bzw. Autor zu tun haben, braucht man den nicht jedes Mal zu nennen. Die Seitenzahlen (die nach MLA Regeln auch ohne ‚p./pp.‘ angegeben werden) werden nun einfach durch die entsprechenden Zeilennummern ersetzt.

Ein Grundprinzip wissenschaftlichen Arbeitens ist bekanntlich der korrekte Umgang mit Quellen. Fremde Quellen müssen genannt werden, völlig unabhängig davon, ob ich wörtlich zitiere oder mit eigenen Worten paraphrasiere bzw. zusammenfasse. Wenn ich eine Frage zu einem Text beantworten soll, arbeite ich mit einer fremden Quelle. Alle Aussagen und Behauptungen, die ich über diesen Text mache, muss ich folglich explizit mit Hilfe von Zeilenangaben belegen. Mir ist völlig schleierhaft, warum diese „Nachweispflicht“ nur für wörtliche Zitate gelten soll.

Schauen wir uns mal die Korrekturpraxis an. Im Folgenden beschäftige ich mich vor allem mit der Frage „Wie können mir Zeilenangaben die Korrektur erleichtern?“ bzw. eng damit verbunden „Wie können Zeilenangaben helfen GERECHTER zu korrigieren?“

Für die folgenden Überlegungen muss man wissen, dass wir in Bayern bei Questions on the Text (zumindest in der Oberstufe und beim Abitur) Punkte für Inhalt und Sprache vergeben. Es gibt für jeden Bereich maximal 5 Punkte, also insgesamt max. 10. Diese 10 Punkte werden je nach Schwierigkeit der Frage mit 1, 2 oder 3 multipliziert, so dass der Schüler für seine Antwort insgesamt maximal 10, 20 oder 30 Punkte bzw. BE (= Bewertungseinheiten) bekommen kann.

Das Problem ist nun natürlich, dass in der Praxis Inhalt und Sprache oft nicht sauber voneinander zu trennen sind. Meine These ist nun, dass Zeilenangaben unabdingbar sind, um zu erkennen, was der Schüler eigentlich sagen will bzw. um beurteilen zu können, ob er den Text überhaupt verstanden hat.

Für die Korrektur sind Zeilenangaben für paraphrasierte Passagen eigentlich viel wichtiger als für wörtliche Zitate. Wenn ich einen Text aufmerksam gelesen habe, kann ich ein wörtliches Zitat normalerweise schnell identifizieren und im Text finden. Bei Passagen, die die Schüler „in their own words“ geschrieben haben, tue ich mich da häufig wesentlich schwerer. Der Satzbau ist vermurkst, die Bezüge von Pronomen sind unklar, falsche Wörter erschweren das Verständnis noch zusätzlich – irgendwann bricht die Kommunikation zusammen, man versteht einfach nichts mehr und gibt auf diese Passage bzw. ggf. auf die ganze Antwort wenige oder gar null Punkte.

MIT Zeilennummern erkennt man aber zumindest, dass er Schüler die richtige(n) Passage(n) gemeint hat und kann ihm zumindest für den Inhalt noch ein paar Punkte geben. Um inhaltlich volle Punktzahl zu bekommen muss der Schüler sich auf bestimmte Passagen beziehen, ob er zitiert oder eigene Worte verwenden kann, schlägt sich in der Punktzahl für die Sprache nieder, das VERSTÄNDNIS des Textes (und damit der Bezug zu den richtigen Passagen) erkenne ich an den Zeilennummern, auch wenn die Antwort ansonsten sprachlich völlig misslungen ist. Ich finde es ungerecht, wenn Schüler, die einen Text eigentlich verstanden haben, aber halt sprachlich schlecht sind, nicht mal ein paar Punkte für Inhalt bekommen, weil sie gar keine Möglichkeit haben zu zeigen, dass sie den Text eigentlich kapiert haben.

Ebenso ungerecht ist es, wenn Schüler Punkte bzw. eine gute Note bekommen, obwohl sie eigentlich wenig verstanden haben. Es ist gar nicht so schwer sinnvolle Dinge über einen Text zu schreiben, den man im Grunde genommen überhaupt nicht verstanden hat. Ein Beispiel: In einer 10ten mache ich immer eine Unterrichtsreihe über Fabeln. Anhand von fünf Fabeln von James Thurber besprechen wir die Grundlagen der Textarbeit und üben Interpretieren. Bei allen Fabeln stoßen wir früher oder später auf Paralleln zu Nazi-Deutschland (z.B in „The Rabbits Who Caused All The Trouble“ und „The Very Proper Gander“). Immer wieder geht es um Konformismus und die Schwierigkeiten von Außenseitern. Jeder halbwegs intelligente Schüler kann sich jetzt ausrechnen, dass mit großer Wahrscheinlichkeit in der Schulaufgabe etwas Ähnliches drankommt und er bei der Frage „What might have been the author’s intention?“ nicht völlig falsch liegt, wenn er wieder etwas über Konformismus schreibt. Solange er seine Behauptungen nicht explizit mit Zeilennummern am Text belegen muss, kann er munter drauflosfabulieren und auswendig Gelerntes zu Papier bringen. Auch im Unterricht kommen Schüler durch intelligent guessing mitunter zu sinnvollen Aussagen, erst wenn man nachhakt und genau wissen will, wie denn ein Schüler zu einer Aussage kommt, wird klar, dass sie auf einem kompletten Missverständnis beruht.

Wenn ich Kollegen frage, warum sie es NICHT so wie ich machen, bekomme ich eigentlich nie eine vernünftige Antwort, sondern nur Gemurmel in Richtung „Habe ich so gelernt“ bzw. „Haben wir immer schon so gemacht“. Schadenfreudig bin ich allerdings, wenn sie mal wieder über die fürchterlichen Korrekturen klagen und jammern, dass man oft einfach nicht nachvollziehen könne, wie die Schüler in ihren Antworten auf so einen Sch*** kämen.

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  1. Corinna

    Ich stimme Dir völlig zu in Bezug auf die Zeilenangaben (auch als Deutschlehrerin), finde es aber problematisch zu denken, dass der Schüler den Text verstanden hat, nur weil er die richtigen Zeilen angeben kann. Was er verstanden hat, ist, dass diese Textpassage auf irgendeine Weise mit der Fragestellung zusammenhängt. Wenn wir nett sind, unterstellen wir ihm dann, dass er es schon so meint, wie wir meinen….

    • > finde es aber problematisch zu denken, […]

      Da hast du natürlich Recht. Aber ich bin halt nun mal ein netter Mensch 😉

    • rip

      >… problematisch zu denken, dass der Schüler den Text
      >verstanden hat, nur weil er die richtigen Zeilen angeben
      >kann …

      Das finde ich auch problematisch, aber deswegen heißt es ja bei den Arbeitsanweisungen meistens „in your own words as far as is appropriate“. Mit anderen Worten, sobald es nicht um eine stilistische Besonderheit geht, bei der man den Text zitieren *muss* (Metapher, Neologismus etc.), ist es sinnvoll, vom Schüler zu erwarten, dass er die betreffende Stelle in eigenen Worten formuliert und dann angibt, auf welche Textpassage er sich bezieht. Der Prozess der Umformulierung setzt schon ein gewisses Maß an Verständnis voraus.
      Auch im Fach Deutsch ist es ja bei Textanalysen nicht vernünftig, einen Zitatanteil von mehr als, sagen wir mal, zehn Prozent zu haben.

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