2 : 1

… ist im bayerischen G8 in den Jahrgangsstufen 11 und 12 das Verhältnis von Praxis zu Theorie bei der Berechung der Sportnote. Hier die offizielle Bestimmung:

Im Fach Sport ergibt sich die Halbjahresleistung als Durchschnittswert aus dem doppelt gewichteten Durchschnitt der Punktzahlen der praktischen Leistungen im gewählten sportlichen Handlungsfeld sowie dem Durchschnitt der Punktzahlen der anderen kleinen Leistungsnachweise. [Quelle Absatz (6)]

Kleine Leistungsnachweise sind z.B. “selbständiges Gestalten von Stundenteilen, Demonstrationsaufgaben, Kurzreferate oder theoretische Prüfung” (Quelle bei 2.1)

Im G9 war das Verhältnis von Praxis zu Theorie noch 4 : 1 (vgl. § 61a (3) für gk und (5) für LK). Anders gesagt, die Praxis ist jetzt nur noch halb so wichtig wie früher, oder andersherum die Theorie bzw. “kleine Leistungsnachweise” zählen jetzt doppelt so viel wie früher.

Rechnen wir das Ganze mal an einem praktischen Beispiel durch: Max konnte Volleyball noch nie leiden. Das blöde Gebaggere und Gepritsche ging ihm schon immer auf die Nerven. Angaben gelingen ihm nur höchst selten, entweder er haut daneben oder er donnert den Ball an die Decke. Im Spiel steht er meistens unbeteiligt rum und macht keine Anstalten den Ball erwischen zu wollen. Sein Sportlehrer ist über Max’ Desinteresse erbost und gibt ihm drei Punkte, also eine gute 5.

Max mag zwar kein Volleyball, er hat aber in vielen Schuljahren gelernt unsinniges Zeug auswendig zu lernen und zu Papier zu bringen. Im Theorietest weiß er deshalb z.B., dass beim Volleyballfeld die Linien 5 cm breit sein müssen, dass die Netzhöhe bei den Frauen 2,24 m beträgt, kennt alle Auswechselbeschränkungen, weiß, wann Volleyball olympisch wurde und auch Fragen zur Rolle des Libero können ihn nicht schrecken. Kurzum, Max bekommt im Theorietest glänzende 15 Punkte.

Was bekommt er jetzt insgesamt in diesem Semester? Praxis 3 multipliziert mit 2 ergibt 6 plus Theorie 15 macht 21 geteilt durch 3 macht 7, also eine schlechte 3, noch befriedigend. Max findet dieses Ergebnis natürlich auch befriedigend. Er hat sich das ganze Semester kaum bewegt /angestrengt, hat lediglich eine Stunde lang allen möglichen Blödsinn auswendig gelernt (den er nach dem Test natürlich sofort wieder vergisst) und bekommt dafür die Note 3. Da kann man nicht meckern.

Warum wurde im Vergleich zum G9 die Bedeutung der praktischen Leistungen um die Hälfte reduziert? Natürlich um die Schüler zu motivieren sich mehr zu bewegen und anzustrengen. Sport ist bekanntlich das einzige “Bewegungsfach” an der Schule und es ist ebenfalls bekannt, dass die Fitness unserer Kinder und Jugendlichen ständig abnimmt und ein Großteil von ihnen vormittags in der Schule und nachmittags vor dem Fernseher, bzw. dem Computer bzw. der Spielekonsole rumhockt. Je weniger die praktische Note zählt, desto mehr und lieber werden sich die Kinder bewegen.

Warum wird im Vergleich zum G9 die Bedeutung der “kleinen Leistungsnachweise” verdoppelt? Natürlich weil Sport das einzige BEWEGUNGSfach an der Schule ist und weil das Fach dadurch aufgewertet wird. Je mehr Referate es im Sportunterricht gibt, desto mehr freuen sich die Schüler auf die anschließende Bewegung. Auch das “selbständige Gestalten von Stundenteilen” macht allen Beteiligten viel Freude. Unser Max könnte z.B. das Thema “Finten beim Schmettern” übernehmen. Darüberhinaus erhöht natürlich auch theoretisches Wissen die Freude an der Bewegung. Je mehr ich z.B. über die Linienrichter beim Volleyball weiß, desto intensiver werde ich Baggern und Pritschen üben wollen.

Welche Auswirkungen werden die neuen Bestimmungen auf den Sportunterricht in der Oberstufe haben? Vielen KollegInnen werden die neuen Bestimmungen schnuppe sein. Bei ihnen war eine schlechte 3 schon immer die schlechteste Note, 4er bekommen eh nur die Vollnieten. Alle anderen, die den Schülern die Noten nicht hinterherwerfen wollen, werden logischerweise die kleinen Leistungsnachweise aufwerten, d.h. anspruchsvoller machen. Mehr theoretischer Unterricht (am besten mit Lehrvideos gleich im Klassenzimmer), mehr und schwierige Handouts und mehr und längere bzw. anspruchsvollere Referate. Dadurch werden sich die Schüler dann wieder mehr bewegen.

Dazu passt auch, dass der Begriff “Leistungsbereitschaft” offenbar völlig verschwunden ist, ich kann ihn jedenfalls nirgends mehr finden. Gottseidank strengen sich Schüler immer dann am meisten an, wenn wir es nicht verlangen und auch nicht mit Noten honorieren.

5 Gedanken zu „2 : 1

  1. Schüler strengen sich vor allem dann an, wenn sie das Thema interessiert. Das ist aber immer so, egal ob in der Schule, in der Uni oder in der Firma – oder bei Hobbys. Interessiert es Dich, machst Du auch was. Das Problem ist es, dieses Interesse zu wecken. DAS und nicht das Unterrichten ist das Hauptziel eines Lehrers, in meinen Augen. Sind die Schüler erst einmal an einem Thema mit Feuer und Flamme dabei, sorgt schon der gegenseitige Druck, besser zu sein als der Andere, für entsprechenden Einsatz.

    Und stupides Auswendiglernen irgendwelcher (Sportregeln/Formeln/Kriterien) bringt NICHTS, wenn das Interesse nicht da ist und vor allem nicht, wenn man weiß, dass man das so oder so später nie brauchen wird. Das ist das zweite Ziel des Lehrers: den Schülern zu zeigen, dass Lernen eben nicht umsonst ist.

    Nur kümmert das sowohl die Politik als auch die Ausbildung der Lehrer nicht.

  2. > Das Problem ist es, dieses Interesse zu wecken.

    Richtig, das geht aber manchmal / oft nicht ohne Druck. Mein Paradebeispiel ist natürlich immer Aerobic ;-) Meine Güte, was war das auch bei euch für eine Genöle und Gemotze, erinnerst du dich? Ich hab’s trotzdem durchgezogen und was war das Ergebnis? Im nächsten Jahr kamen FREIWILLIG sechs von euch in den gk Tanz.

  3. Liebe Kollegen,

    gilt die 2:1 Regelungena auch für den Sportunterricht der Klassen 5-10?! Oder gelten hier folgende Empfehlungen der ISB-Seite? :

    Im Fach Sport werden in jedem Schulhalbjahr mindestens 2 praktische Leistungsnachweise aus
    2 sportlichen Handlungsfeldern und mindestens ein nicht-praktischer Leistungsnachweis
    gefordert. Die Gesamtnote ergibt sich aus dem gerundeten Mittelwert aller Leistungsnachweise

    Danke für eure Antworten!

  4. Liebe Kolleginnen und Kollegen,

    oben das Verhältnis zwischen Praxis und Theorie im GK früher als 4:1 darzustellen ist nich einmal nur die halbe Wahrheit, sondern leider falsch.
    Das Verhältnis von von Praxis/Theorie und anderen Unterrichtsbeiträgen war immer schon 2:1 (siehe damalige Durchführungsbestimmungen! Der Teil wurde oben einfach weg gelassen!). Im Unterschied zu jetzt war in der Praxis die Theorie mit 1:4 vertreten, so dass das Gewicht der Praxis insgesamt sogar niedriger war!!
    Jetzt hat man die Möglichkeit (wie oben zitiert) neben der doppelt gewichteten reinen (!) Praxisnote eben Demonstrationsaufgaben, Stundenteile etc. (also eher praktisch) zu einem Drittel (wie früher auch) in die Note eingehen zu lassen und auf einen Theorietest (deswegen steht dar “oder”!) ganz zu verzichten (der war übrigens auch früher nirgends festgeschrieben). Somit SINKT im Vergleich zum früheren GK sogar das Gewicht der Theorie bzw. steigt das der Praxis, wenn man will!
    Wenn man natürlich einen Theorietest schreiben lässt und den einzig als das eine Drittel “anderer Leistungsnachweise” zählen lässt, so darf man sich nachher nicht beschweren, wenn die Theorie eben ein Drittel zählt. Die Durchführungsbestimmungen zwingen einen jedenfalls nicht dazu!
    De facto kann also heute das Gewicht der Theorie im Vergleich zu früher gesenkt werden!!!

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>