Jochen Lüders

Englisch & Sport am Gymnasium / Tango & Tanzfeste

Kugelstoßen

Es gehört m.E. zu den Absurditäten unseres (bayerischen) Sportlehrplans, dass wir auf der einen Seite „gesundheitsorientiertes Fitnesstraining“ betreiben sollen und den Schülern erklären, warum sie z.B. bei The Plank nach unten sehen sollen und sie auf der anderen Seite immer noch laut Lehrplan Kugelstoßen lassen sollen.

Man muss nicht viel Ahnung von Rückenschule und rückengerechtem Verhalten haben um zu verstehen, dass Kugelstoßen so ziemlich alles vereint, was schlecht für den Rücken, vor allem die Lendenwirbelsäule ist:

stossen.gif

Es handelt sich um eine einseitige, explosive Verwringung des Körpers nach vorne-oben, bei der man fast automatisch ins Hohlkreuz kommt mit einem für die meisten Schüler viel zu hohen Gewicht [Anmerkung: Die Bildreihe zeigt eine vereinfachte Technik, die komplette Bewegung sieht man in dieser Animation.] Man frage mal einen Orthopäden, was er von dieser Bewegung hält. Für trainierte Sportler mag das Ganze nicht sonderlich schädlich sein, für die immer größer werdende Zahl von übergewichtigen couch potatoes mit meistens völlig untrainierten Rückenmuskeln ist es jedoch m.E. kompletter Unsinn. Da kommt es dann zu absurden Stunden, in denen der Lehrer beim Aufwärmen darauf hinweist nur ja keine herkömmlichen sit-ups zu machen, weil die ja sooo schlecht fürs Kreuz sind und danach die Schüler ungerührt Kugel stoßen zu lassen.

Bekanntlich haben heute schon viele 20-jährige Rückenprobleme und Bandscheibenvorfälle. Müsste da der Schulsport in den wenigen Stunden, die ihm zugestanden werden, nicht prophylaktisch zukünftige Rückenschmerzen bekämpfen bzw. zumindest lindern, anstatt sie noch zu verstärken?

Gegen Stoßen allgemein ist ja nichts zu sagen: Paarweise in Gegenüberstellung z.B. mit angemessen schweren Medizinbällen mit aufrechtem Oberkörper mit geringer Verwringung und auf beiden Seiten ist das eine sinnvolle Übung, aber das traditionelle Kugelstoßen gehört m.E. in die Mottenkiste des Schulsports.

Aber WARUM müssen Schüler heute noch eine häufig verrostete, dreckige Eisenkugel in eine Sandgrube wuchten?

… weil es sich um eine motivierende Bewegung handelt?
… weil man diese Bewegung (wie Volleyball und Fußball) auch noch nach der Schule („lifetime“-Sportart) gerne ausübt?
… weil es eine ästhetisch ansprechende Bewegung ist? [Weil viele Schüler verständlicherweise diese schmutzige Ding nicht an ihren Hals pressen wollen, halten sie die Kugel vom Körper entfernt, dadurch wird die Bewegung durch die geänderten Hebelverhältnisse noch schlechter für den Rücken]
… weil man sich nicht viel bewegen muss? Hier lautet die Antwort zweifellos JA, selten hat man mehr als drei oder vier Anlagen, d.h. die Schüler stehen in gaaanz langen Reihen herum und vertrödeln ihre Zeit.

Für mich ist Kugelstoßen ein klassischer Fall von „Hamma imma scho gmacht“. Bemerkenswert ist allerdings, dass es irgendwelche vorgestrigen Turnvater-Jahn Typen immer wieder schaffen, so einen Käse in die Lehrpläne zu bringen bzw. dort zu halten.

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  1. Sporti

    …und Turnen lässt man lieber auch. Und Volleyball (Umknicken), Basketball ebenso (Körperkotakt), Fußball (Ball im Gesicht, Knie verdrehen), sämtliche andere LA-Disziplinen (Hochsprung-> Hohlkreuz, Speer-> Hohlkreuz,…), usw…!
    Ist ja nicht so dass man Kugelstoßen am luafenden Band macht und es zu einer dauerhaften Schädigung kommt.
    Abgesehen davon ist es für pubertäre Jugendliche (8. bis 10. Klasse) doch ne schöne Möglichkeit sich zu messen und ihren hormongesteuerten Urtrieben freien Lauf zu lassen.
    Nichts für Ungut, ich denke jeder hat ne Sportart / Disziplin die er nicht mag.
    Grüße

  2. Kugelstoßer

    Ein Tip vom Praktiker an alle Sportlehrer, die leichtathletische Würfe attraktiv machen möchten:
    Umsetzen der Maxime vom Leichten zum Schweren, vom Einfachen zum Speziellen (hoffenlich schon einmal davon gehört).
    Auch Kugelstoßen kann mit reduzierten Gewichten und vereinfachten (schülergerechten) Bewegungsformen wie Angehen (seitlich oder Rückwärts gewandt)oder Seitlichem Angleiten mit geringerer Verwringung zum einen weniger körperbelastend sein und fördert durch den schnelleren Lernerfolg beidem Einsatz von leichteren Gewichen auch den Spaß an der Bewegung. Es ist im Sportunterricht nicht sinnvoll, die komplexe Bewegung des Kugelstoßens in Perfektion praktisch umsetzen zu wollen, Aktive brauchen dafür Jahre. Einfachere Übungsformen anwenden, dann macht auch hier der Unterricht Spaß
    Mit sportlichem Gruß

  3. > Eine Hohlkreuzstellung kommt bei richtiger Technik Ausführung nicht vor.

    So so, und wie lange muss man üben bis man die „richtige Technik“ beherrscht? Wenn man alles richtig macht, gibt es auch beim Weitsprung keine Stauchung und beim Speerwurf keine Zerrung. Nur machen es halt die wenigsten Schüler richtig, weil die Technik anspruchsvoll ist.

  4. Andi und Stephan

    Sehr geehrte Kollegen,

    zum Thema Kugelstoßen im Sportunterricht möchte ich folgende Illusionen aus der Welt schaffen.

    1. Eine Hohlkreuzstellung kommt bei richtiger Technik Ausführung nicht vor. Eine Hohlkreuzstellung kommt definitiv nicht durch eine zu schwache Rückenmuskulatur zu stande sondern durch eine zu schwache Bauchmuskulatur zu stande.

    2. Die Drehbewegung ist völlig unbedenklich da die Lendenwirbelsäule anatomisch überhaupt nicht drehen kann. Die Drehbewegung des Körpers übernimmt die Brust und Halswirbelsäule.

    3. Besonders der anatomische Typ des „Pyknikers“ hat bei dieser Sportart (Disziplin) einmal die Chance ein gute Leistung zu erreichen. Somit ist das Kugelstoßen aus Gründen der Motivation wertvoll.

    Mit bestem Gruß

  5. Jochen P

    Hallo Herr Kollege!

    Da kann man nur zustimmen…
    Auch als nicht studierter Sportlehrer habe ich trotz Leistungstraining im Bereich Schwimmen (gute Rückenmuskulatur) ständig Zerrungen im Rücken und der Seite vom Kugelstoßen bekommen.
    Eine positive Seite gibt es aber: couch potatoes können ihr Kampfgewicht einsetzen.
    „Hamma imma scho gmacht“ stimmt leider auch in BaWü und ist nach meiner Ansicht ein seeeehr weit verbreitetes Thema im Bildungsplan. Nicht nur im Sport…

    Trotzdem musste ich wegen der Überschrift grinsen 😉

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