Jochen Lüders

Englisch & Sport am Gymnasium / Tango & Tanzfeste

Revise It Again, Max

Konventionelles Korrigieren von Hausaufgaben (vor allem Aufsätzen) ist meiner Meinung nach eine weitgehend sinnlose Tätigkeit. Vielleicht hast DU ja Schüler, die sich die korrigierte Hausaufgabe zu Hause sorgfältig anschauen und versuchen aus ihren Fehlern zu lernen – schön für dich. Die meisten meiner Schüler machen das NICHT. Sie nehmen ihre Hausaufgabe in Empfang, werfen (falls überhaupt) einen kurzen Blick darauf und lassen den Zettel auf Nimmerwiedersehen im allgemeinen Chaos ihres Ordners bzw. ihrer Sammelmappe verschwinden.Zu Beginn meiner Paukerei habe ich die „Wirksamkeit“ meiner Korrekturen stichprobenartig überprüft. Während der Korrektur habe ich mir Notizen gemacht, WAS ich bei den einzelnen Schülern korrigiert habe. Um die Aufmerksamkeit auf die gravierendsten Fehler zu lenken, habe ich die entsprechenden Fehler mit einem Ausrufezeichen markiert. Bei meinen Stichproben habe ich dann ausschließlich diese besonders markierten Fehler überprüft. Das Ergebnis war – man ahnt es – niederschmetternd.

Nach diversen Experimenten (u.a. mit Fehlerlisten) bin ich dann bei meiner Überarbeitungs-Methode gelandet, der ich bis heute treu geblieben bin. Die Grundannahme ist dabei, dass ein Lerneffekt nur eintritt, wenn sich der Schüler AKTIV mit seinem Fehler beschäftigen muss, es handelt sich also um eine „schüleraktivierende“ Methode. Konventionelles „positives“ Korrigieren ist hingegen m.E. „schülerPASSIVIEREND“, er liest lediglich (falls überhaupt) und soll sich das Gelesene merken. Je nachdem wie aktiv der Schüler werden muss, gibt es eine „light“ und eine „hardcore“ Variante.

Voraussetzung für die „Revision Light“ Methode ist lediglich, dass Schüler ihre Texte tippen und ordentlich formatieren (doc). Die Schüler üben eine z.B. in Hinblick auf die Seminararbeit wichtige Fähigkeit Kompetenz und DU kannst alle Texte problemlos lesen und musst dich nicht durch unleserliches Geschmotzel kämpfen.

Du korrigierst „ganz normal“ positiv, streichst also Falsches durch und schreibst das Richtige drüber. Außerdem unterringelst du z.B. ungeschickte Formulierungen und schreibst die bessere drüber bzw. daneben. Als Hausaufgabe müssen die Schüler ihren Text überarbeiten, ihre Fehler korrigieren, deine Verbesserungsvorschläge in ihren Text einbauen, zum Schluss ihren Text neu drucken und (zusammen mit der alten Version) in der nächsten Stunde mitbringen. Eine entsprechende Anleitung für deine Schüler gibt es hier. Du sammelst die beiden Versionen ein, legst sie zuhause nebeneinander und überprüfst, ob der Schüler sorgfältig gearbeitet hat (hat er normalerweise nicht). Wenn er zu sehr  geschlampert hat, bekommt er den gleichen Auftrag nochmal: If at first …

Bei der Hardcore-Variante muss der Schüler hingegen bei einfachen Fehlern selber herausfinden, was falsch ist. Die Details sind im Handout Revision (doc) erläutert, das Ganze verstehst du anhand eines Beispiels (zip) besser. Eine Unterstreichung weist auf einen Fehler hin. Falls keine weiteren Informationen (wie w, gr, syn etc.) hinzukommen, handelt es sich meistens um einen Rechtschreibfehler. Je besser ein Schüler ist, desto weniger Zusatzinformationen bekommt er, je schlechter er ist, desto mehr helfe ich ihm den Fehler zu erkennen und zu verbessern.

Der große Nachteil dieser Methode ist, dass sie sehr arbeitsaufwändig ist. Wenn ich konventionell korrigiere, sitze ich EINMAL ein paar Stunden da und das war’s dann. Bei meiner Methode ist bereits die eigentliche „Korrektur“ meistens arbeitsaufwändiger, als wenn ich einfach die richtige Lösung drüberschreiben würde. Doch dann geht es ja noch weiter. Gerade wenn ich eine Klasse / einen Kurs neu übernehme und sie meine Methode nicht kennen, ist das erste Mal meistens eine zähe Angelegenheit. Bei schlechten bzw. faulen motivational herausgeforderten Schülern braucht es oft drei (oder mehr) „Durchgänge“, bis ich eine akzeptable Version bekomme, und ich die ganze Sache mit „Done“ abschließe. Hier sind große Hartnäckigkeit und vor allem buchhalterische Qualitäten gefragt! Ich habe ein eigenen Symbolsystem entwickelt, das mir jederzeit Auskunft darüber gibt, von wem ich die Hausaufgabe bereits eingesammelt habe, von wem ich noch die überarbeitete Version bekomme und bei wem das Ganze bereits abgeschlossen ist. Wenn dir solch penible Aufzeichnungen zuwider sind, solltest du die Finger von dieser Methode lassen.

Wenn sich die Sache allerdings eingespielt hat und die Schüler erkannt haben, dass ich nicht locker lasse, funktioniert es meistens hervorragend. Wie so oft, muss man am Anfang Zeit und Energie investieren um auf längere Sicht Zeit und Energie zu sparen. Auch das weitgehend positive Feedback meiner Schüler (zugegeben oft mit erheblicher zeitlicher Verzögerung z.B. bei Abiturfeieren oder noch später) bestätigt mir den Sinn dieser ganzen Arbeit.

Der pädagogische Vorteil mehrerer Durchgänge ist auf der anderen Seite z.B. bei der Korrektur eines Aufsatzes, dass man sich bei schlechten Schülern beim ersten Durchgang auf die schlimmsten howler konzentrieren kann (z.B. keine Einleitung, Hauptteil überhaupt keine Struktur etc.) und erst im zweiten Durchgang z.B. sprachliche Fehler verbessern lässt. Dadurch kann man die Zahl der zu korrigierenden Fehler auf ein vernünftiges Maß reduzieren. Viele traditionell, „sorgfältig“ korrigierten Arbeiten sind ja ein einziges rotes Meer, manchmal hat der Lehrer fast genauso viel geschrieben wie der Schüler. Da sollte man sich nicht wundern, wenn Schüler keine Lust haben, sich mit diesem deprimierenden roten Dschungel zu beschäftigen.

Anspielung im Titel … Eigentlich natürlich dieser Film.

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  1. Hiltrud Hartmann

    unglaublich motivierte und motivierende Arbeit, Jochen! Die meisten Englischlehrer an der Deutschen Schule Athen sind weder motiviert noch wollen sie motivieren, und ich hatte schon den Glauben an Lehrkräfte in bzw, aus Deutschland verloren. Wenn ein Enpaedler sich mal nach Athen versetzen lassen sollte (wenn auch nur für 3 Jahre), die Schüler und Eltern (und ich) wären sehr dankbar!

  2. Stehl-Hofer, Sonja

    Wenn man wirklich erreichen will, dass Schüler aus ihren Fehlern lernen – und das sollte man ja wohl – ist diese unnachgiebige Konsequenz ein Muss! Allerdings muss ich auch gestehen, dass sie mich verdammt viel Kraft kostet und ich das nicht immer konsequent durchhalte, vor allem dann nicht, wenn mehrere Korrekturen, Prüfungen etc. anstehen oder meine eigenen Kinder auch mal wieder intensivere Hilfe nötig haben.
    Mehr und mehr gehe ich dazu über, meinen Schülern diesen arbeitsaufwändigen „Service“ anzubieten und im Zuge der Lern- und Fördergespräche als Lernvereinbarung – sofern sie denn wollen – vertraglich festzuhalten. In besonders leistungsmotovierten Klassen führt das dazu, dass ich stets einen Stapel freiwillig abgegebener Hausaufgaben mit nach Hause nehme, die die Schüler nach deinem Revision-Prinzip überarbeiten. Nach spätestens einem Jahr liegen die Realschüler, die Durchhaltevernmögen beweisen, auf Gymnasialniveau – das motiviert und spricht sich herum!
    Beste Grüße, Sonja

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