Jochen Lüders

Englisch & Sport am Gymnasium ... und ein bisschen Tango

Vokabelheft und Lernkartei

Wäh­rend das tra­di­tio­nel­le Voka­bel­heft zumin­dest in der Fach­li­te­ra­tur auf­grund sei­ner lern­psy­cho­lo­gi­schen Nach­tei­le inzwi­schen weit­ge­hend abge­lehnt wird, wird das Wort­schatz­ler­nen mit der Lern­kar­tei noch immer als sinn­vol­le Alter­na­ti­ve emp­foh­len. Auf­grund jah­re­lan­ger Erfah­rung als Leh­rer (und Vater von drei Kin­dern) bin ich der Mei­nung, dass die angeb­li­chen Vor­tei­le der Lern­kar­tei einer kri­ti­schen Über­prü­fung in den meis­ten Fäl­len nicht stand­hal­ten.

Vokabelheft

In der didak­ti­schen Lite­ra­tur ist man sich weit­ge­hend einig, dass das tra­di­tio­nel­le Voka­bel­heft (egal ob es nun zwei oder drei Spal­ten hat) auf­grund sei­nes „lern­psy­cho­lo­gisch defi­zi­tä­ren Kon­zepts“ [1] abzu­leh­nen sei. Das Abschrei­ben der Voka­beln aus dem Buch gilt bei Schü­lern zu Recht als sche­ma­tisch, „läs­tig und reiz­los“ [2]. Das Ergeb­nis die­ses didak­ti­schen Leer­laufs ist oft völ­li­ger Blöd­sinn, weil gedan­ken­los z.B. erst die lin­ke Spal­te und danach erst die rech­te Spal­te abge­schrie­ben wird, so dass die Wort­glei­chun­gen über­haupt nicht zuein­an­der pas­sen [3]. Jeder, der schon mal Voka­bel­hef­te hat füh­ren las­sen, weiß, wie­vie­le Feh­ler bei der Über­tra­gung ent­ste­hen und wie unsin­nig es für Schü­ler ist, aus ihrem eige­nen Voka­bel­heft zu ler­nen. Abge­se­hen von den unzäh­li­gen Feh­lern feh­len wich­ti­ge Zusatz­in­for­ma­tio­nen des Buches wie z.B. die kor­rek­te Aus­spra­che, Hin­wei­se auf fal­se fri­ends, Bei­spiel­sät­ze und Defi­ni­tio­nen.

Lernkartei

All o.a. Ein­wän­de gegen das Voka­bel­heft sind jedoch offen­bar ver­ges­sen, wenn es um Voka­bel- bzw. Lern­kar­tei­en geht. In schö­ner Regel­mä­ßig­keit taucht die Lern­kar­tei in Hand­rei­chun­gen zum The­ma Ler­nen ler­nen und den ent­spre­chen­den skills auf und vie­le Web­sites emp­feh­len sie oft völ­lig unkri­tisch, ohne auf die ent­spre­chen­den Pro­ble­me in der Pra­xis ein­zu­ge­hen.

Wohl­ge­merkt geht es im Fol­gen­den nicht um das Ler­nen mit Kar­tei­kar­ten auf frei­wil­li­ger Basis, son­dern als Alter­na­ti­ve zum Voka­bel­heft ver­pflich­tend für die gan­ze Klas­se. Auf der Lern­kar­tei-Site von Wer­ner Stangl heißt es des­halb zu Recht: „Bei der Ver­mitt­lung die­ser Arbeits­me­tho­de soll­te kein Schü­ler dazu gezwun­gen wer­den, mit die­ser Metho­de zu arbei­ten, viel­mehr soll­te nach der Beschrei­bung der Metho­de und etwai­gen Hil­fe­stel­lun­gen bei Anfangs­schwie­rig­kei­ten die Selbst­tä­tig­keit der Schü­le­rIn­nen im Mit­tel­punkt ste­hen. Das Arbei­ten mit der Lern­kar­tei ist gene­rell eine indi­vi­du­el­le Ange­le­gen­heit […]“.

Das Prin­zip der Lern­kar­tei ist selbst­ver­ständ­lich zeit­los gül­tig, schließ­lich basie­ren prak­tisch alle Voka­bel­trai­ner auf dem Prin­zip der Lern­kar­tei. Im Fol­gen­den geht es ledig­lich um die prak­ti­schen Pro­ble­me, die im schnö­den Schul­all­tag auf­tre­ten.

Probleme bei der Arbeit mit Lernkarteien

Ver­fech­ter der Lern­kar­tei tre­ten häu­fig mit dem Anspruch auf, dass das Medi­um nicht nur in eini­gen Details son­dern grund­sätz­lich dem Ler­nen mit dem Voka­bel­heft bzw. Buch über­le­gen sei. Dabei wird so gut wie nie the­ma­ti­siert, dass die Haupt­ar­beit des Abschrei­bens zunächst ein­mal exakt die glei­che ist. Es wird sug­ge­riert, dass das Abschrei­ben auto­ma­tisch moti­vie­ren­der und reiz­vol­ler wird, weil man nicht mehr in ein klei­nes Heft­chen, son­dern beid­sei­tig auf Kar­teikärt­chen schreibt. Das mecha­ni­sche Über­tra­gen der Voka­beln bleibt jedoch genau­so stu­pi­de und lang­wei­lig wie beim Voka­bel­heft, das ewi­ge Umdre­hen der Kar­ten macht das Gan­ze sogar noch ner­vi­ger und zeit­auf­wän­di­ger, was erfah­rungs­ge­mäß die Zahl der Feh­ler eher noch erhöht.

Um das stän­di­ge Umdre­hen der Kar­ten zu ver­mei­den, beschrif­ten vie­le Schü­ler (durch­aus „öko­no­misch“) zunächst ein­mal nur die „eng­li­sche“ Sei­te und erst danach in einem zwei­ten Durch­gang die Rück­sei­te der Kar­te. Dabei kommt es natür­lich leicht (genau wie beim Voka­bel­heft) zu völ­lig fal­schen und unsin­ni­gen Kom­bi­na­tio­nen. Wäh­rend das Voka­bel­heft noch ver­gleichs­wei­se bil­lig ist, sind – zumin­dest gekauf­te – Kar­tei­kar­ten rela­tiv teu­er, was die Moti­va­ti­on auch nicht gera­de erhöht.

Die Arbeit mit Lern­kar­tei­en läuft nach mei­ner Erfah­rung häu­fig nach einem bestimm­ten, vor­her­seh­ba­ren Mus­ter ab. Zu Beginn des Schul­jah­res erläu­tert der Leh­rer den Umgang und die Vor­tei­le der Kar­tei. In den fol­gen­den Wochen wer­den noch kei­ne bzw. weni­ge Steg­reif­auf­ga­ben und Schul­auf­ga­ben geschrie­ben und der Leh­rer hat noch viel Zeit, die Kar­tei­kar­ten von allen Schü­lern regel­mä­ßig zu kon­trol­lie­ren und zu ver­bes­sern. Auf­grund einer simp­len Mul­ti­pli­ka­ti­on (wie z.B. 33 Schü­ler mul­ti­pli­ziert mit der Zahl der Voka­beln einer Unit) lässt sich leicht nach­voll­zie­hen, dass die­se Kon­se­quenz nicht all­zu lan­ge durch­zu­hal­ten ist. Hin­zu kommt, dass Schü­ler natür­lich stän­dig ihre Kar­ten zu Hau­se ver­ges­sen, dass der Trans­port der Kärt­chen-Pake­te (im Ver­gleich zu den Voka­bel­hef­ten) aus­ge­spro­chen umständ­lich ist usw.

Der Leh­rer kommt gera­de bei gro­ßen Klas­sen mit der Kor­rek­tur der Kar­tei­kar­ten nicht mehr nach, weil die Kor­rek­tur von Steg­reif­auf­ga­ben und Schul­auf­ga­ben, Unter­richts­vor- und ‑nach­be­rei­tung etc. bereits (zu) viel Zeit in Anspruch nimmt. Nach kür­zes­ter Zeit befin­den sich auf den Kar­ten so vie­le Feh­ler, dass ein Ler­nen völ­lig unsin­nig gewor­den ist. Es ist des­halb sinn­voll und intel­li­gent, dass Schü­ler spä­tes­tens in die­sem Sta­di­um nicht mehr mit ihren Kar­tei­kar­ten ler­nen, son­dern mit dem Buch, in dem schließ­lich alles „rich­tig“ ist. Das Glei­che gilt übri­gens ja auch für das Voka­bel­heft; wer regel­mä­ßig mit Schü­lern zur Arbeit fährt, wird bestä­ti­gen kön­nen, dass prak­tisch alle sinn­vol­ler­wei­se aus dem Buch und nicht aus ihrem feh­ler­haf­ten Voka­bel­heft ler­nen. Nach ein paar wei­te­ren Wochen ver­san­det die gan­ze Sache meis­tens, der Leh­rer hat resi­gniert, die Schü­ler schrei­ben (falls über­haupt noch) ihre Kärt­chen nur noch, wenn Kon­trol­len dro­hen.

Kontextualisierung

Auch durch den Wech­sel des Medi­ums hat sich dar­über­hin­aus das Pro­blem der Kon­tex­tua­li­sie­rung durch Bei­spiel­sät­ze noch nicht gelöst, es wird im Gegen­teil eher noch schwie­ri­ger. Bekannt­lich bie­tet die rech­te Spal­te der meis­ten Lehr­bü­cher zu den meis­ten Wör­tern einen Bei­spiel­satz. Aus der Lern­for­schung weiß man, dass die­se Mini-Kon­tex­te für das Ler­nen von Wör­tern sehr wich­tig sind. Immer unter der Vor­aus­set­zung, dass mit den Kar­tei­kar­ten auch wirk­lich gelernt wer­den soll und es nicht nur eine mecha­ni­sche Abschrei­be­rei sein soll: Wie kom­men die­se Bei­spiel­sät­ze auf die Kar­tei­kar­ten? Sol­len sie ein­fach aus dem Buch abge­schrie­ben wer­den? Das wür­de die Abschrei­be­zeit und die Feh­ler­zahl noch­mal deut­lich erhö­hen. Eine Rei­he von Leh­rern „lösen“ das Pro­blem, indem sie die Kin­der auf­for­dern „sich einen eige­nen sinn­vol­len Bei­spiel­satz aus­zu­den­ken.“ Es ist wohl völ­lig klar, dass durch­schnitt­li­che Schü­ler damit hoff­nungs­los über­for­dert sind. Die (didak­tisch so wert­vol­len) Bei­spiel­sät­ze wer­den ent­we­der ein­fach weg­ge­las­sen („der Leh­rer kon­trol­liert frü­hes­tens wie­der in drei Wochen“) oder es ent­ste­hen größ­ten­teils fal­sche bzw. unsin­ni­ge „Kon­tex­te“.

Weitere Alltagsprobleme

Selbst wenn man annimmt, dass der Leh­rer stän­dig alle Kar­ten kon­trol­liert, kor­ri­giert und (mit sinn­vol­len und rich­ti­gen Bei­spiel­sät­zen) ergänzt, erge­ben sich im trü­ben All­tag erheb­li­che Pro­ble­me. Jeder Prak­ti­ker weiß, wie schnell in unse­rer „medi­al gepräg­ten Infor­ma­ti­ons­ge­sell­schaft“ [4] Schü­ler Wort­schatz ver­ges­sen. Ohne stän­di­ges Wie­der­ho­len geht es in den meis­ten Fäl­len nicht. Wenn man nun aber im zwei­ten Halb­jahr eine Haus­auf­ga­be wie „Revi­se vocab Unit 2“ stellt, ergibt sich für den Schü­ler das Pro­blem, wie er denn nun den über die diver­sen Fächer ver­streu­ten Wort­schatz der Unit 2 über­haupt fin­den soll. Selbst für den unwahr­schein­li­chen Fall, dass er anfängt Hun­der­te von Kar­tei­kar­ten zu durch­su­chen, wird er in einer ver­tret­ba­ren Zeit nur fün­dig, wenn er beim Beschrif­ten der Kar­tei­kar­ten die Num­mer der Unit (z.B. rechts oben auf der Kar­te) notiert hat.

Eini­ge Leh­rer ver­su­chen die­ses Pro­blem zu umge­hen, indem sie ihren Schü­lern raten, für jede Unit einen eige­nen Kar­tei­kas­ten anzu­le­gen. Wer eige­ne Kin­der im Teen­ager­al­ter hat und weiß, wie es in ihren Zim­mern nor­ma­ler­wei­se aus­sieht, ahnt, wie absurd und wirk­lich­keits­fremd die­ser Vor­schlag ist. Auch der Auf­trag, die über fünf Fächer ver­teil­ten Kar­ten zu durch­su­chen, um seman­tisch zusam­men­ge­hö­ri­ge Kar­ten zusam­men­zu­stel­len (z.B. für ein mind-map) erweist sich als wirk­lich­keits­fremd. Es geht wesent­lich schnel­ler, wenn man hin­ten im Buch das Voka­bel­ver­zeich­nis durch­geht und die ent­spre­chen­den Wör­ter her­aus­schreibt.

Ein gewich­ti­ges Argu­ment gegen das Voka­bel­heft ist die Tat­sa­che, dass es „oft nur den Voka­bel­teil des Lehr­buchs ver­dop­pelt und sei­ne Erstel­lung eine rei­ne Abschreib­ar­beit ist, ohne Ver­tie­fung in ande­ren wich­ti­gen Dimen­sio­nen des Wort­schat­zes“ [5]. Auf­grund der „Linea­ri­tät“ [6] des Voka­bel­hef­tes wird der Wort­schatz in einer völ­lig will­kür­li­chen Rei­hen­fol­ge (erneut) zu Papier gebracht, ohne dass z.B. Bezie­hun­gen zwi­schen ein­zel­nen Items im Sin­ne einer Ver­net­zung her­ge­stellt wer­den kön­nen. Merk­wür­di­ger­wei­se wird jedoch kaum kri­ti­siert, dass auch die Lern­kar­tei zumin­dest am Anfang exakt genau so „line­ar“ ist wie das Voka­bel­heft, schließ­lich wer­den die Wör­ter ja genau in der vor­ge­ge­be­nen Rei­hen­fol­ge vom Buch abge­schrie­ben und beim ers­ten Durch­gang durch­ge­ar­bei­tet. Im Ver­lauf der Arbeit mit den Kar­tei­kar­ten löst sich die­se anfäng­li­che Rei­hen­fol­ge zwar auf, es ergibt sich jedoch eine min­des­tens eben­so will­kür­li­che bzw. unsin­ni­ge Rei­hen­fol­ge. Das ein­zi­ge Kri­te­ri­um für das „Wan­dern“ einer Kar­te ist ja bekannt­lich, ob das Wort „gekonnt“ wur­de oder nicht. Ob das Wort z.B. „asso­zia­tiv in Bezugs­bün­deln ver­an­kert“ [7] wird, spielt für den Ver­bleib in einem bestimm­ten Fach des Kas­tens kei­ne Rol­le. Durch die Ver­mi­schung der Kar­ten wird zwar das sog. „Posi­ti­ons­ler­nen“ (das sinn­lo­se Ein­prä­gen des Sei­ten­lay­outs) ver­mie­den, die neue Anord­nung bringt jedoch aus lern­psy­cho­lo­gi­scher Sicht (Ver­net­zung iso­lier­ter Items, Erstel­len von seman­ti­schen Fel­dern etc.) kei­ner­lei Vor­tei­le.

Der ein­zi­ge Vor­teil der Lern­kar­tei ist m.E. (unter idea­len Vor­aus­set­zun­gen) die Fokus­sie­rung auf „nicht gekonn­te“ Wör­ter. Die­se Kon­zen­tra­ti­on auf die eige­nen „Pro­blem­wör­ter“ und das Ver­mei­den des lern­psy­cho­lo­gisch unsin­ni­gen „Über­ler­nens“ von bereits „gekonn­ten“ Wör­tern lässt sich jedoch auch anders bewerk­stel­li­gen. Die­ser „Vor­teil“ steht m.E. jedoch in kei­nem ver­nünf­ti­gen Ver­hält­nis zum Auf­wand. Jeder Leh­rer, der sei­ne Schü­ler zwingt, eine Lern­kar­tei zu füh­ren, soll­te sel­ber immer mal wie­der eine Zeit lang Kar­tei­kar­ten sorg­fäl­tig beschrif­ten, um wie­der ein Gefühl dafür zu bekom­men, wie lang­wei­lig und (zumin­dest bei sorg­fäl­ti­ger Arbeits­wei­se) enorm zeit­auf­wän­dig allein das Über­tra­gen des Wort­schat­zes ist. Beson­ders inef­fi­zi­ent wird das Gan­ze auf­grund der Tat­sa­che, dass min­des­tens die Hälf­te der Zeit auf das Schrei­ben deut­scher Wör­ter ver­wen­det wird, wäh­rend die eigent­li­che Fokus­sie­rung ja auf die Schwie­rig­kei­ten der eng­li­schen Recht­schrei­bung gerich­tet sein soll­te.

Alternativen

All dies bedeu­tet nun natür­lich nicht, dass das Schrei­ben neu­er Wör­ter sinn­los wäre. Natür­lich müs­sen neue Wör­ter geschrie­ben wer­den, damit sich über die Bewe­gung der Hand das Schrift­bild ein­prägt. Ich arbei­te mit zwei Ver­fah­ren, die sich bei­de in der Pra­xis bewährt haben. Ent­we­der das Schrei­ben neu­er Wör­ter ist frei­wil­lig und die Schü­ler machen es ohne mei­ne Kon­trol­le zuhau­se (oder eben nicht). Sie wis­sen, dass sie bei einer Rechen­schafts­ab­la­ge (= münd­li­ches Aus­fra­gen) immer die schwie­ri­gen Wör­ter schrei­ben müs­sen und bei Steg­reif­auf­ga­ben für falsch geschrie­be­ne Wör­ter min­des­tens einen hal­ben Feh­ler kas­sie­ren. Alles Wei­te­re zum The­ma „Wort­schatz ler­nen mit dem Buch“ fin­det sich in die­sem Bei­trag.

Zusammenfassung

Zusam­men­fas­send lässt sich fest­stel­len, dass Auf­wand und Ertrag von kon­ven­tio­nel­len Lern­kar­tei­en meis­tens in kei­nem sinn­vol­len Ver­hält­nis ste­hen. Selbst­ver­ständ­lich soll­te man Lern­kar­tei­en im Rah­men eines ent­spre­chen­den „Ler­nen ler­nen“ Trai­nings vor­stel­len und die Funk­ti­ons­wei­se erklä­ren. Es soll­te Schü­lern jedoch frei­ge­stellt wer­den, ob sie damit arbei­ten wol­len (der Leh­rer könn­te dann ggf. als „Ser­vice“ die Kar­ten durch­se­hen). Als Zwangs­maß­nah­me für die gan­ze Klas­se ist die Lern­kar­tei, wie das „tra­di­tio­nel­le“ Voka­bel­heft jedoch abzu­leh­nen. Durch den Ver­zicht auf das zeit­auf­wän­di­ge und in den Augen der Schü­ler „ätzen­de“ Abschrei­ben des Wort­schat­zes gewin­nen Schü­ler und Leh­rer viel Zeit für wesent­lich sinn­vol­le­re Übun­gen. In der didak­ti­schen Lite­ra­tur fin­den sich zahl­rei­che Vor­schlä­ge wie man mit Hil­fe von Lücken­tex­ten, mind-maps, Erstel­lung von seman­ti­schen Fel­der auf vocab she­ets, Ergän­zungs­übun­gen, Kreuz­wort­rät­seln etc. Wort­schatz sinn­voll wie­der­ho­len und gleich­zei­tig mit­ein­an­der ver­net­zen kann [8]. Es ist schlimm genug, dass noch immer „etwa 90 Pro­zent aller Kol­le­gen ein klein­for­ma­ti­ges, zwei­spra­chi­ges Voka­bel­heft“ füh­ren las­sen [9]; die Schü­ler das­sel­be auf Kar­teikärt­chen schrei­ben zu las­sen, stellt kei­ne Ver­bes­se­rung dar.

[1] Hein­rich Win­ter, „Sperr­müll­ak­ti­on: Samm­lung über­hol­ter Metho­den im Eng­lisch­un­ter­richt der Sekun­dar­stu­fe I (und dar­über hin­aus)“ in: PRAXIS 1/00, S. 89
[2] Her­bert Holt­wisch, „Voka­bel­hef­te und Wort­glei­chun­gen – und sonst nichts“ in: PRAXIS 4/00, S. 369
[3] vgl. H. Holt­wisch, „Voka­bel­hef­te …“, S. 369
[4] H. Holt­wisch, „Voka­bel­hef­te …“, S. 367
[5] Johannes‑P. Timm (Hg.). Eng­lisch ler­nen und leh­ren – Didak­tik des Eng­lisch­un­ter­richts. Ber­lin: Cor­nel­sen, 1998, S. 289
[6] H. Win­ter, „Sperr­müll­ak­ti­on …“, S. 89
[7] Klaus, Hinz, „Wör­ter ver­net­zen und anwen­den“ in: PRAXIS 4/99, S. 349
[8] vgl. z.B. H. Holt­wisch, „Voka­bel­hef­te …“, S. 371 ff.
[9] H. Holt­wisch, „Voka­bel­hef­te …“, S. 368

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  1. PapaF

    Vie­len Dank für die kla­ren Wor­te. Die Pra­xis, zumin­dest bei der EN-Leh­re­rin mei­nes Soh­nes, sieht lei­der auch sie­ben Jah­re nach Ihrem Ein­trag anders aus: Voka­bel­heft (alter­na­tiv­los). Und wir wären aus Eltern­sicht froh, wenn zumin­dest die Lern­kar­tei ein­ge­setzt wer­den könn­te. Alle ande­ren Ihrer Alter­na­ti­ven set­zen eine Akti­vi­tät und Beschäf­ti­gung der Leh­ren­den mit dem Pro­zess des „Voka­bel­ler­nens“ vor­aus. Wenn die­se nicht her­zu­stel­len ist, und das Ler­nen unre­flek­tiert den Schü­le­rin­nen und Schü­lern über­las­sen wird (als Frust- und Miss­erfolgs­kon­se­quenz aber auch den Eltern), dann wäre die Lern­kar­tei zumin­dest ein klei­ner Schritt nach vorn. Oder die Eltern und ihre betrof­fe­nen Kin­der bräuch­ten viel Zeit, Kom­pe­tenz und den Wil­len zu Dop­pel­ar­beit, um die Alter­na­ti­ven anzu­wen­den. Mit der Lern­kar­tei wäre zumin­dest dem Schreib­zwang ent­spro­chen, die Lern­ef­fi­zi­enz wäre etwas gestei­gert und die Frus­tra­ti­ons­schwel­le spür­bar ange­ho­ben. Und aus Zeit­man­gel im Unter­richt obliegt die wah­re Kon­trol­le, egal ob Voka­bel­heft oder Lern­kar­tei, eh den Eltern.

  2. Jenny

    Hal­lo,
    dan­ke für das flam­men­de Plä­doy­er gegen Voka­bel­hef­te. Hat mich sehr über­zeugt – ich war eigent­lich davon aus­ge­gan­gen, dass mei­ne ers­te eige­ne Eng­lisch­klas­se (klei­ne 6er mit 2. FS) im nächs­ten Schul­jahr auch ein­fach ein Voka­bel­heft füh­ren soll, bis ich das hier gele­sen habe. Ich fand als Schü­le­rin das Abschrei­ben auch immer ziem­lich ner­vig und habe im End­ef­fekt anfangs viel mit der Abdeck­me­tho­de gelernt, aber IM BUCH.
    Eine Fra­ge ist bei mir aber noch auf­ge­taucht: Abschrei­ben sol­len sie die Voka­beln ja trotz­dem zur Übung der Recht­schrei­bung und das Argu­ment mit der Lis­te nur auf Eng­lisch leuch­tet mir auch ein. Aber: Kon­trol­lie­re ich dann als Leh­rer die Lis­ten? Bei allen und dau­ernd auch wie­der sehr arbeits­auf­wän­dig. Oder ist das mit der Feh­ler­gren­ze zur Selbst­kon­trol­le gedacht? Wie hand­habst du das denn, Jochen?

    • Jochen

      > Aber: Kon­trol­lie­re ich dann als Leh­rer die Lis­ten? […] Wie hand­habst du das denn, Jochen?

      Wie du schon sel­ber schreibst: Es ist fast unmög­lich, dass bei allen Schü­lern stän­dig zu machen. Die bes­ten Erfah­run­gen habe ich damit gemacht, es auf frei­wil­li­ger Basis zu machen. Aber damit bekommst du dann natür­lich nur die Sachen der Guten und Flei­ßi­gen.

      • Jenny

        Dan­ke für die schnel­le Anwort. Ja gut, die Guten und Flei­ßi­gen bekom­men aber dann natür­lich auch eine gute Quit­tung beim Voka­bel­test und die Fau­len halt nicht… das ist dann eben so. Ich den­ke ich wer­de es dann mit der frei­wil­li­gen Abschreib-Metho­de pro­bie­ren… es wird ja an uns auch schließ­lich stän­dig hin­ge­tra­gen, dass wir „Lern­an­ge­bo­te“ machen sol­len – das Anneh­men ist dann wohl Schü­ler­auf­ga­be, so ver­steh ich es zumin­dest 😉 Ler­nen müs­sen sie die Voka­beln ja eh sel­ber, das kann ich kei­nem abneh­men, ich kann ihnen nur das Kon­trol­lie­ren anbie­ten – was in mei­nem Fall sogar noch bei allen mög­lich ist, da ich traum­haf­ter­wei­se dan­ke Latein als ers­te FS in die­ser Klas­se nur 10 Han­seln vor mir sit­zen habe.

  3. Colgate

    Ein wesent­li­cher Kri­tik­punkt gegen Voka­bel­hef­te und Lern­kar­tei stellt in Ihrem Bei­trag das Abschrei­ben der zu ler­nen­den Voka­beln dar. Wenn ein Eng­lisch­buch nicht zur Ver­fü­gung steht, weil es von Schü­le­rIn­nen nicht mit nach Hau­se genom­men wer­den kann bzw. darf, stellt das Abschrei­ben m. E. die ein­zi­ge Mög­lich­keit dar, den Lern­pro­zess über­haupt in Gang brin­gen zu kön­nen und die Lern­wör­ter zu doku­men­tie­ren.
    Auch bei mind­map­ping, Kreuz­wort­rät­seln, Satz­er­gän­zun­gen etc. muss immer die jewei­li­ge Voka­bel ein­ge­tra­gen wer­den. Das Schrei­ben bzw. Abschrei­ben bleibt – und ist aus mei­ner Sicht eine unab­ding­ba­re Vor­aus­set­zung für das Erler­nen der rich­ti­gen Schreib­wei­se. Im übri­gen stellt Abschrei­ben nicht für alle Schü­le­rIn­nen eine ätzen­de Tätig­keit dar, son­dern kann durch­aus auch mit einer Ent­span­nung ein­her­ge­hen: Abschrei­ben kann auch als will­kom­me­ne Abwechs­lung emp­fun­den wer­den (kein anstren­gen­des Memo­rie­ren, gram­ma­ti­ka­li­sches Üben, kon­zen­trier­tes­Hör­ver­ste­hen etc.).
    Um den Kor­rek­tur­auf­wand für die Lehr­kraft zu ver­rin­gern, lohnt sich der Griff in die didak­tisch-metho­di­sche Trick­kis­te: Die Schü­le­rIn­nen kon­trol­lie­ren zunächst selbst ihre Scheib­ergeb­nis­se, danach ein Part­ner, ggf.noch ein wei­te­rer Schü­ler, (der sich viel­leicht den Titel Kon­trol­leur durch sehr sorg­fäl­ti­ges Arbei­ten ver­dient hat) und Stich­pro­ben kon­trol­liert. Schü­le­rIn­nen sind bei Part­ner­kon­trol­le sehr streng und kon­trol­lie­ren nach mei­ner Erfah­rung sehr gewis­sen­haft.
    Oder aber man lässt Lern­kar­tei­kar­ten bekle­ben: Die Schü­le­rIn­nen erhal­ten eine Voka­bel­lis­te, die sie zer­schnei­den, güns­ti­ger­wei­se immer nur schritt­wei­se (also immer nur eine Zei­le bestehend aus zwei Zel­len (dt. Wort – engl. Wort)), damit es eben nicht zu fal­schen Zuord­nun­gen kommt. Die Voka­bel­lis­te hat der Leh­rer ent­we­der selbst geschrie­ben oder von eine CD aus­ge­druckt oder von Schü­lern im Rah­men der regu­lä­ren Unter­richts­ar­beit erar­bei­ten las­sen. Bspw. könn­ten die neu­en Voka­beln von Teams nach­ge­schla­gen wer­den und in eine PC-Lis­te ein­ge­tra­gen wer­den, die dann vom L kontrolliert,ausgedruckt und ver­viel­fäl­tigt wird. Sind die Lern­kar­tei­kar­ten erst ein­mal erstellt, kön­nen sie sehr varia­bel und effi­zi­ent für wei­te­re Übun­gen ein­ge­setzt wer­den: eigen­stän­di­ges Ler­nen (Dosen­dik­tat, Lauf­dik­tat, Sät­ze ergän­zen (DIN A 3 AB, Lücken wer­den mit Kar­tei­kar­ten gefüllt), Part­ner­dik­tat (Auf­schrei­ben, Buch­sta­bie­ren, Ver­frem­dun­gen des Part­ners her­aus­fin­den) Wett­kämp­fe (1 Quiz­lei­ter, 2 Kan­di­da­ten; Fuß­ball­spiel; Vier gewinnt), (Wett)spiele (Memo­ry, Kim-Spie­le, Bin­go. Flie­gen­klat­sche, Mon­tags­ma­ler, Hang­man), Ord­nen (Wort­fel­der, alpha­be­tisch), Kate­go­ri­sie­ren (semantisch,Wortarten) etc.
    Ein Voka­bel­heft bie­tet in die­ser Hin­sicht nur ein­ge­schränk­te Übungs­mög­lich­kei­ten, vor allem durch die star­re Rei­hen­fol­ge der Voka­beln, die nur durch mind. einen wei­te­ren Lern­part­ner zu umge­hen ist. Ein Groß­teil der og. Übun­gen lässt ein Voka­bel­heft nicht zu.

    Aus mei­ner Sicht ist die Arbeit (im Gegen­satz zu Ihrer Ein­schät­zung) mit Lern­kar­tei­kar­ten abso­lut loh­nens­wert.

    Vie­len Dank für Ihre Auf­merk­sam­keit.

    Kol­le­gia­le Grü­ße von Col­ga­te

  4. Ali

    Hal­lo Jochen,
    Herr Hol­ze schaut sich Cobo­cards genau­er mit sei­ner Klas­se an. Viel­leicht hast Du schon sei­nen letz­ten Ein­trag in sei­nem Blog gese­hen, aber hier noch ein­mal:

    http://herrholze.de/?p=114#comment-281

    Ueber Feed­back freu­en wir uns immer.

    Ali

  5. > habe ich Cobo­cards (http://cobocards.com) gefun­den

    Wenn du bzw. dei­ne Schü­ler GUTE Erfah­run­gen mit die­ser Web­site machen, wür­de ich mich über einen klei­nen Gast­bei­trag freu­en, in dem du von der Arbeit mit Cobo­cards berich­test.

  6. Jan

    Sehr tol­ler Arti­kel.
    Bin über goog­le nach hier gelangt, da ich auf der Suche nach Online-Kar­tei­kar­ten Tools bin. Viel­leicht inter­es­sant für Leu­te die auch nach sowas suchen, habe ich Cobo­cards (http://cobocards.com) gefun­den. Sieht nicht schlecht aus, wer­de es mal aus­pro­bie­ren.

  7. justina

    Sie spre­chen mir aus dem Her­zen! Ich habe mich, inspi­riert durch die von Ihnen erwähn­ten VocabS­he­ets, in mei­nem Franz-Unter­richt vor vie­len Jah­ren wie folgt ent­schie­den: am Ende, wenn wir das Lek­ti­ons­vo­ka­bu­lar schon zig mal in diver­sen Übun­gen umge­wälzt haben, schrei­be ich auf je einen Papier­strei­fen ein neu­es Wort und ver­tei­le die­se dann in der Klas­se mit dem Auf­trag, auf der Rück­sei­te einen Satz mit dem neu­en Wort ( zu unter­strei­chen!) zu schrei­ben (selbst erfin­den oder Buch­vor­la­ge nut­zen). Ich sam­me­le dann alle ein, kor­ri­gie­re sie ggf., ver­wer­fe auch mal einen Satz und schrei­be selbst einen neu­en… Dann kle­be ich alle Strei­fen (zumeist nach dem Kon­text) sor­tiert auf ein DIN A 3 Blatt, das ich dann für die Schü­ler auf DIN A 4 ver­klei­nert kopie­re.
    In der Fol­ge­stun­de wer­den die Sät­ze dann reih­um vor­ge­le­sen, wer möch­te darf sich mit Blei­stift das deut­sche Wort dar­über schrei­ben. Da immer meh­re­re Papier­strei­fen einen „Block“ bil­den, soll jeder für die­sen eine Über­schrift fin­den. Dann las­se ich Zeit, das fiche de voca­bu­lai­re far­big und mit Bil­dern zu gestal­ten („indi­dua­li­sie­ren“) und dann müs­sen die Sät­ze gelernt wer­den. Die höre ich dann auch ab!
    Das nimmt zwar alles in allem ein wenig Zeit in Anspruch, aber der Auf­wand lohnt sich abso­lut! Die Schü­ler machen das sehr gern und eigent­lich sind die Hälf­te der Sät­ze schon nach so viel Beschäf­ti­gung im Gedächt­nis.
    Ich brin­ge ihnen auch Metho­den bei, wie man sich selbst abhö­ren kann (Erklä­rung führt hier zu weit).
    Ide­al wäre übri­gens, wenn jeder Schü­ler nach sei­nen eige­nen Sor­tie­rungs­kri­te­ri­en die Sät­ze auf­kle­ben wür­de, aber das klappt in der Pra­xis nicht.
    Mei­ne Metho­de funk­tio­niert in den ers­ten drei Lern­jah­ren sehr gut. Ich wei­se die Schü­ler aber auch auf ande­re Lern­me­tho­den für Voka­beln hin und ab dem vier­ten Lern­jahr etwa stel­le ich es ihnen frei, wie sie es machen. Aber dann müs­sen sie mir zumin­dest einen Nach­weis erbrin­gen, dass sie eine Metho­de haben, Wort­schatz aktiv umzu­wäl­zen und zu ler­nen.
    Ach ja, das Ver­tei­len der Papier­strei­fen hat auch den Vor­teil, dass ich Wör­ter, die aus dem Unter­richts­ge­sche­hen dar­un­ter mischen kann und sol­che, die ich im Anhang des Lehr­bu­ches für nicht ler­nens­wert hal­te, weg­las­sen kann.

  8. Doireann

    Sie haben ja so Recht, lie­ber Kol­le­ge.
    Ich bin zwar von „einer ande­ren Frank­ti­on“, aber ich erin­ne­re mich an eige­ne Erfah­run­gen mit Voka­bel­hef­ten vor allem in der Schul­lauf­bahn mei­ner Toch­ter.
    Eine Mög­lich­keit möch­te ich aber ger­ne wei­ter­ge­ben, die ich mit Erfolg für die Latein­vo­ka­beln mei­ner Toch­ter ent­wor­fen hat­te:
    Das Spiel Tri­vi­al Pur­su­it war damals sehr beliebt und ich habe klei­ne Zet­tel in den dazu pas­sen­den Far­ben (6 an der Zahl) auf­ge­trie­ben. Wir haben dann das Spiel nicht mit den eigent­li­chen Fra­ge­kärt­chen son­dern mit Latein­vo­ka­beln, bzw. Üungs­for­men des Latei­ni­schen beschrif­tet, nicht wir, mei­ne Toch­ter zum Zweck des ers­ten Lern­durch­gangs.
    So hat sie spie­lend die Voka­beln gelernt bis sie bes­ser war als ich.

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